Frage der Woche: Reicht das Öl noch 100 Jahre?

Frage der Woche: Reicht das Öl noch 100 Jahre?

von Benjamin Reuter

Lange galt es als gesichert, dass die Ölvorräte zur Neige gehen. Aber gilt das noch?

In den letzten Monaten strotzten die Ölbosse nur so vor Selbstbewusstsein. Dass der Welt der Rohstoff in den kommenden Jahrzehnte ausgehe, davon könne keine Rede sein, sagten die Chefs von ExxonMobil, BP und Total unisono.

Christophe de Margerie, CEO von Total sagte gegenüber der Süddeutschen Zeitung in diesem Frühjahr sogar, dass der Zeitpunkt an dem die Ölförderung nicht mehr gesteigert werden könne, noch 100 Jahre entfernt liege.

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Was de Margerie etwas kompliziert formuliert, ist in den vergangenen Jahren unter dem Begriff Peak Oil bekannt geworden. Gemeint ist aber nicht der Zeitpunkt, an dem der Welt das Öl ausgeht, sondern der Zeitpunkt, an dem die Nachfrage nicht mehr durch das Angebot gedeckt werden kann (oder nur noch zu einem sehr hohen Preis).

Die Folgen von Peak Oil wären gewaltig: Denn die Weltwirtschaft ist so abhängig vom dem Rohstoff, dass sie bei einem Engpass und stark steigenden Preisen kollabieren würde – der Verkehr würde zusammenbrechen, vielerorts auch die Lebensmittel- und Medikamentenversorgung, Alltagsgüter würden unerschwinglich teuer.

Würde auf der Welt zum jetzigen Zeitpunkt das Öl knapp, würde die Menschheit ins ökonomische Mittelalter zurückkatapultiert. Nur, wie wahrscheinlich ist so ein Szenario?

Schon seit der Geologe und Shell-Mitarbeiter King Hubbert in den Fünfzigerjahren erstmals von einem Peak in der globalen Ölproduktion sprach, hat die Idee immer neue Anhänger gefunden. Wann der Peak allerdings eintritt, darüber streiten die Anhänger der Peak-Oil-These bis heute. Manche sahen ihn in den Neunzigerjahren erreicht, andere sagten, der Gipfel seien die Jahren zwischen 2005 und 2009 gewesen.

Doch wie passen die Euphorie der Ölbosse auf der einen Seite und die kritischen Stimmen der Peak-Oil-Vertreter auf der anderen zusammen? Reicht das Öl doch noch 100 Jahre oder könnte es schon bald knapp werden?

Im Folgenden beantworten wir die wichtigsten Fragen zum Thema Peak Oil:

Ist die Förderung in den vergangenen Jahren zurückgegangen?Nein, ganz im Gegenteil. Die Fördermenge ist in den vergangenen Jahren sogar noch gestiegen. Der Peak Oil ist damit noch nicht eingetreten. Noch scheint sich also die steigende Nachfrage nach Öl noch decken zu lassen.

 Wie lässt sich die Ölproduktion noch ausweiten?Bei konventionellen Ölfeldern kann mit immer aufwendigeren Methoden immer mehr Öl gefördert werden. Denn das Problem ist: Leert sich ein Feld, sinkt der Druck. Pumpt man zum Beispiel Kohlendioxid in den Hohlraum, können die Ingenieure mehr Öl fördern.

Außerdem entdecken Geologen oft neben bestehenden Feldern weitere Kammern mit neuem Öl. Bisher ungenutzte Ressourcen gibt es auch in ölreichen Ländern wie Iran und dem Irak. Dort liegt die Produktion weit unter dem möglichen Niveau.

Die zweite Quelle für neues Öl können sogenannte unkonventionelle Lagerstätten sein. Damit bezeichnet man Ölvorräte, die meist nicht in flüssiger Form vorliegen und schwer zu fördern sind.

In diese Kategorie fallen Teersande in Kanada und Venezuela, Ölfelder in der Tiefsee und in der Arktis, Schieferöl, wie es überall auf der Welt vorkommt und Ölstein (auch als Oil Shale bezeichnet), wie man ihn vor allem in den USA in gigantischen Mengen vermutet.

Wie viele dieser unkonventionellen Reserven sich am Ende abbauen lassen, weiß niemand genau – der Ölboom in Kanada (Teersand) und den USA (Schieferstein) sei noch zu jung, um Vorhersagen zu treffen, sagen Experten.

Auf welche Zahlen stützen sich Gegner und Verfechter der Peak-Oil-Idee?Grob gesagt, verlassen sich die Anhänger der Peak-Oil-These nicht auf die Angaben, wie viel Öl im Boden liegt, sondern sehen sich vor allem die tatsächlichen Produktionsraten an.

