Energiewende: Warum 2014 gut für die Erneuerbaren war

Energiewende: Warum 2014 gut für die Erneuerbaren war

von Benjamin Reuter

Fallende Preise für Grünstrom, Fortschritte bei Speichern - unser Jahresrückblick zeigt, was 2014 sonst noch wichtig war.

Wenn im Jahr 2050 der Energieverbrauch der Menschheit vor allem mit Windrädern, Solaranlagen und anderen erneuerbaren Energien wie der Wasserkraft, Geothermie oder Biomasse gedeckt wird und fossile Kraftwerke nur noch als Aushilfen anspringen, werden Historiker vielleicht auf das Jahr 2014 als Zeitpunkt der entscheidenden Wende hin zu einer nachhaltigeren Energieversorgung blicken.

Zugegeben: Das lässt sich über jedes Jahr irgendwie sagen. Und doch haben sich 2014 Entwicklungen verstärkt und beschleunigt, die den Energiemarkt radikal umkrempeln werden.

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Allein der globale Zubau bei den erneuerbaren Energien war rekordverdächtig. Insgesamt gingen in den vergangenen zwölf Monaten Solaranlagen mit einer Leistung von rund 44 Gigawatt ans Netz (die endgültigen Zahlen werden erst im Frühjahr bekannt). 2013 waren es noch 39 Gigawatt, 2012 waren es 31. Auch die Windenergie ist weiter auf dem Vormarsch. Neue Windräder mit einer Leistung von rund 47 Gigawatt haben 2014 ihren Dienst aufgenommen. 2013 waren es 35 Gigawatt, 2012 45 Gigawatt.

Neben den reinen Zubauzahlen waren 2014 fünf Entwicklungen für die Energiewende – vor allem für die Solarenergie weltweit und in Deutschland – entscheidend:

1. Erneuerbare Energien sind günstiger als die fossile Konkurrenz

Dass der Punkt kommen muss, an dem eine Kilowattstunde Grünstrom günstiger ist als die aus einem neuen Kohle- oder Atomkraftwerk, galt lange als ausgemacht. In diesem Jahr war es nun soweit.

In den USA sind Solar- und Windstrom ohne staatliche Unterstützung günstiger als Elektrizität aus Atommeilern und im Falle der Windenergie sogar billiger als Elektrizität aus Kohlekraftwerken. Auch Solarstrom kann in vielen Fällen in den USA schon mit Kohlekraftwerken konkurrieren.

Im März veröffentlichte der texanische Stromversorger Austin Energy Zahlen zu den Kosten für Strom aus neu gebauten Kraftwerken. Die Kohle kam auf einen Preis von 7,2 Eurocent pro Kilowattstunde. Den Preis für Strom aus einer großen Solaranlage bezifferte Austin Energy nur mit 5,8 Eurocent; mit staatlichen Beihilfen waren es sogar nur 3,5 Cent. Die Windenergie lag sogar unter drei Cent.

Auch in Europa haben die Erneuerbaren bei den Stromerzeugungskosten die Konkurrenz hinter sich gelassen. Anfang Oktober veröffentlichte die EU-Wettbewerbskommission die Kosten des in England geplanten Atomkraftwerks Hinkley Point. Demnach kostet eine Kilowattstunde aus dem neuen Meiler elf Eurocent, hinzu kommt ein jährlicher Inflationsausgleich. Die Baukosten gibt Brüssel mit 30 Milliarden Euro an.

Zwar sind geplante Kohlekraftwerke wie BoaPlus von RWE in Niederaußem nahe Köln "nur" rund 1,5 Milliarden Euro teuer und mit CO2-Abscheidung und modernsten Filtern auch vergleichsweise umweltfreundlich. Aber auch hier wird die Kilowattstunde wegen des Aufwands, das Klimagas Kohlendioxid aus dem Rauch zu filtern, wohl acht bis zehn Cent kosten, wie Experten glauben. Wind- und Solarenergie liegen in Deutschland oftmals unter diesen Kosten.

2. Neue Geschäftsmodelle

Im vergangenen Jahr haben sich Jungunternehmen mit neuen Geschäftsmodellen weiter etabliert und treiben die Energiewende voran. Ein Beispiel ist das "leasing" von Solaranlagen. Die Idee dahinter: Wer keinen Aufwand betreiben und doch Sonnenstrom vom eigenen Dach beziehen will, "verleiht" sein Dach an ein Unternehmen, das ein Sonnenkraftwerk daraufsetzt. Gegen eine monatliche Gebühr bezieht der Hausbesitzer dann seinen Strom vom Dach.

Mit diesem Modell hat das Unternehmen Solarcity in den USA schon Anlagen auf mehr als 80.000 Dächern installiert. In Deutschland verfolgen Startups wie DZ4 aus Hamburg die Idee. Was das Ganze attraktiv macht: Die monatlichen Abschlagszahlungen für die Hausbesitzer liegen unter denen, die sie für Strom aus dem öffentlichen Netz leisten müssten. Solarstrom vom Dach war nie einfacher zu bekommen.

