Gratis kann teuer werden: Hamburger Energieversorger verschenkt Strom

Gratis kann teuer werden: Hamburger Energieversorger verschenkt Strom

von Benjamin Reuter

Der Energieversorger Care Energy fiel bisher vor allem durch Gerichtsprozesse auf. Jetzt verschenkt er Strom.

Der Hamburger Energiedienstleister und Ökostromversorger Care Energy fiel in der Vergangenheit immer wieder mit kreativen Auslegungen geltender Vorschriften für Energieversorger auf. Das handelte dem Unternehmen viel Ärger (wir berichteten hier und hier) und negative Schlagzeilen ein

In den vergangenen Monaten ist es ruhiger geworden um das Unternehmen, das eine Zeit lang explosionsartig Kunden gewann, weil es Strom bis zu einem Viertel günstiger verkaufte als die Konkurrenz. Das lag nach Meinung vieler Experten daran, dass das Unternehmen nur einen Teil der EEG-Umlage für die Umsetzung der Energiewende bezahlte.

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Ein Verfahren, in dem der Netzbetreiber 50 Hertz Kläger war, gewannen die Hamburger im August vergangenen Jahres allerdings wegen eines Formfehlers; die Klage war falsch adressiert. Ende 2014 verhängte die Bundesnetzagentur zudem ein Zwangsgeld von 400.000 Euro gegen den Versorger, weil der Auflagen nicht erfüllte.

Seitdem Care Energy seinen Wettbewerbsvorteil eingebüßt hat und der Strom teurer ist, schwächelt auch das Wachstum. Aktuell gibt Care Energy 360.000 Kunden an, rund 300.000 waren es Mitte 2013.

Jetzt soll anscheinend das Kundenwachstum früherer Tage zurückkommen – mit einem Angebot, das Aufhorchen lässt. Care Energy verschenkt seinen Strom neuerdings. Der Werbeslogan: "Ich zahl' keinen Strom mehr."

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber: Wo etwas verschenkt wird, ist es noch lange nicht umsonst. Denn Neukunden bekommen den Strom nur geschenkt, wenn sie pro Kilowattstunde, die sie im Jahr verbrauchen, einen Euro im Shop von Care Energy ausgeben. Dort gibt es alles von Kaffeemaschinen, über Computer bis zu Kameras.

Wer also einen Verbrauch von 3000 Kilowattstunden hat, muss auch für 3000 Euro einkaufen, um seinen Strom umsonst zu erhalten. Kaufen Kunden nur für 2000 Euro ein, müssen die übrigen 1000 Kilowattstunden extra bezahlt werden. Die rechnet Care Energy mit knapp sechs Cent pro Kilowattstunde ab, hinzu kommen Netzgebühren und Steuern. Damit ist der Strom nicht unbedingt günstiger als der anderer Anbieter.

Mehrkosten von 600 Euro pro JahrAber vielleicht ist der Tarif für jemanden, der viele größere Anschaffungen geplant hat, gar keine schlechte Idee? Die Journalisten des MDR-Verbrauchermagazins Umschau haben zusammen mit einer fünfköpfigen Familie nachgerechnet (hier das Video), ob sich der Vertrag lohnt. Dabei zeigte sich, dass die Produkte im Shop von Care Energy teilweise mehrere hundert Euro teurer sind als bei anderen Anbietern. Bei einem Vergleich mit einem normalen Ökostromtarif kam die Umschau auf Mehrkosten von rund 600 Euro pro Jahr.

Auch Udo Sieverding, Energieexperte von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, warnt: "Nur Kunden, die in einer ganz besonderen Situation die Vorteile nutzen, können möglicherweise etwas sparen, viele andere nicht." Bedeutet konkret das: Wer nur die günstigsten Produkte bei Care Energy kauft und davon viele, kommt am Ende vielleicht günstiger weg als bei einem normalen Stromtarif.

Die Lehre, wie bei allen Lockangeboten auf dem undurchschaubaren Energiemarkt: Verbraucher sollten zwei Mal rechnen, ob sich ein Angebot wirklich lohnt.

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