Dabei zeigt sich: Bei bestehenden Ölfeldern sinken die Förderraten derzeit jährlich zwischen 3 und 6 Prozent. Besonders deutlich ist dieser Rückgang der Förderung in der Nordsee. Die Ölfirmen wichen deshalb zunehmend auf kleinere und teurere Felder aus, sagen Peak-Oil-Vertreter. Steige die Nachfrage nach Öl weiter, reiche auch das bald nicht mehr.

Kritiker der Peak-Oil-These entgegnen darauf, dass diese Argumentation den technischen Fortschritt und die ökonomische Anreize ignoriere. Denn je teurer das Öl, desto mehr Geld stecken Unternehmen in die Forschung, um mehr Öl zu fördern.

Und es stimmt: War vor 13 Jahren mit einem Preis von rund 30 Dollar pro Fass das Öl aus Teersand und Schiefergestein noch nicht wirtschaftlich, ist es das heute. Derzeit kostet ein Barrel Öl mehr als 100 Dollar. Zudem haben technische Entwicklungen wie das Fracking die Förderung erst in den letzten Jahren überhaupt möglich gemacht.

Wie viel Öl steckt noch im Boden?Auch diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Denn Länder wie Saudi Arabien und Venezuela könnten ihre Reserven viel zu hoch beziffern. Das hat einen einfachen Grund: Je höher die Reserven dieser Ländern, desto mehr Öl dürfen sie laut OPEC-Statuten fördern.

Aber trotz der Unsicherheiten hat die oberste Geologiebehörde der USA – die US Geological Survey (USGS) – vor zwei Jahren einen Überblick gewagt. Ihr Ergebnis: Weltweit lagern noch 565.298 Millionen Barrel konventionelles Öl, die die aktuelle Produktion ergänzen und die sinkenden Förderraten bei den derzeit aktiven Feldern ausgleichen können. Zur Einordnung: Derzeit produzieren Ölunternehmen weltweit knapp 90 Millionen Barrel Öl pro Tag.

Derzeit ist die USGS dabei, die unkonventionellen Reserven zu beziffern. Bemerkenswert ist hierbei, dass diese unkonventionellen Reserven bis vor wenigen Jahren in den Reports der renommiertesten Energiebehörde der Welt, der Internationalen Energieagentur (IEA), noch gar keine Rolle spielten. Viele Geologen nehmen aber an, dass sie künftig einen bedeutenden Teil der Nachfrage decken könnten. Der Ölmulti BP schätzt die derzeit zugänglichen weltweiten Ölvorräte auf insgesamt mehr als 1600 Milliarden Barrel, Tendenz steigend.

Die IEA geht aktuell sogar soweit, dass künftig mit neuen Technologien noch bis zu 6000 Milliarden Barrel Öl gefördert werden könnten. Beim derzeitigen Verbrauch würde diese Menge für rund 200 Jahre reichen. Vertreter der Peak-Oil-These glauben aber, dass dieses Öl im Zweifel zu schwierig und zu teuer zu fördern ist.

Wie viel Öl brauchen wir in Zukunft?In den Staaten der westlichen Welt ist in den vergangenen Jahren eine überraschende Entwicklung eingetreten: Der Ölverbrauch stagniert, vielfach sinkt er auch. Das ist zum einen der globalen Wirtschaftskrise geschuldet. Andererseits vermuten Experten, dass höhere Effizienz bei Autos und stagnierende Bevölkerungszahlen tatsächlich langfristig zu einem sinken Verbrauch führen.

Ganz anders sieht das Bild in den Entwicklungsländern aus. Wachsen China und Indien so weiter wie bisher, wird die Welt 2030 rund ein Fünftel mehr Öl brauchen als heute.

Wie sich der Ölverbrauch entwickeln könnte, zeigt diese Grafik der IEA:

Wie viel kostet Öl in Zukunft?Auch diese Frage ist schwer zu beantworten, denn die Antwort hängt von vielen Faktoren ab. Geht das Wachstum der Schwellenländer, vor allem Indien und China weiter wie bisher, bleiben die Preise hoch. Gäbe es in China allerdings einen Finanzcrash wie vor 15 Jahren in den asiatischen Tigerstaaten, dann könnten die Preise wieder sinken.

Was sich allerdings mit ziemlicher Sicherheit sagen lässt: Öl aus der Tiefsee, Teersanden oder Schiefergestein ist sehr viel teurer als das Öl, das heute vor allem die OPEC-Staaten aus ihren leicht zugänglichen Quellen zapfen. Öl aus Saudi Arabien kostet zum Beispiel im besten Fall unter 10 Dollar pro Barrel – unkonventionelles Öl kostet hingegen zwischen 40 und 80 Dollar.

Wie teuer der Rohstoff aus Arktisfeldern wird, weiß derzeit niemand zu sagen. Die notwendigen Investitionen in die Projekte in der klirrenden Kälte im hohen Norden könnten aber im Bereich von bis zu 500 Billionen Dollar liegen. In den Jahren nach 1990 waren noch 500 Millionen Dollar für ein Großprojekt gängig.

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