Gigaliner: Umweltverbände klagen gegen Riesen-Laster

Gigaliner: Umweltverbände klagen gegen Riesen-Laster

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Ein überlanger Lkw, ein sogenannter Gigaliner, auf der Autobahn 44.

Umweltverbände sehen in Lang-Lkw eine Gefahr für Verkehrssicherheit und Umwelt und wollen sie von der Straße verbannen. Das Verkehrsministerium bestreitet Verlagerungseffekt weg von der Schiene.

Mehrere Umwelt- und Bahn-Verbände wollen Riesen-Lkw per Klage von den deutschen Straßen verbannen. Der Betrieb der über 25 Meter langen Lastwagen sei nicht nur offenkundig rechtswidrig, sondern auch klimafeindlich und verkehrsgefährdend, begründeten die Verbände am Mittwoch ihre Klage vor dem Berliner Verwaltungsgericht.

"Der Freifahrtschein für Riesen-Lkw ist ein unzeitgemäßes Geschenk des Bundesverkehrsministers an die Lkw-Lobby." Die Güterbahnen würden so weiter benachteiligt. Die maximale Länge der Lkw sei im EU-Recht vorgeschrieben, davon dürfe nur in Ausnahmefällen abgewichen werden.

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Verkehrsminister Alexander Dobrindt hatte einen mehrjährigen Testlauf mit den sogenannten Gigalinern mit Beginn des Jahres in einen Regelbetrieb münden lassen. Das Streckennetz für die Lkw legen die Bundesländer fest. Es bemisst sich inzwischen auf fast 12.000 Kilometer. Sein Ministerium erklärte, die Ausnahmeverordnung stehe im Einklang mit EU-Recht. Die Auswertung des Feldversuchs habe zudem ergeben, dass die Lang-Lkw keinen Verkehr von der Schiene abzögen. Dagegen ersetzten zwei der Gigaliner drei herkömmliche Laster.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), der BUND sowie die Allianz Pro Schiene warnten dennoch, durch die Riesen-Lkw gebe es rund 7000 zusätzliche Fahrten im Jahr. Der Kostenvorteil für die Spediteure liege bei gut 25 Prozent gegenüber den herkömmlichen Fahrzeugen mit knapp 19 Meter Länge.

Obwohl die Gesamtlast auf 44 Tonnen beschränkt bleibt, führe dies dazu, dass noch mehr Verkehr von der umweltfreundlichen Schiene auf die Straße verlagert werde. Dabei sei der Verkehrssektor jetzt schon das Sorgenkind der Klimapolitik. Der CO2-Ausstoß hat sich trotz effizienterer Motoren wegen der Tendenz zu mehr Transporten auf der Straße und immer stärkeren Pkw-Motoren im Vergleich zu 1990 nicht verringert.

Die wichtigsten Fragen zu den Lang-Lkw

  • Was ist ein Riesenlaster?

    Der Name ist Programm: Lang-Lkws sind länger, aber nicht schwerer als normale Laster. Eigentlich dürfen Sattelzüge maximal 16,50 Meter messen, Lastwagen mit Anhänger bis zu 18,75 Meter. Seit Anfang 2012 rollen auf bestimmten Strecken nun testweise auch Lkws, die samt Anhänger bis zu 25,25 Meter lang sind. Das kann also bis zu 6,5 Meter Unterschied machen. Das Höchstgewicht bleibt auf 44 Tonnen begrenzt - befördern lassen sich also vor allem sperrigere Güter - der Autobauer Daimler nennt als Beispiel Stoßstangen. Auf deutschen Straßen sind laut Verkehrsministerium bisher 119 Riesenlaster für 45 Unternehmen unterwegs.

  • Was bedeutet die Testphase?