3. Neue Verbraucherguppen

Bisher blitzen Solaranlagen vornehmlich auf Eigenheimen in der Sonne. Zunehmend aber klettern die Installateure auch auf die Dächer von Mietshäusern. So hat der Ökostromanbieter Lichtblick in Berlin Dächer bestückt, der Anbieter Naturstrom in Regensburg. Das ambitionierteste Solar-Projekt verfolgt aber der japanische Mischkonzern Toshiba. Sein deutscher Ableger will im kommenden Jahr rund 100.000 Mieter mit Sonnenstrom vom Dach versorgen. Was das für die Energiewende bedeutet, ist klar: Dächer in Städten bieten ein gewaltiges Potenzial zur Stromerzeugung. Zumindest einen Teil der Energie, die ihre Bewohner verbrauchen, könnten Metropolen so lokal erzeugen.

4. Speicher auf dem Vormarsch

2014 war auch das Jahr, in dem Großakkus zur Stromspeicherung einen ersten kleinen Boom erlebten – sowohl in Form von Batterien für Privathäuser, als auch in Form von hallengroßen Speichern zur Stabilisierung des Stromnetzes. Die Batterien in Privathäusern ermöglichen, dass sich ihre Besitzer weitgehend von der öffentlichen Stromversorgung abkoppeln können und Energiekosten sparen.

Wurden in diesem Jahr rund 8400 in Kellern von Eigenheimen installiert, sollen es in nächsten Jahr schon 12.000 sein, wie die Analysten von EuPD aus Bonn schätzen. Mit den steigenden Verkaufszahlen sinken auch die Preise. Teilweise haben sich die Kosten für Stromspeicher im Laufe dieses Jahres laut EuPD halbiert.

Aber nicht nur in den kleinen Heimanwendungen, sondern auch in Netzgröße gewinnen die Speicher langsam aber sicher Anhänger – auch weil mittlerweile ein Geschäftsmodell für sie existiert. Motor dieser Entwicklung in Deutschland ist unter anderem das Berliner Startup Younicos.

Im September weihte das Unternehmen zusammen mit dem Stromversorger Wemag einen Großspeicher in Schwerin ein, der das Stromnetz künftig gegen Schwankungen sichern soll. Mit diesem Dienst wollen Wemag und Younicos den Akku refinanzieren. Geht die Rechnung auf, könnten viele weitere Speicher folgen – die Kosten würden auch hier sinken. Deutschlandweit und auf europäischer Ebene sind viele weitere ähnliche Projekte im Bau und in Planung.

Nicht zuletzt schreitet auch die Entwicklung der Akkus im Bereich der Elektromobilität voran. Mit welch großen Schritten, zeigt der E-Auto-Pionier Elon Musk mit seinem Unternehmen Tesla. Der Sportwagen Roadster war 2008 das erste in Serie produzierte Elektroauto mit leistungsfähigen Lithium-Ionen-Batterien, die den Wagen rund 400 Kilometer weit brachten. Als Musk vor wenigen Tagen das Update des E-Flitzers präsentierte, lag die Reichweite wegen der Fortschritte bei der Batterietechnik schon bei 640 Kilometer.

5. Ideen für das Energiesystem der Zukunft

Neben Innovationen bei den einzelnen Technologien gab es 2014 auch die ersten Projekte, die zeigen, wie ein Energiesystem auf Basis von umweltfreundlichen Energieträgern zumindest auf lokaler Ebene funktionieren kann. Eines dieser Pioniervorhaben startete der Hamburger Ökostromanbieter Lichtblick: In einem Reihenhaus am Hamburger Stadtrand wohnen elf Familien, die in den nächsten Jahren erproben sollen, wie die erneuerbare Technikwelt ideal zusammenspielt.

Auf dem Dach des Hauses liefert eine PV-Anlange Strom, der in einer Batterie für dunkle Stunden gespeichert wird. Zusätzlichen Strom und Wärme stellt ein kleines Blockheizkraftwerk bereit, das mit Erdgas oder Biogas betrieben werden kann. Dessen Wärme speichern große Wassertanks. Der Batteriespeicher im Haus füllt sich auch dann mit Strom aus dem öffentlichen Netz, wenn gerade viel Sonnen- und Windenergie in Deutschland verfügbar ist. Diesen günstigen Strom können wiederum zwei Elektroautos von BMW tanken, die vor der Tür parken. Die Bewohner fahren damit - verglichen mit den Kosten für Benzin - fast umsonst.

All die genannten Projekte und Zahlen zeigen, dass die Energiewende weltweit aber vor allem auch in Deutschland mit großen Schritten vorangeht. Zwar scheint es in der öffentlichen Diskussion oft, als würde das Projekt stagnieren und von Einzelinteressen aufgerieben. Aber die Energiewende ist längst mehr als EEG-Umlage und staatliche Förderprogramme – sie ist zu dem geworden, was sie immer sein sollte: Ein Treiber für Innovationen.

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