Energiewende: Wie der Kohleboom zu stoppen ist

Energiewende: Wie der Kohleboom zu stoppen ist

Deutschland erlebt ein historisches Hoch der Kohlekraft - der Klimaschutz wird so zur Farce. Doch hat die Kohle überhaupt eine Zukunft in Deutschland?

Der Neu-Energieminister Sigmar Gabiel hatte markige Worte im Gepäck, als er in der vergangenen Woche nach Brüssel reiste, um mit EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia und Energiekommissar Günther Oettinger über die Zukunft der deutschen Energiewende zu sprechen:

Die deutschen Bürger gäben jährlich Milliarden Euro aus, um Solar- und Windkraftanlagen zu bauen, sagte Gabriel sinngemäß, und dennoch werde ihre Energieversorgung nicht klimafreundlicher.

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Was Gabriel ansprach, ist der anhaltende Erfolg der Kohlekraft in Deutschland, der schmutzigsten aller Stromerzeugungsarten - trotz Energiewende. Fast die Hälfte der Elektrizität in Deutschland kam vergangenes Jahr aus Kohlemeilern.

Überraschend dabei: Für diesen paradoxen Zustand machte Gabriel nicht die schwache Energiepolitik der Vorgängerregierung verantwortlich, sondern die EU-Politiker in Belgien.

Gabriels Vorwurf lautet, dass die Verschmutzungsrechte für Kraftwerke und Industrieanlagen viel zu billig seien. “Es ist heute preiswerter, ein altes Braunkohlekraftwerk laufen zu lassen, als ein modernes Gaskraftwerk”, schimpfte er in Brüssel.

Die Idee von Gabriel ist einfach: In den Emissionshandel, der die Kosten bei den Verschmutzungsrechten regelt, müsse eingegriffen werden, dann wäre der Kohlespuk schnell beschnitten.

Doch manchem Umweltschützer und Energieexperten geht das nicht weit genug: "Nach dem Atomausstieg muss der Kohle-Ausstieg kommen, sonst macht die Energiewende keinen Sinn", fordert Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Doch geht das überhaupt - und wenn ja, wie könnte ein Kohle-Ausstieg aussehen? Und wie viel würde das kosten?

Wann könnte Deutschland auf die Kohle verzichten?Auf längere Sicht hat Kohle für die Energieversorgung ohnehin ausgedient: Im November 2012 (hier als PDF) kam eine Studie des DIW zu dem Schluss, “dass neue Braunkohlekraftwerke für den Erfolg der Energiewende nicht benötigt werden" und der Energieträger schon zwischen 2040 und 2045 ganz aus dem Netz verschwinden könnte.

Für die Steinkohle, die Deutschland zum großen Teil aus dem Ausland importiert, könnte noch früher Schluss sein, weil sie teurer ist - schon jetzt verdrängen auf dem Strommarkt moderne Braunkohlemeiler veraltete Steinkohlekraftwerke.

Bis 2040, so das Ziel der Politik, sollen außerdem mehr als 80 Prozent der Stromversorgung aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt werden - Kohle wäre dann überflüssig.

Viele Umwelt- und Klimaschützer wünschen sich aber lieber heute als morgen ein Ende der Kohle in Deutschland. Nur: Ist das realistisch?

Selbst wenn alle aktuell vorhandenen Gaskraftwerke, die weit weniger klimaschädlich sind als Kohlemeiler, auf voller Kraft laufen würden, könnten sie derzeit nur rund 30 Prozent des Strombedarfs decken. Auf die Erneuerbaren entfallen rund 25 Prozent, auf Kernkraft 16 Prozent. Es bleibt eine gewaltige Lücke. Kurzfristig zu ersetzen ist die Kohlekraft in Deutschland also nicht.

Aber wie sieht es für den Zeitraum für die Jahre zwischen 2020 und 2025 aus? Bis dahin, so plant es die Bundesregierung, soll Strom aus Wind, Sonne, Wasser und Biomasse bis zu 45 Prozent der Elektrizität im Land liefern. Aber: Zu diesem Zeitpunkt sind auch alle Kernkraftwerke vom Netz genommen.

Wer könnte dann den Rest der Stromversorgung übernehmen? Ein Blick auf die aktuellste Liste der in Deutschland geplanten und im Bau befindlichen Kraftwerke (hier als PDF) liefert durchaus überraschende Zahlen:

Denn zwischen 2020 und 2025 könnten Gaskraftwerke, wenn sie das gesamte Jahr im Vollbetrieb Dienst tun, theoretisch rund 50 Prozent des deutschen Strombedarfs decken. Voraussetzung ist allerdings, dass bis dahin keine anderen Kraftwerke gleichen Typs vom Netz gehen. Zusammen mit dem Strom der Erneuerbaren wäre der Kohleausstieg damit fast geschafft.

In der Realtität wäre ein solcher Gasboom aber immer noch nicht das Ende für die Kohle: Denn an manchen Wintertagen decken Wind und Sonne weniger als zehn Prozent des deutschen Strombedarfs. Eine solch große Lücke könnten 2025 Gaskraftwerke nicht füllen, die Kohleöfen müssten wieder angeschmissen werden.

