Grünstrom-Patriarchat: Warum ist die Energiewende eigentlich so männlich?

Grünstrom-Patriarchat: Warum ist die Energiewende eigentlich so männlich?

von Anna Gauto

Avantgarde bei der Technik, aber beim Geschlechterbild eher Dampfmaschine – die Energiewende hat ein Problem.

Schon in der U-Bahn geht es los. In den Zügen Richtung Messe München an einem Morgen in diesem Sommer ist die Testosteronkonzentration so hoch, dass man meint, das Heulen von Prärie-Wölfen zu hören. Grund für den Aufzug ist die Intersolar, die weltweit größte Branchenmesse zum Thema Sonnenenergie, Herzschlag der Energiewende. Es könnte aber auch irgendein anderer Energie-Kongress sein.

Zum Beispiel ein Branchen-Treffen zur Elektromobilität: Journalisten mit X-Y-Chromosmen stellen anderen Männern auf dem Podium Fragen: Welche Reichweite, wie schnell? Wie steht es um die Ladedauer des neuen E-Modells? Es gibt zwei Frauen im Raum. Mich und die PR-Verantwortliche eines Automobilkonzerns.

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Stromer und PV-Anlagen: Nichts für DamenDie Szene erinnert mich an eine Gruppe kleiner Jungs, die ich vor einiger Zeit im Sand spielen sah. Sie gruben Kanäle und diskutierten wichtig, wo sie die Dämme bauen sollen. Ob Mädchen nicht mitspielen durften oder wollten, weiß ich nicht. Jedenfalls trägt es sich unter Erwachsenen nicht viel anders zu, wenn es um Elektroautos, Energiespeicher, Windräder oder PV-Anlagen geht. Das ist nichts für Frauen.

Dieser Eindruck entsteht zumindest beim Besuch einschlägiger Veranstaltungen. Im Lärm und Farbgewitter der Kongresshallen angeln Frauen in kurzen Röcken und engen Tops Männer in Anzügen und eskortieren sie zu den Ständen.

Dort reden die Männer mit gleichgeschlechtlichen Anzug- und Kompetenzträgern darüber, weshalb diese oder jene Heizanlage die beste Erfindung seit geschnitten Brot ist. Die Rockträgerinnen stehen dabei und lächeln abwesend ins Nichts.

Sieht man einmal von Talkshow-Dauergästen wie der Energieexpertin Claudia Kemfert (von der Wochenzeitung Die Zeit zur "Miss Energiewende" getauft), umtriebigen Eventmanagerinnen und bunt geschminkten Hostessen ab, die Flyer, Getränke und Gummibärchen verteilen dürfen, sind Veranstaltungen zur Energiewende häufig reine Männerevents.

Energie und Frauen: Passt das zusammen?Unabhängig davon, warum Hostessen im Jahr 2014 in Westeuropa immer noch überwiegend Frauen sein müssen, gern „mit ordentlicher Frisur und gemachten Fingernägeln“ (hier eine aussagekräftige Stellenbeschreibung, man ersetze das Wort Kunde durch Mann) drängt sich die Frage auf, ob das einfach nicht zusammen gehört, Frauen und die technischen Energiethemen?

Natürlich passe das, sagt Catherine Mitchell, Professorin für Energiepolitik an der Universität Exeter. „Aber Männer dominieren nun einmal die Branchen, wie Energie, in denen viel Geld steckt." Frauen neigten dazu, erst einmal in Bereiche zu gehen, wo die Bezahlung oder der gesellschaftliche Status niedriger seien.

"Der offene Sexismus in der Energieindustrie, den ich in den 1980er und 1990er Jahren zu spüren bekommen habe, ist einer viel subtileren Form gewichen. Aber er ist immer noch sehr stark vorhanden", konstatiert Mitchell.

Die gesellschaftlichen Anachronismen spiegeln sich auch in Zahlen wieder. Eine Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young zeigt, dass nur vier Prozent der Vorstandsmitglieder der 100 größten Energieversorgungsunternehmen weltweit weiblich sind. Dem Sektor fehlen aber nicht nur die Frauen. Ihn prägen überwiegend weiße Männer über 40, sie repräsentieren 60 Prozent des Managements.

Das sei, so die Studienautoren, besonders deshalb besorgniserregend, weil die Energiewirtschaft vor einem gewaltigen Umbruch stehe, der innovatives Denken und Handeln verlange. Auch für Marie-José Nadeau, die erste weibliche Vorsitzende des Weltenergierates, ist das wenig verständlich: „Unternehmen mit einem hohen Frauen-Anteil im Management haben die besten Chancen, ihre Wettbewerber hinter sich zu lassen“, sagt sie.

Doch in der Realität scheint nicht nur die "alte" Energiewirtschaft sondern auch die hippe Green Economy Talente auszugrenzen, zumindest wenn es um die Führungsebene geht.

Auch aus Sicht der Kölnerin Sissy Müller, Gründerin eines Crowdfunding-Portals zur Finanzierung von Grünstrom-Anlagen und von Energieeffizienzprojekten (WiWo Green berichtete), ist der Pool der Entscheider zu homogen. Das führe teilweise zu grotesken Szenen.

Müller schildert ein Meeting mit Kooperationspartnern, in dem sie und eine Kollegin in der Hierarchieebene ganz oben waren – für ihren Geschäftspartner gänzlich ungewohnt. So ungewohnt, dass er nur ihre männlichen Mitarbeiter beim Antworten angesehen habe. Irgendwann sei der Kollegin der Kragen geplatzt. Sie habe sich aufgerichtet und wurde laut, um sich Gehör zu verschaffen. Wie sie sich vor den männlichen Kollegen aufgebaut habe, habe fast schon an eine Slapstick-Einlage erinnert, sagt Müller.

Schade eigentlich, dass eine Branche, die immer vom "alten" System der Energieerzeugung spricht, das sie überwinden will, in ihrem Geschlechterverständis offensichtlich in den Zeiten der Dampfmaschine hängen geblieben ist.

 

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