Fracking: "Defekte Bohrungen sind das Hauptproblem"

Fracking: "Defekte Bohrungen sind das Hauptproblem"

von Benjamin Reuter

Im Interview fordert der Schiefergasexperte Uwe Dannwolf sicherere Bohrungen, ein Verbot des Fracking hält er für unnötig.

Im kommenden Jahr will die Bundesregierung endlich Vorgaben präsentieren, die das umstrittene Fracking (kurz für Hydraulic Fracturing) im Schiefergestein regeln. Derzeit gibt es ein rechtlich nicht bindendes Moratorium für das Verfahren, bei dem Förderunternehmen Wasser mit Sand und Chemikalien versetzt in den Boden pumpen, um Risse zu erzeugen und durch diese Erdgas zu fördern.

Ein am Wochenende bekannt gewordener Gesetzesentwurf sieht vor, dass Fracking zur Förderung von Schiefergas vorerst nur zu Probezwecken erlaubt wird. Die kommerzielle Förderung würde erst in Tiefen ab 3000 Metern möglich. Über Bohrungen, die näher an der Erdoberfläche liegen, soll eine Expertenkommission entscheiden.

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Im nächsten Jahr soll der Bundestag über das Fracking-Gesetz dann abstimmen. Die Frage, die sich die Abgeordneten dabei stellen müssen: Wie gefährlich ist das Verfahren wirklich, was wissen die Experten und was wissen sie nicht? Das Problem ist: Zwischen Geologen und Umweltschützern besteht in diesen Fragen keinerlei Konsens.

Den Streit um die Schiefergasförderung aufgeheizt hatte im Sommer ein mehr als 600 Seiten starkes Gutachten des Umweltbundesamtes (UBA). Darin kam der Studienleiter Uwe Dannwolf zu dem Schluss, dass es keinen Grund für ein Verbot des Verfahrens gebe. Allerdings forderte die UBA-Leiterin Maria Krautzberger implizit genau das, als sie Studie vorstellte. Später sekundierte auch die Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD), dass das Verfahren hochgefährlich sei. Die Aussagen liefen sogar in der Tagesschau.

Daraufhin passierte, was selten passiert, wenn Studien im Auftrag öffentlicher Institutionen gemacht werden: Dannwolf meldete sich im ARD-Magazin Panorama zu Wort und sprach sich gegen Krautzbergers Interpretation seiner Studie aus. Fracking in Schiefergestein sei keineswegs eine Hochrisikotechnologie. Das rief wiederum Kritiker von Dannwolf auf den Plan. Das ARD-Magazin Monitor warf ihm vor, früher für die Öl- und Gasindustrie tätig gewesen zu sein.

Hatte sich das UBA also eine Art Trojanisches Pferd ins Haus geholt und waren die Journalisten von Panorama einem Lobbyisten aufgesessen? Wir haben Uwe Dannwolf in Berlin getroffen, um mit ihm über die Vorwürfe zu sprechen und darüber, wie gefährlich das Fracking zur Schiefergasförderung seiner Meinung nach wirklich ist.

Herr Dannwolf, warum haben Sie öffentlich Ihrem Auftraggeber, dem Umweltbundesamt, widersprochen?

Die Aussage, dass Fracking eine Risikotechnologie sei, lässt unser Gutachten so nicht zu. Wir sind als Studienleitung für die Ergebnisse verantwortlich. Ich kann allerdings nicht für Ergebnisse geradestehen, die wir nicht produziert haben.

Sind Sie selbst an die Medien gegangen?

Die Journalisten von Panorama sind auf uns zugekommen. Sie hatten aber selbst herausgefunden, dass die UBA-Interpretation sich nicht mit unserem Gutachten deckte.

Der Beitrag bei Panorama hatte noch ein Nachspiel. Einige Wochen später unterstellte Ihnen ein Beitrag im ARD-Magazin Monitor, dass sie früher für die Öl- und Gasindustrie gearbeitet hätten. Der Vorwurf: Deshalb würden sie sich auch so positiv über Fracking äußern. Was ist dran an den Vorwürfen?