Hinzu kommt: Bei einem baldigen Ausstieg aus der Kohle wären Milliarden Euro, die die vier großen Energieversorger in den vergangenen Jahren in ihren Kraftwerkspark gesteckt haben, mit einem Schlag verbrannt - und die Entlassungswelle, die im Zuge des Atomausstiegs bei den Unternehmen eingesetzt hat, ginge weiter.

Oliver Krischer, Energieexperte der Grünen, hält ein solches Null-Kohle-Szenario noch aus anderen Gründen in naher Zukunft für unwahrscheinlich. “Wenn man es politisch will, könnte man einen Kohleausstieg in den Jahren nach 2030 schaffen”, sagt er. Dafür müsste man aber die erneuerbaren Energien sehr viel stärker ausbauen, als es die große Koalition derzeit plant.

“In den nächsten Jahren werden zudem einige neue Kohlekraftwerke ans Netz gehen”, sagt Krischer. Kein Energieversorger würde diese neuen und sehr teuren Kraftwerke freiwillig schon vor 2030 wieder vom Netz nehmen.

Zwei neue Blöcke eines Steinkohlekraftwerks, wie sie zum Beispiel derzeit unter der Leitung von RWE in Hamm gebaut werden, kosten zum Beispiel 2,4 Milliarden Euro. Die Laufzeit ist auf 40 bis 45 Jahre angelegt.

Um diese - vor allem aber auch die heutigen Uraltkohlekraftwerke - nicht erst 2060 vom Netz zu kriegen, setzt Krischer auf technische Zwangsläufigkeit. "Wenn die Erneuerbaren mehr als 50 Prozent Anteil an der Stromversorgung haben, wird die Kohle mehr und mehr aus dem Netz gedrängt", hofft er.

Denn die Kohlekraftwerke können nur sehr eingeschränkt auf die schwankende Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom reagieren. Diese Aufgabe übernehmen dann die Gaskraftwerke.

Und noch etwas anderes macht einen Kohleausstieg vor 2030 in der jetzigen Situation unwahrscheinlich: Erdgas im großen Stil in Strom zu verwandeln, lohnt sich derzeit kaum, weil Kohlestrom so billig ist. Eine Kilowattstunde aus einem alten Braunkohlekraftwerk kostet unter drei Cent, Strom aus Gas kann das Doppelte und mehr kosten.

Viele Experten, zu denen auch Oliver Krischer gehört, fordern deshalb, der Kohlestrom müsse auf europäischer Ebene verteuert und die Umweltstandards für Kraftwerke erhöht werden. Doch wäre das genug, um den aktuellen Trend zur Kohle zu stoppen?

Wie ist ein Kohle-Ausstieg zu schaffen?Der zentrale Hebel, um den Preis von Kohlestrom in die Höhe zu treiben, ist der CO2-Preis im europäischen Emissionshandelssystem. Er ist die stärkste Waffe der EU im Kampf gegen den Klimawandel - und damit auch das entscheidende Instrument, um eine klimafreundlichere Stromversorgung zu fördern.

Vereinfacht gesagt, funktioniert das System so: Für jede Tonne CO2, die Kohlemeiler in die Luft pumpen, müssen die Kraftwerksbetreiber ein Zertifikat vorweisen. Wenn sie es nicht besitzen, müssen sie es erwerben. Teurere Zertifikate im Emissionshandel könnten die Kohleverstromung theoretisch sehr viel kostspieliger machen.

"Gelingt eine Reform des Emissionshandels, wird die Kohle beschleunigt aus dem Energiesystem gedrängt. Wenn nicht, können wir die deutschen Klimaschutzziele vergessen", sagt Felix Matthes, Energieexperte des Öko-Institutes in Berlin.

Derzeit aber sind die Verschmutzungsrechte so günstig zu haben, dass sich alte Kohlekraftwerke als klimaschädlichste Form der Energieversorgung weiterhin lohnen. Anreize für Investitionen in Effizienzmaßnahmen oder gar zur Stilllegung von Kraftwerksblöcken gibt es kaum.

Doch das soll sich jetzt ändern: Nach zähem politischen Ringen haben sich die EU-Mitgliedsstaaten in dieser Woche endgültig darauf verständigt, 900 Millionen Emissionszertifikate vorübergehend nicht zu versteigern, um den CO2-Preis zu stabilisieren.

Ihr Ziel erreichen wird die Maßnahme aber kaum. Denn die im Fachjargon als Backloading bezeichnete Aktion dürfte nur den schlimmsten Schmutzfinken unter den Kohlekraftwerken zusetzen, glauben Experten. Um Erdgas als alternative Stromquelle wettbewerbsfähig zu machen, genüge das noch lange nicht.

Dafür müsste laut der französischen Unternehmensberatung Sia Partners der Zertifikatspreis bei knapp 36 Dollar liegen – so teuer waren Verschmutzungsrechte aber noch nie in der Geschichte des europäischen CO2-Handels.

