Fahrrad-Infrastruktur: Deutschland ist Entwicklungsland

Fahrrad-Infrastruktur: Deutschland ist Entwicklungsland

von Benjamin Reuter

Der ADAC hat die Fahrradfreundlichkeit deutscher Großstädte untersucht. Die meisten schneiden miserabel ab.

Diskussionsbedarf gibt es beim Thema Fahrradverkehr eigentlich keinen mehr: Radfahren ist gesund, schützt die Umwelt, braucht wenig Platz in der Stadt und ist leise. Manche Untersuchungen glauben sogar feststellen zu können, dass viele Zweiradfahrer in einem Viertel die Wirtschaft ankurbeln. Und: Desto mehr Menschen das Fahrrad nutzen, umso seltener brauchen sie das Auto.

Was liegt da näher für die Verwaltung einer Stadt, als das Radfahren zu fördern und mehr Menschen dazu zu bewegen, zur Arbeit oder zum Einkaufen mit dem Drahtesel zu fahren?

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Tempo-30-Zonen helfen RadfahrernIn meisten deutschen Städten hat sich diese Erkenntnis aber noch nicht durchgesetzt und die Infrastruktur für Radler ist erbärmlich. Jedenfalls wenn man einer Untersuchung (Befragung der Verkehrsverantwortlichen in den Städten und vor Ort Tests) glaubt, die die Planungsgemeinschaft Verkehr Hannover im Auftrag des ADAC  für zwölf deutsche Städte durchführte.

Das Ergebnis kurz und knapp: Radler finden in deutschen Städten miserable Bedingungen vor. Radwege sind schlecht ausgebaut und beschildert, Unfälle sind an der Tagesordnung, fehlende Abstellplätze und kaum Möglichkeiten Räder zu leihen oder sie reparieren zu lassen, kommen hinzu.

Im Test waren Stuttgart, München, Dresden, Berlin, Düsseldorf, Dortmund, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig und Nürnberg. München und Stuttgart schnitten noch am besten ab, Schlusslichter im Radranking sind Dresden und Dortmund.

Dabei sind die Einzelergebnisse interessant: An einer systematischen Verbesserung der Sicherheitssituation für Radfahrer arbeiten vor allem Verkehrsplaner in München, Hamburg und Berlin. Stuttgart hatte im Test wiederum die komfortabelsten und besten Radwege. Ein Problem waren häufig aber zu schmale Radwege und solche, die zu wenig Abstand zu parkenden Autos aufwiesen. Vor allem in Berlin, Leipzig und Dresden verderben kaputte Beläge Bikern die Freude.

Die Schwabenmetropole Stuttgart fiel negativ mit dem am schlechtesten ausgebauten und ausgeschilderten Wegenetz auf. In dieser Kategorie landeten auch Leipzig, Frankfurt und Nürnberg auf den hinteren Plätzen. Radfahrer, die sich in diesen Städten nicht auskennen, sind oft verloren.

Radfahrer fühlen sich unsicherIn der Kategorie Wegenetz und Auschilderung konnten München und die deutsche Haupstadt punkten. "In München und Berlin machen Tempo-30-Zonen, die zum Lückenschluss im Radverkehr gut geeignet sind, 70 Prozent des Straßennetzes aus", schreiben die Tester. Hier kommen Radfahrer auch auf der Straße gut zurecht. Bei der kommunalen Förderung des Radverkehrs – also Kampagnen, um das Radfahren zu fördern und Berücksichtigung der Anliegen der Radfahrer in der Verkehrsplanung – liegen München, Stuttgart, Berlin, Nürnberg und Leipzig vorn (hier die Ergebnisse im Detail).

Dass Handlungsbedarf in Sachen Radinfrastruktur besteht, zeigen die neuesten Zahlen zur Unfallhäufigkeit bei Radfahrern des Statistischen Bundesamtes, die der ADAC zitiert: Immerhin 354 Fahrradunfälle endeten 2013 tödlich, knapp zwei Drittel davon innerhalb von geschlossenen Ortschaften. Jedes Jahr verunglücken in Deutschland mehr als 65.000 Radfahrer, 2013 schnellte die Unfallzahl sogar auf 71.420 nach oben.

Immerhin 13 Prozent der vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC ) für seinen jährlichen Radreport Befragten äußerten auf die Frage “Warum sie nicht mit dem Fahrrad als Verkehrsmittel fahren”, dass sie es als zu gefährlich empfinden. Knapp die Hälfte der Radfahrer fühlt sich im Straßenverkehr nicht sicher. Demnach wünschen sich die meisten Befragten von der Politik auch mehr und bessere Radwege – die Straße mit Autos zu teilen, ist vielen nicht geheuer.

Laut einer Untersuchung des ADFC  aus dem Jahr 2011 fahren 38 Prozent der Deutschen mindestens einmal wöchentlich Rad. 42 Prozent fahren seltener als monatlich oder nie Fahrrad. Nur 14 Prozent der Deutschen nutzen ihr Rad täglich oder fast täglich. In den Niederlanden sind es 43 Prozent. Dabei machen die Deutschen vor allem Ausflüge mit ihren Rädern, die Niederländer nutzen die Drahtesel hauptsächlich für den Einkauf oder den Weg zur Arbeit.

Dass die Radnutzung dabei die Städte gegenüber dem Auto beim Platzbedarf für den Verkehr signifikant entlastet, zeigt eine Grafik des Blogs Zukunft Mobilität:

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