Experte warnt: "Energiekosten in Europa könnten um 50 Prozent steigen"

Experte warnt: "Energiekosten in Europa könnten um 50 Prozent steigen"

von Benjamin Reuter

Jean-Marc Ollagnier fordert eine EU-Energiepolitik. Ansonsten seien steigende Strompreise nicht zu verhindern.

In welche Richtung steuert Deutschland und Europa bei der Energieversorgung? Über diese Frage haben wir mit Jean-Marc Ollagnier gesprochen. Als Group Chief Executive Resources leitet er die Industriegruppe Energie, Chemie, Öl- und Gas bei der Unternehmensberatung Accenture. Zum Thema Energiewende bringt Accenture am Mittwoch den 4. Juni im Rahmen der Veranstaltung Sustainability24 Experten für eine Diskussionrunde zusammen, die WiWo Green im Livestream zeigt. Alle Informationen zur Veranstaltung finden Sie unter diesem Link. Registrieren für die Veranstaltung können Sie sich hier.

WiWo Green: Wie bewerten Sie die weltweite Wahrnehmung der Energiewende? In Australien so liest man, wird sie schon als abschreckendes Beispiel gegen den grünen Wandel ins Feld geführt.

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Jean-Marc Ollagnier: Deutschland war weltweit das erste Land, das eine Energiewende mit so ambitionierten Zielen in Angriff genommen hat. Und bei Premieren erwartet man nicht, dass auf Anhieb alles klappt und manchmal geschieht auch Unvorhersehbares. Im Rückblick würden heute wohl die meisten Experten sagen, dass Deutschland zu viel zu schnell wollte. Der massive Push für erneuerbare Energien und die großzügigen Subventionen haben diesen Bereich schnell wachsen lassen. Allerdings ging das auf Kosten der Verbraucher und der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Energiewirtschaft.

Das klingt nicht unbedingt nach einem positiven Zwischenfazit.

Es gibt da wenig Spielraum für Interpretationen. Die Energiewende ist teuer und sie hatte den ungewollten Effekt, Deutschlands CO2-Emissionen steigen zu lassen. Denn seit dem beschlossenen schnellen Ausstieg aus der Atomkraft, der bis 2022 abgeschlossen sein soll, verlässt man sich verstärkt auf die heimische Braunkohle sowie billige Importkohle als Reservekapazität. Andere Länder werden ihre Lehren daraus ziehen. Gerade Staaten wie die USA und Australien, wo die Energiekonzerne Vorbehalte gegen eine stärker dezentralisierte Erzeugung haben, schauen genau hin, was in Deutschland passiert.

Wie bewerten Sie die Situation der Energieversorger in Deutschland?

Beim Blick auf die großen Vier ist klar, dass diese gelitten haben. Die letzten Jahre waren insgesamt für die Energieunternehmen in Europa schwierig. Zusammen haben sie die Hälfte ihres Börsenwerts eingebüßt. Die deutschen Konzerne hat es dabei am härtesten getroffen. Aber es gibt auch hoffnungsvolle Zeichen und die Unternehmen haben begriffen, dass sich die Spielregeln geändert haben und sie ihr Geschäftsmodell anpassen müssen. Allerdings sind sie heute, was ihren Wert angeht, kleinere Unternehmen und werden die alte Größe kaum je wieder erreichen. Alles in allem haben wir aber die Talsohle durchschritten.

Also ist die Entwicklung in Deutschland gar keine Ausnahme?

Spezifisch für Deutschland ist, wie schnell sich diese Entwicklung vollzogen hat. Das alte Geschäftsmodell der Energieversorger ist verschwunden und nun müssen sie sich neu erfinden, um zu überleben. Das heißt, nicht nur Kosten zu senken, sondern auch neue Dienstleistungen und Produkte zu entwickeln, die ihren Kunden einen Mehrwert bieten. Einfach nur Strom pro Kilowattstunde zu verkaufen, wird künftig nicht mehr reichen.

Und was wäre eine Lösung?

Zunächst müssen die Unternehmen das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen. Das wird nur über eine zuverlässige Versorgung, bezahlbare Angebote und einen verbesserten Kundenservice funktionieren. Dabei werden neue digitale Technologien eine Schlüsselrolle spielen, etwa der Einsatz von Smart Metern und der Aufbau von Smart Grids zur Erhöhung der Netzstabilität, oder Social Media und mobile Kanäle für ein verbessertes Kundenerlebnis.

Wo ist die deutsche Energiewende erfolgreich, wo weniger?

