Frage der Woche: Brauchen wir eine Helmpflicht für Fahrradfahrer?

Frage der Woche: Brauchen wir eine Helmpflicht für Fahrradfahrer?

von Felix Ehrenfried

Sollte die Politik Fahrradfahrer zum Tragen eines Helmes verpflichten? Experten sind darüber uneins.

In unserer Rubrik „Frage der Woche“ gehen wir regelmäßig einer spannenden Frage nach. Heute geht es um die Frage, was eine Helmpflicht für Fahrradfahrer in Deutschland bringen würde. Haben Sie auch eine Frage? Dann schreiben Sie uns an die Adresse green@wiwo.de.

Als im Oktober 2011 Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) erklärte, dass er über eine Helmpflicht für Fahrradfahrer nachdenke, hagelte es Kritik von der Opposition und Radexperten. Geärgert hatte die Radlfans folgende Aussage: "Wenn sich die Helmtragequote von neun Prozent nicht signifikant auf weit über 50 Prozent erhöht in den kommenden Jahren, dann muss man fast zu einer Helmpflicht kommen."

Anzeige

Eine Sprecherin des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) erklärte damals gegenüber dem Spiegel, dass eine Helmpflicht nur dazu führen würde, dass weniger geradelt werde und  "alles noch gefährlicher" werde.

Das klingt zwar paradox, doch mit der Kritik war die Idee Ramsauers, allen Radlern egal welcher Altersklasse, einen Kopfschutz per Gesetz vorzuschreiben, schnell wieder vom Tisch. Beim 3. Nationalen Radverkehrskongress im Mai in der Fahrradmetropole Münster sprach sich der oberste Verkehrsminister sogar deutlich gegen eine Pflich zum Helmtragen aus. ""Ich setzte auf die Einsicht der Menschen", erklärte er.

Dank Helm weniger Kopfverletzungen?Dennoch ist die Debatte um eine Helmpflicht lange nicht vom Tisch. Die Verfechter einer solchen führen als Hauptargument an, dass ein Helm die Gefahren bei einem Unfall signifikant verkleinere. Das bestätigt auch eine Studie von Navindra Persaud vom St. Michael's Hospital im kanadischen Toronto. Der Forscher untersuchte im Oktober vergangenen Jahres gemeinsam mit Kollegen 129 tödliche Fahrradunfälle. Das eindeutige Ergebnis: Wer keinen Helm trägt, erhöht das Risiko von Verletzungen am Kopf um das 3,2-fache gegenüber Radlern mit Helm. Das Risiko eines tödlichen Unfalls aufgrund von Kopfverletzungen liegt mit einem Faktor von 3,6 sogar noch höher.

Kürzlich entschied sogar das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein: Wer keinen Helm trägt und an einem Crash beteiligt ist, hat zumindest eine Mitschuld an den entstandenen Verletzungen an sich selbst. Eine Radlerin hatte gegen einen Autofahrer auf Schmerzensgeld nach einem Unfall geklagt. Das Gericht entschied, dass ein fehlender Helm in diesem Fall zu einer Mitschuld von 20 Prozent an den Kopfverletzungen führe.

Ist der Helm also der Universalschutz, um gefährliche Folgen eines Crashs zu vermeiden? Ganz so einfach ist es leider nicht. Die Dissertation von Frank Thomas Möllmann an der Universtität Münster (hier als PDF) zeigt, das Helme nicht zwangsläufig gegen Kopfverletzungen schützen.

Möllmann, heute Neurochirug in Osnabrück, erklärte in seiner Dissertation, dass "die handelsüblichen Fahrradhelme nicht hinreichend gegen höherenergetische Unfallmechanismen" schützen. Er untersuchte mehr als 300 Patienten, deren Fahrradunfälle zu Hirnverletzungen führten. Zwar trugen dabei rund 90 Prozent dieser Patienten keinen Helm. Dennoch erklärt Möllmann in seinem Fazit: "Die Schwere der Verletzungen unterschied sich zwischen den beiden Gruppen (mit/ohne Helm, Anm. d. Red.) nicht signifikant."

Diskussion ähnelt Debatte um SicherheitsgurteSo ist die direkte Schutzwirkung eines Helmes aufgrund von Studien zunächst einmal fraglich. Doch sind die Studien an sich überhaupt belastbar? "Ich kenne keine Studie, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen würde", erklärt der Berliner Unfallchirurg Karsten Mülder im Gespräch mit der Tageszeitung (TAZ).

