Erneuerbare in Schottland: Windkraft-Rekord und Gezeiten-Potenzial

Erneuerbare in Schottland: Windkraft-Rekord und Gezeiten-Potenzial

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Die Kraft der Gezeiten versucht diese Anlage auf der schottischen Insel Islay in Strom umzuwandeln - das Potenzial gilt als enorm. (Foto: obs/Voith AG)

von Tobias Finger

Schottland hat seinen Strombedarf erstmals komplett mit Windkraft decken können. Doch der Brexit bremst den weiteren Ausbau.

Der 7. August wurde in diesem Jahr zu einem historischen Tag in Schottland. Erstmals haben Windkraftwerke allein mehr Energie generiert als das ganze Land verbraucht. Das hat der World Wildlife Fund (WWF), der die Berechnungen für Schottland vornimmt, im nördlichsten Teil Großbritanniens festgestellt.

Den Umweltschützern zu Folge führte für die Jahreszeit ungewöhnlich stürmisches Wetter dazu, dass die Turbinen 106 Prozent des landesweiten Energieverbrauchs abdeckten, also einen Überschuss produzierten. Für die Netze kein Problem, da Schottland ans Stromnetz des Vereinigten Königreichs angeschlossen ist.

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"Während das Wetter an diesem Sonntag für viele Menschen Schwierigkeiten verursachte, war es ein guter Tag für die Windkraft", sagt WWF Schottland-Direktor Lang Banks. Die Stürme hatten unter anderem zu großflächigen Stromausfällen und Streckenunterbrechungen im Zugverkehr gesorgt. Sogar eine 17.000 Tonnen schwere Öl-Bohrinsel riss sich los.

Aber nicht nur das Wetter führte zu diesem Meilenstein: "Dieser Erfolg ist auch dank vieler Jahre politischer Unterstützung entstanden, was bedeutet, dass erneuerbare Energien im Jahresverlauf mehr als die Hälfte unseres Strombedarfs abdecken“, so Banks weiter. Es zeigt, wie weit Schottland bei der Energiewende bereits ist.

Schottland hat mehr Potenzial als nur Wind

Trotzdem fordert Banks von der schottischen Regierung, ein klares 50 Prozent Ziel auszuloben: Bis 2030 sollen Erneuerbare die Hälfte der verbrauchten Energie erzeugen, auch für Heizung und Transport. Die Zahlen vom Wochenende zeigen, auch wenn im Sommer und sonntags mit am wenigsten Strom verbraucht wird, was mit erneuerbaren Energien im Vereinigten Königreich möglich ist.

Das bestätigt auch James Court von der Renewable Energy Association (REA) der Zeitung The Independent: "25 Prozent des Stroms im Vereinigten Königreich werden bereits von Erneuerbaren generiert, vor zehn Jahren waren wir bei 0." Neben den Windkraftwerken sind vor allem Biomasse, Wasserkraftwerke und Photovoltaikanlagen die treibenden Industrien für diese Statistik.

Und doch schlummert in Schottland noch ein weiteres, bisher wenig ausgeschöpftes Potenziial: 11.000 Kilometer Küstenlinie hat das Land, geschätzte 29 Terawattstunden jährlich könnten Expertenschätzungen zu Folge an den Stränden und Klippen des Vereinigten Königreichs gewonnen werden. Trotzdem machen Wellen- und Gezeitenkraftwerke einen verschwindend geringen Anteil der von Erneuerbaren erzeugten Energie aus.

Mehr Investitionen in Gezeitenkraft

Das soll sich möglichst schnell ändern. Mehr als 580 Millionen Euro will Beispielsweise Atlantis, einer der Marktführer für Gezeitenkraftwerke, im Zuge des Meygen Projekts an der Nordküste Schottlands investieren. Meygen soll 398 Megawatt Strom generieren, womit 175.000 Haushalte versorgt werden könnten. Kürzlich wurde die Anlage ans Stromnetz angeschlossen, die ersten Turbinen sollen noch dieses Jahr in Betrieb gehen.

"Es ist toll zu hören, dass Investoren im großen Rahmen die Gezeitenenergie in Schottland vorantreiben", freut sich Lang Banks vom WWF. Aus seiner Sicht sinnvoll: "Mit den stärksten Gezeiten Europas ist Schottland in der Poleposition für die Entwicklung dieser vielversprechenden Technologie."

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Das würde nicht nur die Treibhausgas-Emissionen deutlich reduzieren, sondern auch eine Vielzahl grüner Jobs in der noch jungen Industrie kreieren. Es wäre also ganz im Sinne der Regierungen in Edinburgh und London. Trotzdem stellen diese sich quer.

Politik beendet Förderungen für Erneuerbare

"Jetzt wo Erneuerbare im Wettbewerb mit fossilen Brennstoffen mithalten können, schließt die Gesetzgebung sie vom Markt aus", sagt REA-Mann Court. Gleichzeitig schiebt die schottische Regierung den schwarzen Peter weiter nach London.

So sprach sie in einem kürzlich abgegebenen Statement von "voller Unterstützung für CO2-sparende Technologien, die eine enorme wirtschaftliche Möglichkeit für Schottland darstellen" und wolle "die Bedrohung des Klimawandels für unsere Gesellschaft und Umwelt" bekämpfen. Trotzdem, so die Erklärung weiter, hätten "kürzlich getroffene Entscheidungen auf Ebene des Vereinigten Königreichs Schlüsselbereichen der Industrie geschadet."

Der Brexit sorgt in allen Bereichen für Unsicherheit: Investoren scheuen sich, Gelder bereitzustellen. Wie der Stromexport in die EU künftig aussehen wird, ist absolut offen. Gleiches gilt für Förder-Zusagen der EU. Geplante Projekte, etwa Leitungen zum europäischen Festland, würden den schnelleren Ausbau von Erneuerbaren möglich machen. Auch deshalb hatte sich Schottland deutlich gegen den Brexit gestellt.

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Der WWF hatte übrigens schon vor anderthalb Jahren verkündet, dass schottische Haushalte ihren Strom zu 98 Prozent aus Windkraft bezögen - damals hatte es sich aber noch um ein nicht ganz sauberes Zahlenspiel gehandelt.

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