    Über fünf Jahre will die Bundesregierung herausfinden, ob die Riesenlaster auch auf Dauer eine sinnvolle Sache wären. Der Test, der noch von der schwarz-gelben Koalition auf den Weg gebracht wurde, läuft bis Ende 2016. Für das Danach hat Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sich schon festgelegt: „Mein Ziel ist es, nach Abschluss des Feldversuchs mit den Lang-Lkws in den Regelbetrieb zu gehen“, sagt er. Denn zwei Riesenlaster können die Ladung von drei herkömmlichen transportieren. Das verspricht etwa Vorteile für Automobilzulieferer, die Lebensmittelbranche oder Paketdienste.

  • Wo sind die Lang-Lkw schon unterwegs?

    Nur auf genau festgelegten Strecken, vor allem den Autobahnen. Seit dem Start ist das Netz mehrfach erweitert worden. Inzwischen umfasst es rund 10 150 Kilometer Straße, jetzt kommen noch einmal etwa 90 Abschnitte dazu. Ob und wo Riesenlaster fahren dürfen, entscheiden die Landesregierungen. Mit der neuen Ausweitung sind zwölf Länder an dem Versuch beteiligt, allerdings mit sehr unterschiedlichen Regelungen. Uneingeschränkt dabei sind Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen.

    In Baden-Württemberg lässt die grün-rote Landesregierung die Riesenlaster nun auf Druck der heimischen Autoindustrie auf einigen Teststrecken zu - Daimler will zwei seiner Werke gleich ab der kommenden Woche anfahren. Nordrhein-Westfalen erlaubt landesweit nur die kleinste Lang-Lkw-Variante, 17,80 Meter lange Sattelzüge.

  • Wie sind die Erfahrungen bislang?

    Die Bundesanstalt für Straßenwesen, die den Test wissenschaftlich begleitet, hat im September 2014 einen Zwischenbericht vorgelegt. Das Fazit: „Gemessen an der Vielzahl der betrachteten Fragestellungen ist die Zahl der identifizierten Risiken gering.“ Die Experten fanden keine Hinweise auf größeren Stress für die Fahrer oder ein höheres Unfallrisiko. Die Riesenlaster hätten keine längeren Bremswege, Überholmanöver auf Landstraßen seien selten und nicht gefährlicher als bei normalen Lkws. Auch die Fahrbahnen werden demnach nicht stärker in Mitleidenschaft gezogen. Größter Pluspunkt: Mit den Lang-Lkws lassen sich 15 bis 25 Prozent Sprit sparen.

  • Gibt es Probleme?

    Ja, vor allem weil bisher nicht XXL gebaut wurde. Die Riesenlaster passen weder in die Nothaltebuchten in Tunneln noch auf herkömmliche Raststellen-Parkplätze. Auch in Kreisverkehren und Kreuzungen wird es eng. Wenn hier nachgerüstet wird, steht der Autofahrerclub ADAC einem Dauerbetrieb aufgeschlossen gegenüber, allerdings nur auf festen Strecken. Die Bahnlobby-Organisation „Allianz pro Schiene“ will dagegen im August bei einer Demonstration am Brandenburger Tor Stimmung gegen „die mit Steuergeld finanzierte Verbilligung des Straßengüterverkehrs“ machen. Und verweist auf eine Auftragsumfrage aus dem vergangenen Jahr: Damals waren mehr als drei Viertel der Deutschen (79 Prozent) gegen die Zulassung von Riesenlastern.

Die Verbände argumentieren, dass laut Umfragen drei Viertel der Deutschen die Lang-Lkw ablehnten und Lastwagen schon jetzt an jedem fünften tödlichen Unfall beteiligt seien. Geeignete Autobahn-Parkplätze gebe es nicht ausreichend, Tunnel und Bahn-Übergänge müssten kostspielig erweitert werden.

Der Lkw-Transport allgemein werde zudem schon durch eine reduzierte Maut sowie niedrige Dieselpreise gegenüber den Bahnen bevorzugt, während diese immer höhere Trassengebühren und mehr für Strom zahlen müssten. Das Verkehrsministerium war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

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