Energiewende: Versorger wollen Braunkohle mit Sprinter-Kraftwerken retten

Energiewende: Versorger wollen Braunkohle mit Sprinter-Kraftwerken retten

von Wolfgang Kempkens

Neue Technik soll dafür sorgen, dass Braunkohle-Kraftwerke ihre Leistung schneller an das Stromangebot anpassen.

Ausgerechnet die Braunkohlekraftwerke, die als schlimmste Umweltverschmutzer und Klimasünder gelten, wollen die großen Energieversorger jetzt fit für die Energiewende machen. Abgesehen von hohen Emissionen haben die meisten Altanlagen das Problem, ihre Stromproduktion nur mit großer Zeitverzögerung an die stark schwankende Einspeisung von Wind- und Solaranlagen anpassen zu können, die künftig die Stromproduktion dominieren sollen.

Daher sahen Experten Gaskraftwerke für die Zukunft klar im Vorteil. Neue Technik soll den Kohle-Methusalems jetzt auf die Beine helfen und sie zu zuverlässigen Partnern der Erneuerbaren machen.

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Boa-Plus: so flexibel wie ein Gaskraftwerk?Nachdem RWE und Vattenfall ihre jüngsten Braunkohlekraftwerke Neurath und Niederaußem, beide in der Nähe von Bergheim bei Köln, sowie das Kraftwerk Boxberg in Sachsen, erneuert haben, gibt es jetzt eine weitere Premiere. Vattenfall hat einen Kraftwerksblock in Jänschwalde bei Cottbus, der bereits rund 30 Jahre auf dem Buckel hat, mit einer Schnellregeltechnik und Brenner ausgestattet.

Die Kraftwerke, die mit den neuen Brennern ausgestattet sind, lassen sich innerhalb von 15 Minuten auf 30 Prozent ihrer Leistung herunterregeln und ebenso schnell wieder auf 100 Prozent hochfahren. Nur Gaskraftwerke und Batterien sind schneller. RWE behauptet sogar, dass sein neuestes Braunkohlekraftwerk in Niederaußem, das den Namen Boa-Plus trägt, genauso schnell wie ein Gaskraftwerk sein wird.

Altkraftwerke sind trägeWarum sind herkömmlichen Kraftwerken träge? Bandstraßen oder die Bahn transportieren die Braunkohle direkt in die Kraftwerke, wo sie gemahlen und gleich in die Kessel eingeblasen wird. Weil ihr Wassergehalt bis zu 60 Prozent beträgt, zündet frisch eingeblasene Kohle nur in einem höllisch heißen Feuer.

Weil Rohbraunkohle sehr schwer zündet, gibt es in jedem Kessel eine Anfahrhilfe. Ölbrenner sorgen dafür, dass die zuerst eingeblasene Kohle trocknet, damit sie entflammt. Wenn die Flammen lodern, werden die Brenner abgeschaltet. Man könnte sie auch als Stützfeuer nutzen, wenn die Stromproduktion bei viel Sonnen- und Windstrom im Netz gedrosselt wird. Doch Öl ist mehr als zehnmal so teuer wie Braunkohle. Der Kraftwerksbetrieb, der ohnehin nicht mehr viel abwirft, würde endgültig unrentabel.

Träge macht die Altkraftwerke auch die Tastsache, dass sich die Leistung der Kraftwerke nur bedingt drosseln lässt. Reduziert man die Zufuhr, sinkt die Kesseltemperatur und das Flammenmeer wird instabil. Weil dann Explosionsgefahr besteht, greift die Sicherheitsautomatik ein und schaltet den Block ab.

Neue Brenner stabilisieren FlammeIn Jänschwalde und den jüngeren Braunkohlekraftwerken sorgen nun die neuartigen Brenner für die Anfangszündung und die Stabilisierung der Flammen, wenn die Anlagen im Teillastbetrieb sind, also weniger Strom produzieren als üblich. Das ist der Fall, wenn zum Beispiel viel Grünstrom ins Netz fließt und die fossilen Kraftwerke herunterregeln müssen.

Die Versorger füttern die Kessel mit fein gemahlener Trockenbraunkohle. Die neuen Blöcke verfügen über eigene Trocknungsanlagen. Jänschwalde wird mit Brennstoff aus Schwarze Pumpe, einem Ortsteil der brandenburgischen Stadt Spremberg, versorgt. Vattenfall betreibt dort neben zwei Braunkohlekraftwerken eine Pilotanlage zur Kohletrocknung.

Im Teillastbetrieb ist der Wirkungsgrad, der bei Volllastbetrieb je nach Anlage 38 bis 44 Prozent beträgt, allerdings niedriger. Die Kohletrocknung wirkt sich dagegen nicht auf den Wirkungsgrad aus. Die gleiche Energie muss im Kessel aufgewendet werden, um die Rohbraunkohle zündfähig zu machen.

Der bei Teillast produzierte Strom ist zwar ein wenig teurer, weil der Wirkungsgrad geringer ist, aber noch mehr würde es kosten, bei einem Überangebot an Strom ganze Anlagen abzuschalten. Wenn dann wieder Strom gebraucht wird, vergehen Stunden, ehe sie wieder laufen.

Mehr Grünstrom für die NetzeInsgesamt sorgt die Regelbarkeit von Braunkohlekraftwerken dafür, dass sich die Versorgung mit sauberem Strom stabilisiert. Wenn Kohlekraftwerke schneller und weiter herunterfahren, kann theoretisch auch mehr Grünstrom in die Netze fließen. Denn aktuell müssen Windkraftwerke gleich serienweise abgeschaltet werden, wenn es sehr großen Stromüberfluss gibt.

Mit ihrer neuen Technik könnten die Kraftwerksbetreiber also mit dem Voruteil aufräumen, die Kohle sei zu träge für die Energiewende. Für die Gaskraftwerke, die heute schon wegen hoher Kosten oftmals stillstehen, sind das keine guten Nachrichten.

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