Den Finanzanalysten von Bloomberg zufolge dürfte sich der Preis für eine Tonne CO2 bis Ende des Jahres durch die EU-Maßnahme bei weniger als acht Euro einpendeln. Zwar ist das deutlich mehr als das Rekordtief von 2,46 Euro, für die Zertifikate im vergangenen Jahr zeitweise zu haben waren. “Der CO2 Preis müsste aber mindestens auf 20 Euro klettern oder höher sein, um überhaupt Anreize für die Regulierung weg von Kohle hin zu Gaskraftwerken zu geben”, sagt DIW-Energieökonomin Claudia Kemfert. Die jetzt beschlossene Verknappung des Angebots habe zu wenig Einfluss auf den Preis.

Wenn es nicht gelinge, den Emissionshandel langfristig zu stabilisieren, müsse Deutschland über eigene, strenge Standards für Kraftwerke nachdenken, sagt Kemfert.

Wie das aussehen könnte, haben die Grünen schon im Herbst 2010 in einem Gesetzentwurf ausgeführt. Darin fordern sie, dass nur noch die Kraftwerke am Netz bleiben dürfen, die auf dem neuesten Stand der Technik arbeiten, also aus wenig Kohle sehr viel Strom machen. Alte, ineffiziente Kraftwerke stünden damit vor dem Aus.

In Deutschland hatten die Grünen mit ihrer Initiative bisher keinen Erfolg. Aber Unterstützung könnte jetzt aus dem von Gabriel gescholtenen Brüssel kommen. Denn die EU hat verschärfte Umweltauflagen beschlossen, die ab 2016 für Industrieanlagen gelten und ab 2020 auch für Kraftwerke. Dann dürfen zum Beispiel alte Kohlemeiler nur noch so viel Treibhausgase ausstoßen wie neuere Anlagen. Ob es sich für die Betreiber lohnt, ihre Methusalemblöcke technisch aufzurüsten, ist fraglich.

Bleibt eine letzte, bisher unbeantwortete Frage: Was würden diese ganzen Maßnahmen überhaupt kosten, um die Kohle aus dem Netz zu drängen?

Was würde ein Kohle-Ausstieg kosten?Die beunruhigende Antwort lautet: Derzeit scheint es niemand zu wissen. Welchen Experten man in Deutschland auch anruft, in keiner Schublade liegt eine ökonomische Blaupause für den Kohle-Ausstieg. Sicher ist nur, dass Kohle aus bestehenden Kraftwerken zusammen mit Wasserkraft der aktuell günstigste Energieträger ist.

Die Rechnung scheint deshalb klar: Würde man die Kohle durch Erdgas ersetzen oder durch einen strengeren CO2-Handel verteuern, müssten auch die Endkunden mehr für ihre Kilowattstunden berappen. Und die sind durch die seit Jahren steigenden Strompreise ohnehin schon sensibilisiert.

Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) sagte deshalb der Rheinischen Post: "Wer weniger Kohle einsetzen will, muss auch dazu sagen, dass der Strom dann teurer wird."

Doch ganz so einfach wie Duin meint, ist die Rechnung nicht. Und das hat mit der Gesetzgebung für die Energiewende zu tun. Denn die Abgabe, die Stromkunden für die Energiewende bezahlen (die sogenannte EEG-Umlage), würde bei einem steigenden Preis an der Strombörse sinken. Dort wird der meiste Kohlestrom gehandelt.

Was ersteinmal paradox klingt, erklärt sich so: Die EEG-Umlage ist die Differenz aus dem Börsenpreis und den Kosten für den Strom aus Wind- und Solaranlagen. Steigt der Börsenpreis, sinkt also die EEG-Umlage, denn die Differenz wird kleiner. Und das ganz erheblich, wie das Öko-Institut in einer Studie kürzlich (hier als PDF) ausgerechnet hat.

Würden die CO2-Preise zum Beispiel auf 40 Euro pro Zertifikat steigen, würde die EEG-Umlage 2014 um ganze 1,3 Cent pro Kilowattstunde sinken. Peanuts? Mitnichten: Für einen Durchschnittshaushalt würde das eine Ersparnis auf der Stromrechnung von rund 52 Euro im Jahr bedeuten. Auch Zehntausende vor allem kleinere und mittlere Unternehmen würden profitieren.

Ärgerlich wäre ein solches Szenario nur für diejenigen, die ihren Strom direkt an der Börse kaufen und bisher keine EEG-Umlage bezahlen: Die rund 2500 stromintensiven Unternehmen. Auf sie kämen erhebliche Mehrbelastungen zu.

So bleibt abzuwarten, ob sich wirklich ein strenger Emissionshandel in Europa gegen den Willen eines Teils der Industrie durchsetzen wird.  Wenn nicht, boomt die Kohle munter weiter - und die Energiewende bleibt zwar ein Erfolg für die erneuerbaren Energien, für das Klima aber nicht.

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