Fracking in England: Erste Gas-Bohrungen noch in diesem Jahr geplant

Fracking in England: Erste Gas-Bohrungen noch in diesem Jahr geplant

von Wolfgang Kempkens

Schiefergasvorkommen in Nordengland könnten den Gasbedarf des Landes rund 100 Jahre decken.

In Lancashire im Nordwesten Englands tobt ein Krieg, kein heißer freilich, sondern einer der Worte. „Wir brauchen Sicherheiten, die von einer unabhängigen Institution garantiert werden“, sagt Heather Speak, Bürgermeisterin des kleinen Städtchens Roseacre.

„Auch wenn wir nicht von allen Grundstücksbesitzern eine Genehmigung bekommen: Wir werden bohren“, kontert Francis Egan, Vorstandschef des britischen Bohrunternehmens Cuadrilla.

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Erdgas für 100 JahreEgan will der erste sein, der vermutlich reiche Gasvorkommen im Untergrund der Britischen Inseln mit einer umstrittenen Methode ausbeuten will. Durch Fracking soll das gashaltige Gestein in ein paar tausend Metern Tiefe unzählige Risse bekommen, durch die der wertvolle Energieträger zum Bohrloch strömt. Ende des Jahres wollen die Cuadrilla-Ingenieure die ersten Bohrungen niederbringen. Ein Jahr später, so die Planung, wird das erste Gas gewonnen.

Die Experten des British Geological Survey (BGS) schätzen, dass allein im Untergrund der Bowland Shale in Mittelengland bis zu 65 Billionen Kubikmeter Erdgas lagern, von denen ein Gutteil durch Fracking zu gewinnen wäre. Damit könnte sich das Vereinigte Königreich 650 Jahre lang selbst mit Erdgas versorgen.

Nach Erfahrungen in den USA – dort wurde 2012 bereits 40 Prozent des Erdgases per Fracking gewonnen – lassen sich allerdings nur 8 bis 20 Prozent davon wirtschaftlich gewinnen. Dann reichten die Bowland-Vorkommen aber immer noch für mehr als 100 Jahre. Zudem gibt es noch andere Erdgaslager im Land, die sich erschließen ließen.

England macht den Weg für Fracking freiZum Vergleich: Nach Schätzungen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe lagern in Deutschland in Schiefergaslagerstätten etwa 1,3 Billionen Kubikmeter technisch gewinnbare Ressourcen; das ist etwa das Dreizehnfache des jährlichen inländischen Gasverbrauchs.

Während es in Deutschland eine Art Moratorium gibt, das die Nutzung der so genannten unkonventionellen Gasvorräte verhindert, ist Fracking in Großbritannien ausdrücklich erlaubt. Es gibt allerdings einige Einschränkungen. So darf die Umwelt nicht gefährdet und gefährliche Chemikalien nicht eingesetzt werden.

Die Bürger können sich allerdings wehren und verhindern, dass in unmittelbarer Nachbarschaft gebohrt wird. Was aber den Cuadrilla-Chef Francis Egan nicht abschreckt. Selbst unter den Grundstücken von Bürgern, die die Methode ablehnen, will das Unternehmen Gestein aufbrechen. Entschädigungen sollen nur in Ausnahmefällen gezahlt werden. Schließlich gebe es auch keine Entschädigung, „wenn jemand in einer Höhe von zwei Meilen über ein Haus fliegt“, sagt Egan.

Grundwasser in Gefahr?Die Bohrungen gehen, wie es üblich ist, zunächst senkrecht in die Tiefe. Wenn die Gas führende Schicht erreicht ist, lenken die Techniker sie bei Bedarf so ab, dass sich der Meißel waagerecht ins Gestein frisst. Anschließend wird „gefrackt“.

Eine Mischung aus Wasser und Sand, die etwa 99,95 Prozent der Gesamtmenge ausmacht, und einem Chemikaliencocktail wird unter höchstem Druck in die Bohrung gepresst. Tief im Untergrund sprengt es das Gestein. Ein Teil der Flüssigkeit bleibt in den Poren, der Rest tritt durch ein zweites Bohrloch aus.

Gegner der Methode fürchten, dass die Chemikalien Grundwasser verunreinigen und dass die Fracking-Flüssigkeit unkontrolliert an die Oberfläche gelangt, sodass sie nicht wieder eingefangen und aufbereitet werden kann. Zu den Chemikalien zählen Tenside, die die Oberflächenspannung des Wassers verringern. Sie ähneln den Mitteln, die beim Spülen von Geschirr genutzt werden.

Dazu kommen Mittel, die Bildung von Algen verhindern, die die frisch gesprengten Poren wieder verschließen könnten. Der Sand soll verhindern, dass sich die Spalten wieder schließen.

Die ersten Bohrungen in Lancashire sieht Cuadrilla-Chef Egan als Großversuch an. Er will herausfinden, wie viel des vermuteten Gases sich überhaupt fördern lässt.

Zahlreiche Stationen in einem Umkreis von vier Kilometern werden eventuelle Erschütterungen durch die Bohrungen dokumentieren. Denn auch in diesem Bereich droht von den kritischen Bürgern des Städtchens Roseacre Ungemach: Im US-Bundesstaat Ohio soll Fracking schon kleinere Erdbeben ausgelöst haben.

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Nicht nur Schiefergas könnte es in rauhen Mengen in Großbritannien geben, sondern auch Schieferöl, wie jüngste Untersuchungen gezeigt haben. Rund 8,6 Milliarden Barrel lagern allein im Süden Englands. Wie viel davon zu fördern ist, weiß derzeit aber niemand. Englands aktuelle Öl-Reserven werden auf 3,1 Milliarden Barrel geschätzt.

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