Meine Mitarbeiter und ich persönlich haben noch nie für die Öl- und Gasindustrie als Auftragnehmer gearbeitet. Das einzige, was ich bei meinen früheren Arbeitgebern für Explorationsfirmen gemacht habe, waren Umweltgutachten zum Beispiel für die Sanierung einer Tankstelle. Wir haben den Monitor-Journalisten sehr ausführlich über jedes Projekt berichtet, das wir mit unserer Beratung RiskCom durchgeführt haben. Da war kein Projekt dabei, das sich mit Erdöl- und Gasförderung beschäftigte. Ich habe in der Vergangenheit zum Beispiel an einer Risikoabschätzung zur CO2-Versenkung für die australische Regierung mitbearbeitet, eine Bewertung für ein Geothermieprojekt in Basel erstellt sowie eine Risikobewertung einer Planung einer Gaspipeline im Nahen Osten durchgeführt. Die Vorwürfe von Monitor entbehren also jeder Grundlage.

Kürzlich sprachen sich führende Geologen in Deutschland dafür aus, dass wissenschaftlich begleitete Pilotprojekte für die Schiefergasförderung in Deutschland erlaubt werden. Ist das auch Ihre Meinung?

Ja, das steht auch so in unserem Gutachten. Denn es gibt einige Dinge, die wir beim Fracking in Schiefergesteinen schlicht noch nicht genau wissen und die man auch erst durch praktische Untersuchungen herausfinden kann.

Zum Beispiel?

Derzeit wissen die Forscher nicht genau, wie sich die Risse verhalten, die im Schiefergestein entstehen und wie weit sie von der Vorab-Rissmodellierung abweichen. Wenn wir Forschungsbohrungen machen, dann wüssten wir auch, wie viel Erdgas überhaupt im Schiefergestein an dem Bohrstandort vorhanden ist. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften wird in Bälde eine weitere Studie zu den Schiefergaspotenzialen in Deutschland veröffentlichen.

Aber es gibt doch dazu schon Schätzungen.

Die Schätzungen gehen von einer Menge von rund 1,3 Billionen Kubikmetern aus, die sich fördern lassen. Aber in anderen europäischen Ländern haben wir gesehen, dass sich die Zahlen nach ersten Untersuchungen gravierend verschoben haben. Norwegen hatte auf einmal gar kein Schiefergas mehr, die Briten auf einmal ganz viel. Erst wenn wir für Deutschland mehr Daten haben, können wir darüber diskutieren, ob sich das Verfahren wirklich lohnt.

Aber wenn es schon so starke Unsicherheiten bei der Menge des Gases gibt, gibt es wohl auch in anderen Feldern schwarze Flecken?

Das ist richtig. Von Seiten der Behörden wird immer gesagt, es seien nie Unfälle beim Fracking aufgetaucht. Was viele nicht wissen: In Deutschland wird seit den 1960er-Jahren per Fracking Erdgas aus Sandstein gewonnen, sogenanntes Tight Gas. Letztlich hat man aber nicht ausdrücklich nach Grundwasserschäden um die Bohrungen herum gesucht. Wir können also nicht zu 100 Prozent ausschließen, dass es Leckagen gab. Andererseits wären sie wohl nicht so bedeutend gewesen, dass sie aufgefallen sind.

Das bedeutet, dass es beim Fracking zu Unfällen kommen kann?

