Energiewende: Wie Lobbyisten den steigenden Strompreis schönreden

Energiewende: Wie Lobbyisten den steigenden Strompreis schönreden

von Benjamin Reuter

Der Strompreis wird auch 2014 steigen. Wer ist wirklich für die Kostensteigerung verantwortlich?

Es kam, wie es kommen musste: Der Strompreis wird auch 2014 weiter steigen, obwohl manche Experten das bis vor einigen Monaten nicht für möglich gehalten haben. So wettete der Energieexperte des Öko-Institutes in Berlin, Felix Matthes, noch vor einem Jahr mit dem liberalen Ökonomen Justus Haucap, dass die Kosten für die Energiewende (also die sogenannte EEG-Umlage) nicht weiter klettern.

Jetzt schrieben die beiden auf Twitter:Habe die Wette mit Justus @haucap zur EEG-Umlage 2014 krachend verloren. Analyse zu Treibern der Umlage & zur EEG-Reform alsbald auf oeko.de

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— Felix Chr. Matthes (@felixmatthes) October 15, 2013Die EEG-Umlage stieg also doch. Nämlich von 5,3 Cent pro Kilowattstunde in diesem Jahr auf 6,24 Cent im nächsten. Für einen Durchschnittshaushalt erhöhen sich die Stromkosten 2014 damit um rund 35 Euro. Die Flasche Whiskey oder Gin, die Haucap von Felix Matthes gewonnen hat, dürfte mehr kosten.

Dennoch stellt sich die Frage: Warum steigt die Umlage eigentlich? Und wer zahlt wie viel für die Energiewende? Und wer trägt die Schuld daran?

Nur einige Stunden, nachdem die Umlage heute von den vier großen deutschen Stromnetzbetreibern bekannt gegeben wurde, rüsteten schon die verschiedenen Lobbyorganisation der Industrie wortreich auf, um die Verursacher des Preisanstiegs zu brandmarken.

So schrieb zum Beispiel die Wirtschaftsvereinigung Stahl (die Lobbygruppe der Stahlindustrie) in einer Pressemitteilung:



"Die Kosten der Stahlindustrie aus der Umlage für erneuerbare Energien werden 2014 um 18 Prozent auf über 300 Millionen Euro steigen." Um die "explodierenden Kosten" einzudämmen, forderte der Verbandschef Hans Jürgen Kerkhoff "eine umgehende Reform" des Fördersystems für erneuerbare Energien. Kerkhoff will kurzerhand die Einspeisevergütung für Wind- und Solaranlagen streichen. Das käme einem Stopp der Energiewende gleich.

Der schwarze Peter sind immer die anderenAuf der anderen Seite machten auch die Interessenverbände der Erneuerbaren mobil. So schrieb der BSW, der Bundesverband der Solarwirtschaft: "Mit rund 70 Prozent geht der Löwenanteil der Steigerung auf Ursachen zurück, die nicht mit dem Bau von neuen Wind- oder Solarstromanlagen zusammenhängen."

Udo Möhrstedt, Vorstandsvorsitzender und Gründer der IBC SOLAR, eines Solaranlagenherstellers, sekundierte: „Die EEG-Umlage ist kein Indikator für die Kosten der Energiewende, sondern Symbol einer starken Industrielobby!“ Soll heißen: Dadurch, dass energieintensive Industrien wie die Stahlbranche so viele Ausnahmen von der EEG-Umlage genießen, wird die Energiewende für alle teurer.

Was denn nun?

Die Beteiligten schieben sich also gegenseitig die Schuld für die Strompreiserhöhung in die Schuhe. Immer wie immer wenn Interessen aufeinandertreffen lohnt ein Blick auf die Fakten. Und die hat das Öko-Institut heute ganz aktuell für den Berliner Think Tank Agora Energiewende zusammengetragen. Die Hauptgründe für die Preissteigerung sind demnach:

1. Der Zubau von erneuerbaren Energien macht 0,44 Cent aus (46 Prozent). Allerdings: Haupttreiber sind hier teure Offshore-Windanlagen, die Photovoltaik spielt kaum eine Rolle. Hier muss man aber beachten, dass in diesem Jahr außergewöhnlich wenig Ökostrom produziert wurde. Wäre der Sommer sonniger gewesen und das Frühjahr windiger, würden die gesamte EEG-Umlage wohl 2014 noch höher ausfallen.

2. Die gesunken Börsenpreise für Strom machen 0,36 Cent der Erhöhung aus (37 Prozent). Der Grund hierfür ist paradox: Je billiger Strom an der Börse ist, je höher steigt die EEG-Umlage. Dass die Preise an der Börse aber soweit sinken, hängt auch mit der großen Menge an Grünstrom zusammen, die mittlerweile ins Netz fließt. Auch das ist also eine Folge der Energiewendepolitik, wenn auch einer verfehlten.

3. Die Ausnahmen für die Industrie von der EEG-Umlage schlagen mit 0,14 Cent zu Buche (15 Prozent).

Das Fazit der Diskussion also, um künftige Steigerungen zu vermeiden und die Energiewende bezahlbar zu halten: Verzicht auf Offshore-Energie, eine vernünftige Politik, die die Koppelung der Börsenpreise an die EEG-Umlage aufbricht und weniger Ausnahmen für die Industrie. Mehr muss die neue Bundesregierung für eine Reform der Energiewende-Gesetzgebung nicht wissen. Sie muss nur noch an die Arbeit gehen.

Korrektur: Felix Matthes arbeitet nicht beim Öko-Institut in München, wo es gar keines gibt, sondern in Berlin.

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