Folge des Schiefergas-Booms: Kohle und CO2 neue Exportschlager der USA

Folge des Schiefergas-Booms: Kohle und CO2 neue Exportschlager der USA

von Jan Willmroth

Mehr Erdgas, weniger Kohle: Der CO2-Ausstoß der USA sinkt wegen des Fracking-Booms. Dem Klima hilft es nicht.

Bisher hatten die Amerikaner ein griffiges Schlagwort für die Energiequelle Nummer eins in ihrem Stromsektor: „King Coal“, König Kohle. Mehr als hundert Jahre lang war die Steinkohle als Brennstoff in der Stromversorgung unschlagbar. Sie war auf heimischem Boden billig zu fördern und einfach zu verbrennen.

Doch seitdem sich vor acht Jahren die Fracking-Technologie durchsetzte, mit der Rohstoffkonzerne in den USA heute mehr als 265 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr aus tiefen Gesteinsschichten fördern, hat sich das radikal geändert. „King Coal is dead“, hieß es fortan. Die Dominanz der Kohle war binnen kurzer Zeit gebrochen.

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Zwischen 2007 und 2012 sank die Kohleverstromung um ein Viertel. In der gleichen Zeit setzte sich das Erdgas immer mehr durch. Die Stromerzeugung mit Gaskraftwerken stieg im gleichen Zeitraum um 36 Prozent, der Schadstoff-Ausstoß im US-Energiesektor fiel beträchtlich – denn bei der Erdgasverbrennung fallen nur rund halb so viele Emissionen an wie bei Kohle.

Fracking gegen den Klimawandel, Erdgas als Brückentechnologie: So lauten zentrale Argumente der Fracking-Industrie und der US-Regierung, wenn sie für ihre Gasbohrungen werben. So einfach ist das aber leider nicht.

Emissionen werden exportiertDenn König Kohle ist offenbar noch quicklebendig, wie Shakeb Afsah und Kendyl Salcito von der US-Umweltschutzinitiative CO2 Scorecard jetzt dokumentiert haben. Deren These: Anstatt den Rohstoff im Boden zu lassen, fördern die Minenbetreiber fleißig weiter. Während die USA immer weniger Kohle brauchen und deren Preis deshalb sinkt, geht sie bei gleichzeitig steigender Nachfrage auf dem Weltmarkt einfach in den Export – und mit ihr die Emissionen. Die Autoren schreiben:"Sobald wir die von der exportierten Kohle verursachten Emissionen berücksichtigen, wird klar, dass es nicht mehr viel über die CO2-Einsparungen aus der Verdrängung der Kohle durch Erdgas zu Jubeln gibt. Die Emissionen der exportierten US-Kohle übersteigen die Einsparungen durch diesen Wechsel um mehr als 60 Millionen Tonnen zwischen 2007 bis 2012."Um auf diese Zahl zu kommen, gehen die Forscher in drei Schritten vor:

- Zunächst berechnen sie, wie viele Emissionen im US-Stromsektor im betrachteten Zeitraum eingespart wurden. Netto sorgte der Wechsel von Kohle zu Gas für eine Reduktion von 86 Millionen Tonnen Kohlendioxid.

- Im zweiten Schritt betrachten sie, um wie viel der Fracking-Boom den Kohle-Export befeuert hat. Vor allem Stromproduzenten in acht EU-Ländern, China, Indien und Chile haben die günstige US-Kohle gekauft. Mehr als 91 Millionen Tonnen Kohle wurden zusätzlich verschifft.

- Zuletzt kalkulieren sie die mit gestiegenen Exporten verbundenen zusätzlichen Emissionen: 149 Millionen Tonnen CO2 stießen Kohlemeiler außerhalb der USA von 2007 bis 2012 demnach mit der Exportkohle aus. Unter dem Strich bleibt ein zusätzlicher Klimagas-Ausstoß von rund 63 Millionen Tonnen.

Erdgas dient also mitnichten als emissionsarme Brückentechnologie auf dem Weg zu einer sauberen Energieversorgung. Der einfachen Analyse von CO2 Scorecard nach zu urteilen, macht es eher Kohle und Emissionen zu neuen Exportschlagern der US-Rohstoffindustrie.

Und es erinnert an eine der bitteren Wahrheiten des Klimawandels in Zeiten der Globalisierung: Es geht nicht um relative Emissionen oder den Schadstoffausstoß einzelner Länder, sondern um absolute Mengen auf der ganzen Welt. Und die werden mit dem weltweiten Energiebedarf weiter ansteigen.

Korrektur: In einer früheren Version des Textes war von einer US-Schiefergasproduktion von 265 Millionen Kubikmeter pro Jahr die Rede. Es sind natürlich Milliarden.

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