Wie bei jeder Technologie zur Energiegewinnung kann es auch bei der Gasförderung zu Unfällen und Leckagen kommen. Wir empfehlen deshalb, das Grundwasser um die Bohrung herum sowie im weiteren Umfeld zu überwachen. Für die Forschungsbohrungen sollte auch direkt über der Schiefergesteinsschicht eine Messstelle installiert werden, obwohl diese Tiefenwässer so salzig und von Natur aus verunreinigt sind, dass sie zur Trinkwassernutzung nicht taugen. Mit der Installation solcher Messeinrichtungen bekommen wir Hinweise, ob Stoffe überhaupt nach oben wandern. Wassergeologisch ist das Aufsteigen im Norddeutschen Becken (geologische Formation in Niedersachsen, Anm. d. Red.) nicht möglich.

An welchen Stellen besteht außerdem Klärungsbedarf?

Wir haben bei der Verbesserung der Dichtheit der Rohre und der Zementation noch einige Wissenslücken. Ferner gibt es bislang keine Daten zu natürlichen Methan-Emissionen in den Gasregionen Deutschlands, die auch ohne die Erdgas-Förderung auftreten würden. Im Übrigen müssen wir in der Diskussion um die Schiefergasgewinnung entscheiden, wie viel Restrisiko wir bereit sind einzugehen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass wir auch für andere Arten der Energieerzeugung bisher keine Schwellen dafür festgelegt haben, welche Risiken wir eingehen wollen und welche nicht. Jede Art der Energiegewinnung hat auf ihre Weise Nachteile für die Umwelt.

Einige Politiker in den Regierungsparteien fordern eine Grenze von 3.000 Metern, unter der kein Schiefergas gefördert werden darf. Klingt eigentlich ganz vernünftig, wenn man nicht weiß, wie weit die Risse im Schiefergestein gehen.

Die größten künstlichen Fracks, die je untersucht wurden, waren vielleicht 500 Meter groß. Die Trinkwasserversorgung kommt überwiegend aus Aquiferen, die nicht tiefer als 100 Meter bis 400 Meter liegen. Die Grenze von 3.000 Metern ist deshalb aus der Luft gegriffen und aus politischen Gründen gesetzt. Wissenschaftlich gibt es keine haltbare Begründung für die Grenze von 3.000 Metern. 1.000 Meter Abstand zwischen Grundwasser und Schiefergestein genügen, sofern die notwendigen Erkundungen von der Industrie ausreichend durchgeführt wurden und eine Risikobewertung vor der Bohrung erstellt wurde.

Ein weiteres Problem ist das Wasser, das aus dem Boden wieder hochkommt. Häufig ist es verunreinigt. Wo soll das hin?

Beim Fracking in Sandsteinschichten für die Gewinnung von Tight Gas kommt sehr viel mehr Wasser aus der Tiefe als bei der Schiefergasförderung. Unter anderem, weil es im Sandstein mehr natürlich vorhandenes Lagerstättenwasser gibt. Dieses geförderte Wasser wird derzeit in tiefliegende teilentleerte Öl- oder Gasfelder gepumpt. Der Schiefer ist im Gegensatz zum Sandstein sehr viel trockener. Mindestens 70 Prozent des Wassers, das Unternehmen zum Fracken runterschicken verbleibt im Gestein, der Rest kommt bei der Gasförderung anfangs wieder hoch. Dieses Wasser, in dem sich Frackzusätze befinden können und die natürlichen Verunreinigungen des Schiefers, sollte vor Ort gereinigt werden, so dass es nicht über weite Strecken transportiert werden muss. Die Technik dazu existiert überwiegend, auch wenn man hier nach dem Baukastenprinzip arbeiten muss.

In Ihrem Gutachten schreiben sie der Industrie noch eine weitere Forderung ins Buch, die Unternehmen nicht gerade glücklich machen wird. Nämlich, dass sie bei den Bohrungen nachbessern muss. Wo genau?

Wir sehen in den USA, dass die Bohrungen das Hauptproblem und das Hauptrisiko bei der Schiefergasförderung sind. Allein aus den Rissen im Gestein wird keine Frackflüssigkeit nach oben in das trinkbare Grundwasser gelangen können. Die einzige wirkliche Möglichkeit, dass etwas ins Trinkwasser gelangen kann, ist durch defekte Bohrungen.

