Gas-Boom: Wie gefährlich ist Fracking wirklich?

Gas-Boom: Wie gefährlich ist Fracking wirklich?

von Sebastian Matthes

Über die Folgen des Fracking-Verfahrens ist unter deutschen Behörden ein merkwürdiger Streit ausgebrochen. Zu Recht.

Vor wenigen Wochen erst hatte das Umweltbundesamt empfohlen, Fracking nur unter sehr strengen Auflagen zu genehmigen. Dieser Auffassung folgen prominente Politiker - auch aus der Bundesregierung. Doch möglicherweise basiert die Empfehlung auf “fehlerhaften Annahmen”, berichtet das “Handelsblatt” nun.

Die Zeitung bezieht sich dabei auf eine noch unveröffentlichte Stellungnahme der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Nach Einschätzung der Experten sei „grundsätzlich ein umweltverträglicher Einsatz der Technologie möglich“. Das Papier, so berichten die Handelsblatt-Kollegen weiter, sei so brisant, dass es von der Bundesregierung unter Verschluss gehalten werde. Denn es wurde im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums angefertigt, um ein Gutachten des Umweltbundesamtes (UBA) zu bewerten, das wiederum vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegeben worden war.

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Die UBA-Gutachter warnen vor allem deshalb vor dem Einsatz der Fracking-Technik, weil damit das Grundwasser verunreinigt werden könnte. Doch das ist scheinbar keineswegs gesagt: Die Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe werfen ihren Kollegen vor, “wissenschaftlich ungenau zu arbeiten und Tatsachen zu ignorieren”, berichtet das Handelsblatt. Dabei sind den UBA-Experten sogar peinliche Fehler unterlaufen: Offenbar setzten sie Grundwasser mit Trinkwasser gleich.

Aber was ist eigentlich das Problem? Um das zu verstehen, müssen wir uns noch einmal klar machen, was beim Fracking passiert.

Wie Fracking funktioniertKonventionelle Gasreserven gleichen großen, unterirdischen Blasen. Oft liegen sie direkt über Ölquellen. Werden die Blasen angebohrt, strömt das Gas in der Regel von selbst an die Oberfläche. Bei unkonventionellem Gas ist die Förderung komplizierter.

Schiefergas etwa lagert eingekapselt in Abermilliarden winzigen Hohlräumen in Tongestein, das umgangssprachlich Schiefergestein genannt wird. Um an das Gas zu kommen, müssen Ingenieure die Hohlräume aufknacken. Die Technik, die sie dafür einsetzen, heißt Hydraulic Fracturing - kurz: Fracking.

US-Geologen haben das Verfahren erstmals 1949 eingesetzt, Deutschland folgte 1961. Seitdem haben sie die Tiefbohrtechnik ständig verbessert. Anfangs drangen die Gasförderer nur senkrecht ins Gestein. Doch mit dieser Methode blieb die Ausbeute meist gering, und viele Lagerstätten waren so nicht zu erschließen. Das gelingt mit einer vor 15 Jahren entwickelten Technik, bei der die Ingenieure ihre Bohrer in Tiefen von 1000 bis 4500 Metern umlenken und sie kilometerweit horizontal durch das Gestein treiben.

In das tellergroße Bohrloch pumpen sie mit hohem Druck bis zu 20 Millionen Liter eines Gemischs aus Wasser, Sand und rund 20 teils giftigen Chemikalien. Mit einem Anteil von weniger als zwei Prozent sind sie in der Flüssigkeit extrem verdünnt. Die Mixtour sprengt Risse ins Tongestein und seine Poren, sodass das Gas via Bohrloch an die Oberfläche strömt. Die Chemikalien machen das Wasser geschmeidig, sodass es selbst in kleinste Hohlräume dringen kann.

Wo die Risiken liegenVertreter der Gasindustrie beharren darauf, dass Fracking nicht gefährlicher sei als die herkömmliche Erdgasförderung. Nach 20 000 Fracks in den USA habe es nur knapp 40 Beschwerden wegen verschmutzten Grundwassers gegeben. Eine ordentliche Bilanz, attestierten Forscher der Eliteuni MIT.

Dennoch gelangte in den USA Fracking-Gift immer wieder ins Grundwasser. Wie konnte das passieren? Experten vermuten, dass die Chemie aus undichten Auffangbecken oder Förderrohren gesickert ist. Möglicherweise drang die Flüssigkeit aber auch durch die nur 500 Meter dicke poröse Gesteinsschicht nach oben, die an manchen Orten zwischen Grundwasser und Gasfeld liegt.

Normalerweise trennt bei Schiefergas-Feldern dichtes Gestein von mehr als 1000 Meter Wasser und Gas voneinander. Dass Chemikalien durch diese unter hohem Druck stehende Barriere in Richtung Grundwasser gelangen, halten Geologen hingegen für ausgeschlossen.

Gefährlich ist weniger das Fracken selbst, sondern Unfälle und falsche Berechnungen - etwa die Frage, ob das jeweilige Gestein in einem Gebiet tatsächlich undurchlässig ist. "Solange sich die Unternehmen an die Sicherheitsregeln halten, sind Fracking und Umweltschutz vereinbar", urteilt Stefan Ladage von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.

Sauberes fracken - geht das?Um die Risiken zu minimieren, entwickelt die Gasindustrie saubere Fracking-Techniken. Der österreichische Energiekonzern OMV und der US-Multi Halliburton arbeiten an einer Fracking-Flüssigkeit aus Wasser, Quarzsand und Maisstärke. Um die Verträglichkeit zu zeigen, trank Halliburton-Chef Dave Lesar bei einer Konferenz gar einen Schluck des Gebräus.

Bleibt das Klimaproblem. US-Wissenschaftler streiten derzeit heftig darüber, wie klimaschädlich die Schiefergas-Förderung wirklich ist. Fest steht: Mit herkömmlichen Verfahren gefördertes Erdgas verursacht beim Verbrennen 50 Prozent weniger klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) als Kohle und ein Drittel weniger als Öl. Für Schiefergas ist die Rechnung komplizierter.

Streitpunkt der Forscher ist, wie viel des Treibhausgases Methan - der Hauptbestandteil von Erdgas - beim Fracken in die Atmosphäre gelangt. Einige nehmen an, Schiefergas sei doppelt so klimaschädlich wie Kohle, weil während der Förderung massenhaft Methan durch undichte Bohrrohre austrete - einig ist die Forschung aber nicht, wie viel Methan wirklich in die Luft gelangt. Dieses Problem wird in den USA erst 2015 endgültig gelöst werden: Dann sind die Unternehmen verpflichtet, ihre Bohrtürme mit Dichtungen und Auffangbehältern nachzurüsten.

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