Fracking-Studie: Schiefergasboom ist in Deutschland unmöglich

Fracking-Studie: Schiefergasboom ist in Deutschland unmöglich

von Benjamin Reuter

Eine Studie untersucht das Potenzial für die Schiefergasförderung in Deutschland. Für Euphorie besteht demnach kein Grund.



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Wer heute an die Tankstelle fährt und für vergleichsweise wenig Geld sein Auto auffüllt, hat das einem Mann zu verdanken: George P. Mitchell. Der Amerikaner war in den Neunzigerjahren maßgeblich für die Entwicklung der Frackingmethode verantwortlich.

Indem seine Ingenieure unter hohem Druck Wasser mit Sand und Chemikalien versetzt durch lange Rohre in Schiefergestein pressten, konnten sie gigantische Öl- und Gasvorkommen erschließen, die vorher unzugänglich waren.

Begehrlichkeiten in EuropaIn den USA begann daraufhin ein in der jüngeren Geschichte einmaliger Rohstoffrausch. Heute deckt das Land schon beinahe die Hälfte seines Gasverbrauchs mit Erdgas aus Schiefergestein. Der Rohstoff ist so billig, dass er sogar die Kohle verdrängt und zu einer Industrierenaissance geführt hat. Zudem sind die USA zum größten Erdölförderer weltweit aufgestiegen.

Die Entwicklungen jenseits des Atlantiks wecken Begehrlichkeiten, auch in Europa, auch in Deutschland. Denn auch hier gibt es große Schiefergasvorkommen, glauben die Geologen (wie groß sie sind, weiß derzeit allerdings niemand mit Sicherheit zu sagen).

Ob solch ein Rohstoffboom auch in Europa möglich wäre und welche Folgen er hätte, hat nun Werner Zittel, Erdgas- und Rohstoffexperte der Beratung Ludwig-Bölkow-Systemtechnik aus Ottobrunn, im Auftrag der Energy Watch Group untersucht. Die Watch Group ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich vor allem mit der Verfügbarkeit von fossilen Rohstoffen beschäftigt.

Deutschland will auch frackenDas Fazit des Autors fällt dabei nicht besonders positiv aus: "Mit gefrackten Bohrungen wurde (in den USA) mit regional flächendeckenden Umweltschäden, irreversiblem Wasserverbrauch und Umwandlung von ländlichem Raum in industriell geprägte Landschaft ein hoher Preis bezahlt."

Diesem Befund würde niemand, der mit der Situation in den USA vertraut ist, widersprechen. Tatsächlich herrschte in vielen Fördergebieten lange Jahre eine Wildwest-Stimmung, Kontrollen der Behörden fehlten und die Rohstoffunternehmen benutzten die Umwelt als Mülleimer für giftige Abfälle, die beim Fracking anfallen. Das beginnt sich erst langsam zu ändern.

Die Studie der Energy Watch Group kommt nicht ganz zufällig zum jetzigen Zeitpunkt. Denn die Bundesregierung plant demnächst ein Gesetz vorzulegen, dass das Fracking in Schiefergestein in Deutschland regelt. Die Eckpunkte sind auch schon bekannt (ausführlich hier und hier):

Die Unternehmen dürfen unter anderem beim Fracking keine giftigen Stoffe einsetzen, kommerziell dürfte vorerst nur in Tiefen unterhalb von 3000 Meter gefrackt werden und die Erschließung der Vorkommen, die darüber liegen, bedarf der Genehmigung eines Expertenrates. Zudem darf Grundwasser nicht gefährdet sein und es müssen Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt werden. In einigen Jahren wird eine vollständige Erlaubnis des Verfahrens vom Bundestag geprüft.

Aber selbst wenn diese Vorgaben sich durchsetzen glaubt Zittel nicht an einen Schiefergasboom in Deutschland. Zu unterschiedlich seien die Bedingungen hierzulande im Vergleich mit den USA. Der Tenor: Wenn es sich eh nicht lohnt, dann könne man es auch gleich bleiben lassen.