Und in wie viel Fällen geht da etwas schief?

Gesicherte Zahlen gibt es nicht, die veröffentlichte Bandbreite der Wahrscheinlichkeit, dass es ein Leck gibt, streut sehr. So zeigen die Zahlen, dass es bei jeder zehntausendsten Bohrung Leckagen gibt, allerdings sind auch Zahlen veröffentlicht, die sagen, dass in bestimmten Gebieten mindestens jede Zweite oder mehr Bohrungen schadhaft sein können. Es gibt derzeit auch keine Regelungen, wie viel Undichtigkeit tolerabel ist. Gerade deshalb ist auch die Überwachung des Grundwassers nötig. Außerdem würden größere Bohrdurchmesser helfen, um die Betonfüllung in den Bohrlöchern dicker zu machen. Sie stellt sicher, dass die Bohrung dicht ist. Denn es ist nicht ganz einfach, in drei Kilometern Tiefe ein Rohr auszuzementieren. Mehr Material kann da helfen.

Sprich, man sollte die Bohrungen noch sicherer machen?

Ja, man sollte die Bohrungen sicherer machen, weil sie die größten Schwachstellen sind. Hierzu haben wir in unserem Gutachten bereits einige dezidierte Vorschläge erarbeitet.

Lohnt sich die Schiefergasförderung mit dem Sicherheitskonzept, das Sie vorschlagen, überhaupt noch?

Wir haben überschlägige Berechnungen basierend auf den Schiefergasgewinnungsraten in den USA mit deutschen Bohrkosten aufgestellt. Es zeigte sich, dass die Amortisationsperiode für Investitionen sich gegebenenfalls um zwei Jahre nach hinten verschieben könnte. Ob sich aber die Schiefergasgewinnung in Deutschland mit dem derzeitigen Gaspreis überhaupt lohnt, wird die Industrie entscheiden. Natürlich haben wir uns bei der Entwicklung der Sicherungsmaßnahmen auch Gedanken zum Thema Verhältnismäßigkeit gemacht.

Wie sieht es mit der langfristigen Stabilität der Rohre aus? Kann da nach fünf Jahren noch was kaputtgehen?

Es gibt Firmen, die auf die Reparatur von Gestänge oder Bohrungen spezialisiert sind. Wenn es also dafür keine Nachfrage geben würde, dann gäbe es diese Spezialisten nicht. Aber nach einigen Jahren kommen aus den Schiefergaslagerstätten auch keine Frack-Flüssigkeiten mehr an die Oberfläche, sondern überwiegend nur noch Erdgas. Die Gefahren sind hier also geringer, als wenn zu Beginn der Förderung etwas schief geht.

Nehmen wir einmal den Worst Case bei einer Schiefergasbohrung in Deutschland an. Was könnte passieren, wenn zum Beispiel die Rohre undicht sind und Frac-Flüssigkeit ins Grundwasser gelangt?

Das Problem wäre, die Stoffe überhaupt im Grundwasser zu messen. Methan reagiert je nach chemischer Zusammensetzung des Grundwassers sehr schnell zu CO2, es ist also nicht überall sofort erfassbar. Gegebenenfalls würde man auch die Beimengungen zum Frackfluid erfassen können oder Schwermetalle oder Kohlenwasserstoffe wie Benzol. Insbesondere die Kohlenwasserstoffe zerfallen je nach Chemie in den Grundwasser führenden Schichten aber auch. In besonders gravierenden Fällen mit hohen Leckageraten würden einige hundert Meter Grundwasser um die Schadensstelle herum für einige Zeit verunreinigt. Als Gegenmaßnahmen könnte man das Wasser abpumpen oder die Schadstoffe mit anderen Mitteln neutralisieren. Aber es entstünde kein irreparabler Umweltschaden wie in Bitterfeld oder Fukushima.

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