Der Anteil der Erneuerbaren am Energiemix ist deutlich gestiegen mit inzwischen 23 Prozent der Stromerzeugung. Das ist eine Leistung. Dadurch ist eine ganz neue Industrie entstanden. Aber man muss die Frage stellen: Zu welchem Preis? Strom wird immer teurer und die CO2-Emissionen steigen. Was wir jetzt brauchen, ist eine engere Zusammenarbeit in Europa.

Was passiert, wenn das nicht klappt?

Wenn wir es nicht schaffen, dass die Politik, die Industrie und die Verbraucher europaweit die Ressource Energie effizienter managen, laufen wir Gefahr, dass unsere Energiekosten im Jahr 2030 um 50 Prozent höher liegen als heute. Das hat eine Studie ergeben, die wir zusammen mit dem europäischen Energieverband EURELECTRIC erstellt haben. Und in der Zwischenzeit wächst der Abstand zu den USA, wo Gas und Strom schon heute wesentlich günstiger sind.

Europas Industrie gerät dadurch immer weiter unter Druck. Das Problem immer weiter steigender Energiepreise für private Haushalte und Industrie ist zwar von allen Seiten erkannt und die Dringlichkeit, etwas zu tun, ebenfalls. Aber zwischen Problembewusstsein und Handeln besteht aktuell eine große Lücke.

Stichpunkt Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft: Welche Auswirkungen hat die Energiewende auf die Unternehmen in Deutschland?

Die Strompreise für die Industrie sind in den letzten vier Jahren in Deutschland um mehr als 30 Prozent gestiegen. Das ist natürlich ein Thema für die Unternehmen, gerade in energieintensiven Branchen. Das kann durchaus zu einem Wettbewerbsnachteil werden, der dann die Überlegung nach sich zieht, Produktion ins Ausland zu verlagern. Das ist ja genau der Grund für die vielen Ausnahmen von der EEG-Umlage für die großen Stromverbraucher, aber langfristig ist das auch keine Lösung.

Vor allem der energieintensive Mittelstand fühlt sich von den steigenden Strompreisen überfordert. Wie könnte man bei einem schnellem Umbau der Energieversorgung die Wettbewerbsfähigkeit erhalten?

Der beste Weg zu einer sicheren Energieversorgung, zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und bezahlbaren Energiepreisen in Europa besteht aus einem Dreiklang: eine größere Diversifizierung der Energiequellen, eine stärkere Integration der Energiemärkte und -systeme sowie eine bessere Nutzung der natürlichen Ressourcen und der technischen Expertise der einzelnen Länder. Die Hürden, die es dafür zu überwinden gilt, sind allerdings hoch.

Dazu gehört eine Koppelung der Märkte in Europa, wodurch ein vertiefter, flexiblerer und transparenter Energiemarkt entstehen würde. Außerdem ist eine bessere Verknüpfung der Übertragungsnetze erforderlich, um so Angebot und Nachfrage über die ganze Region hinweg besser auszugleichen, anstatt in jedem Land einzeln. Und schließlich brauchen wir eine größere Harmonisierung bei Regularien, Aufsicht und Fördersystemen, um einen stabilen, zusammenhängenden Rahmen zu schaffen.

Derzeit wird über die steigenden Kosten der Energiwende gesprochen. Der Anstieg wird aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Jahren weitergehen. Welchen Ausweg aus der Preisspirale gibt es?

Unsere gemeinsame Untersuchung mit EUROLECTRIC hat gezeigt, dass die Ausgaben in Europa für Strom und Gas in den letzten Jahren um mehr als 18 Prozent gestiegen sind, von 450 Milliarden Euro im Jahr 2008 auf 532 Milliarden Euro im Jahr 2012. Verantwortlich dafür waren vor allem die steigenden Strompreise. Diese wiederum wurden getrieben durch die Förderung der Erneuerbaren. Das Verbrauchsvolumen von Energie ist nahezu konstant geblieben.

Wir könnten die Energiekosten nur stabilisieren, wenn wir uns auf eine europaweite Optimierung des Energiesystems verständigen. Unsere Analyse hat gezeigt, das auf diese Weise die jährlichen Ausgaben für Energie in Europa bis 2030 um bis zu 81 Milliarden Euro gesenkt werden könnten. Dazu muss die erneuerbare Erzeugung optimiert, die Marktintegration verbessert, eine intelligente Netzsteuerung aufgebaut, ein Demand-Response-Management eingeführt und die Energieeffizienz gesteigert werden.

Erfolg werden wir aber nur haben, wenn alle Akteure zusammenarbeiten: die Energiewirtschaft, die Politik, die Aufsichtsbehörden, die Verbraucherverbände, die Industrie und die Umweltschutzorganisationen.

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