Konkret nennt der Autor die fehlende Erdöl- und Gasinfrastruktur, um viele Bohrungen in kurzer Zeit zu ermöglichen, und eine nennenswerte Förderung aufzubauen. Außerdem sei die USA viel dünner besiedelt, die Wahrscheinlichkeit von Protesten gegen das Fracking sei deshalb in Deutschland höher. Außerdem könnten die bei der Förderung austretenden Methangase die Klimaziele der Bundesregierung torpedieren.

Hinzu kommen laut der Studie:

  • "Die Nutzungskonkurrenz in Deutschland um den ländlichen Raum ist bereits heute wesentlich größer als in den USA
  • Die Vergabepraxis von Bohrrechten erfolgt nur über staatliche Aufsichtsbehörden. Zusätzlich muss noch eine Einigung mit dem Grundstückseigentümer gefunden werden, der einen wesentlich geringeren finanziellen Ausgleich erhält als in den USA
  • Die Förderanlagen sind wesentlich teurer und aufwändiger, da hier höhere Standards einzuhalten sind
  • Die potenziellen Schiefergasvorkommen sind vermutlich wesentlich weniger mächtig und weniger ergiebig als in den USA
  • Aufgrund der wesentlich höheren Kosten rechnet sich die Schiefergaserschließung in Deutschland vermutlich auf absehbare Zeit nicht."

Das Fazit von Zittel: "Es herrscht bei fast allen Beobachtern und Akteuren Einigkeit, dass in Europa und insbesondere auch in Deutschland die Schiefergasförderung aus den genannten Gründen nicht den Stellenwert erlangen wird wie in den USA."



Auch mit einem Pro-Fracking-Argument der in Deutschland tätigen Gasförderer will er aufräumen: Nämlich, dass in Deutschland schon rund 300 Mal gefrackt wurde und das Verfahren erfolgreich sei. Mit einer genauen Analyse der Förderraten zeigt er, dass das Fracking den Förderrückgang in Deutschland nur kurze Zeit abbremsen konnte, er sich in den vergangenen Jahren aber wieder verstärkte.



Die Grafik untermauert ein zentrales Argument der Fracking-Gegner: Die Schiefergasförderung verschiebt den Zeitpunkt nur, an dem die Öl- und Gasförderung abnimmt. Zukunftsträchtiger sei es deshalb, die Energieversorgung so umzubauen, dass ein Verzicht auf die fossilen Rohstoffe möglich ist.

Zudem warnt Zittel in der Studie vor einer "Umwandlung einer Naturlandschaft hin zu industrieller Prägung". Verantwortlich dafür ist vor allem der LKW-Verkehr, der Wasser (mehrere Millionen Liter) und Material für die Bohrungen heranschafft.

Unternehmen versprechen umweltverträgliche FörderungDie Studie kommt auch zu dem Schluss, dass das geplante deutsche Frackinggesetz zumindest teilweise den europäischen Vorgaben widerspricht. So seien im deutschen Entwurf zum Beispiel keine konkreten Sicherheitsabstände zum Grundwasser und Wasserschutzgebieten genannt.

Insgesamt sind die Bedenken und Argumente in der Studie tatsächlich nicht ganz neu. Schon lange glauben Kritiker, dass sich in den USA eine Rohstoffblase gebildet hat, die demnächst platzen könnte. Auch die Studie geht ausführlich auf diese Diskussion ein und legt das Ende des Schiefergasbooms auf 2015 oder spätestens 2020. Die US-Energiebehörde geht dagegen davon aus, dass der Schiefergasboom bis 2040 anhält.

Die Unternehmen in Deutschland jedenfalls haben sich auf Argumente wie von Zittel schon eingestellt. So verspricht ExxonMobil, keine giftigen Stoffe beim Fracking einzusetzen. Zudem sei das Fracking in Schiefergestein umweltverträglicher und weniger aufwendig als das bereits jetzt betriebene Fracking in Sandsteinschichten (Stichwort Tight Gas).

Ob sich die Bevölkerung und die Politik von diesen Argumenten überzeugen lässt oder doch lieber Experten wie Zittel folgt, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.

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