Ihm habe schlicht seine jahrelange Erfahrung gezeigt, dass Fahrradfahrer mit Helm einen Unfall wesentlich glimpflicher überstehen als ohne. Nach einem Crash sei der Helm zwar so gut wie immer Schrott, doch sei die Lage vor der Erfindung von Fahrradhelmen wesentlich prekärer gewesen: "Die Knautschzone des Fahrradfahrers war früher sein Frontalhirn", sagt Mülder.

Die Diskussion um Fahrradhelme, ihren Nutzen und die Tragepflicht ähnelt in weiten Teilen der Debatte um den Sinn und Zweck von Sicherheitsgurten in Autos in den 70er und 80er Jahren. Diese sind mittlerweile auch etabliert und ihr Nutzen klar.

Dennoch kommt bei den Fahrradhelmen ein Aspekt hinzu, den man im Auto nicht hat: Wer einen Helm trägt, wird von anderen Verkehrsteilnehmern als "geschützer" wahrgenommen und dementsprechend weniger berücksichtigt. So zeigte der Verkehrspsychologe Ian Walker im Jahr 2006 mittels eines Selbstversuchs, das Autofahrer wesentlich rücksichtsloser gegenüber Fahrradfahrern sind, wenn sie einen Helm tragen (hier eine Zusammenfassung der Studie als PDF).

Walker untersuchte dies, indem er seine tägliche Pendelstrecke auf dem Fahrrad mit einer Kamera und Ultraschallmesser aufzeichnete. Anscheinend werden Helmträger von Autofahrern als versiertere Radler wahrgenommen und dementsprechend knapper und zügiger überholt, so die Vermutung von Walker.

Helmträger radeln aggressiverDesweiteren könnte die sogenannte Risikokompensation dazu führen, dass man als Helmträger nicht unbedingt sicherer als ohne Helm radelt. Getreu dem Motto: Ich trage einen Helm, da kann mir weniger passieren, kann es dazu kommen, dass sich mit Helm ausgerüstete Radler überschätzen, aggressiver und weniger vorrausschauend und umsichtig fahren als ohne Helm. Der durch den Helm gewonnene Schutz würde demnach durch eine Verhaltensänderung mehr als ausgeglichen. Allerdings wird der Aspekt der Risikokompensation und ihrer Übertragbarkeit in die Realität bis heute unter Forschern umfangreich diskutiert - ohne eindeutige Ergebnisse.

Doch was würde eine Helmtragepflicht in Deutschland nun bringen? Anhaltspunkt könnten Erfahrungen in Kanada sein: So bestand zwischen 1994 und 2003 in sechs von zehn kanadischen Provinzen eine Helmpflicht unter Radlern. Während dieser Zeit ging die Zahl der Fahrradfahrer mit Kopfverletzungen in den Gebieten mit einer gesetzlichen Tragepflicht um eindrucksvolle 54 Prozent zurück.

Verwunderlich ist allerdings, dass auch in Regionen ohne eine regulatorische Maßnahme die Anzahl der Kopfverletzungen sank. Zwar nicht derart signifikant wie in den Regionen mit Tragepflicht, jedoch auch um mehr als 30 Prozent. Die Forscher konnten damit keinen ganz eindeutigen Zusammenhang zwischen einer Helmpflicht und weniger Verletzungen erkennen (hier gibt es eine ausführlichere Untersuchung der kanadischen Helmpflicht).

Die kanadische Erkenntnis zeigt aber auch, wie tatsächlich mehr Sicherheit für Radler zu erreichen ist: Denn in Kanada wurden schon vor der Einführung einer Helmpflicht unterschiedliche Kampagnen für mehr Sicherheit auf dem Fahrrad gestartet. So gab es Aktionen mit  kostenloser Verteilung von Helmen, Aufklärungskampagnen zur Fahrradsicherheit oder Infrastrukturmaßnahmen, wie verkehrsberuhigte Bereiche und mehr Fahrradwege.

Das dürfte auch der Königsweg in Deutschland sein, mit dem man Fahrradfahren gleichzeitig forcieren, aber auch die Helmtragequote von derzeit rund 10 Prozent erhöhen könnte. Denn eine einfache Einführung einer Tragepflicht dürfte zu einem unerwünschten Effekt führen: Es wird weniger geradelt oder der Helm aus Protest nicht aufgesetzt. Infrastruktur und Aufklärung statt einfacher Gesetzesänderung - so lässt sich zusammenfassen, wie sich sicheres Radfahren in Deutschland ausbauen lässt.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%