Europa: Kohle boomt auch hier, aber nicht mehr lange

Europa: Kohle boomt auch hier, aber nicht mehr lange

von Jan Willmroth

Auf Europas Energiemärkte kommt einiges zu: Weil Kohle billig bleibt, hat Erdgas es schwer. Doch das Ende des Kohlezeitalters ist in Sicht.

Die Energiewende ist eine widersprüchliche Angelegenheit – zumindest auf den ersten Blick. Am Dienstag veröffentlichte die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen ihre vorläufigen Zahlen zum deutschen Strommix. Die Meldung des Tages: Deutschland produziert so viel Strom aus Braunkohle wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Mit 162 Milliarden Kilowattstunden (kWh) steht der schmutzige Energieträger auf Platz eins der deutschen Stromquellen. Die Steinkohle liegt mit 124 Milliarden kWh hinter den Erneuerbaren wie Wind und Sonne auf dem dritten Platz.

Gaskraftwerke haben es da zunehmend schwer: Ihr Beitrag zur Stromerzeugung fiel um zehn Milliarden Kilowattstunden auf nur noch 66 Milliarden. Und das, obwohl die vergleichsweise sauberen Gaskraftwerke als Schlüssel zu einer erfolgreichen Energiewende gelten – denn mit ihnen lassen sich Schwankungen in der Stromproduktion mit erneuerbaren Energien leicht ausgleichen.

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Doch ist der Kohle-Boom wirklich so widersprüchlich, wie es scheint? Sicher nicht – denn der Trend ist seit längerem erkennbar. Der Atomausstieg hat zu einer beachtlichen Lücke im deutschen Stromangebot geführt. Neben dem rasanten Fortschritt beim Ausbau von Wind- und Sonnenenergie füllen die Energiekonzerne diese Lücke mit dem derzeit günstigsten Energieträger – der Kohle. Niedrige CO2-Preise und der Zubau von neuen Kraftwerkskapazitäten in den vergangenen beiden Jahren machen die Kohle unschlagbar billig.

Das gilt über Deutschland hinaus auch für die meisten EU-Staaten. Womit wir beim ersten Trend werden, der sich für Europas Energiemärkte 2014 abzeichnet:

1. Kohle bleibt (vorerst) der wichtigste EnergieträgerDie beste Illustration für diesen Trend sind zwei Zahlen: Mit Stand vom Sommer 2013 waren EU-weit 50 zusätzliche Gigawatt an Kapazitäten zur Stromerzeugung auf Kohlebasis vorgeschlagen, in Entwicklung oder schon im Bau. Zur Einordnung: Das ist ungefähr die Kohlekraftwerksleistung, die in Deutschland derzeit zur Verfügung steht. Im Jahr 2012 gingen zudem mehr Kohlekraftwerke ans Netz als im Jahr 2000.

Im Verband Europäischer Übertragungsnetzbetreiber, dem 34 Länder angehören, führt die Kohle außerdem mit einem Anteil von fast 24 Prozent die Stromproduktion an.

Der Grund: Der Preis für CO2-Zertifikate ist weiterhin so niedrig, dass sich Kohlekraftwerke auf jeden Fall lohnen. Hinzu kommt der Fracking-Boom in den USA, wodurch dort weniger Kohle verbrannt wird und der Kohlepreis in Europa enorm gefallen ist – im Herbst sogar auf ein Rekordtief von gut 60 Euro pro Tonne für Kohlelieferungen in 2014. Die scheinbar endlose Verfügbarkeit von billig zu fördernder Kohle unterstützt den Bau neuer Kraftwerke zusätzlich.

Bleibt die Frage: Wie lange wird die Kohle die europäische Stromproduktion noch dominieren? Das hängt erstens von der Preisentwicklung ab. Da dürfte sich aber nicht nennenswert etwas tun: Bei den aktuellen Gas- und CO2-Preisen müsse die Kohle schon um rund 50 Euro pro Tonne teurer werden, damit sich Gaskraftwerke wieder lohnen, hat das Beratungsunternehmen Sia Partners errechnet. Das ist allzu unwahrscheinlich, ebenso wie ein schneller Preisverfall für Erdgas. Zweitens kommt es auf den Zubau erneuerbarer Energien an – denn Sonnen- und Windstrom werden immer günstiger. Das führt zum zweiten wichtigen Trend:

2. Versorger beginnen, sich von fossilen Brennstoffen zu verabschiedenWer wegen der Kohle-Renaissance gleich Energiewende und Emissionsziele in Gefahr sieht, sollte genauer hinsehen. Analysten der Schweizer Bank UBS schätzen, dass die europäischen Energieversorger bis 2017 rund 30 Prozent ihrer Kohle-, Gas- und Ölkraftwerke schließen müssen, um mit der Strompreisentwicklung mitzuhalten.

Insgesamt sinkt der Anteil der Kohle im europäischen Energiemix schon seit Jahren leicht, wie diese Statistik zeigt:

Der wichtigste Treiber für diese Entwicklung ist der Boom bei den Erneuerbaren und beim Erdgas. Zu beobachten ist das bereits in Spanien: Dort war Windenergie nach vorläufigen Zahlen im vergangenen Jahr die Stromquelle Nummer eins, knapp vor der Atomenergie.

Entgegen der oben gezeigten Statistik für die Jahre 1990 bis 2010 hat europaweit mittlerweile auch ein Verdrängungsprozess für Gaskraftwerke eingesetzt (vor allem in Deutschland). Der Abschied von der Kohlekraft wird wohl erst ab 2015 so richtig beginnen. Spätestens dann, schreibt Cleantechnica, werde offensichtlich, dass der Kohle-Boom eine vorübergehende Angelegenheit sei.

3. Die Strompreise werden weiter fallen – aber nicht für EndverbraucherDer deutsche Strommarkt gilt als Referenz in Europa, denn er ist der größte. Bloomberg hat zum Jahresbeginn errechnet, dass der Referenz-Kontrakt für Strombezug ein Jahr im Voraus in 2014 rund sechs Prozent niedriger ausfallen wird als 2013. Kurz: der Strompreis an der Börse wird weiter sinken. Insgesamt sei der Börsenpreis für Strom seit 2010 um 32 Prozent gefallen, schreibt Bloomberg – wegen des rasanten Ausbaus der erneuerbaren Energien und der niedrigsten Stromnachfrage seit vier Jahren.

Bis auf die großen Energieversorger können sich die deutschen Unternehmen auf diese Entwicklung freuen – denn das vorausgesagte Wirtschaftswachstum setzt bezahlbare Energie voraus.

Endverbraucher werden von den zu erwartenden Niedrigstpreisen an der Strombörse hingegen nicht viel haben. Vielleicht wird Tanken billiger, womöglich sinkt auch die Heizrechnung in Haushalten mit Gasetagenheizung, aber sicher nicht die Stromrechnung. Denn auch wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen immer billiger wird, muss jemand deren Ausbau bezahlen. Und das sind momentan und auf absehbare Zeit zu einem guten Teil die Privathaushalte.

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