Hitzewelle: Kein Kühlwasser für die Kohle

Hitzewelle: Kein Kühlwasser für die Kohle

von Leonard Goebel

Durch niedrige Flusspegel fehlt es in Polen an Kühlwasser für die Kraftwerke. Auch Deutschland muss helfen. Schuld ist nicht nur die Hitzewelle.

Endlich etwas Regen. In der Region um Warschau sollen im Laufe des Tages immerhin rund fünf Liter pro Quadratmeter fallen. Auch die Temperaturen sind in den letzten Tagen leicht zurückgegangen. Bislang war der August in Polen mit Höchsttemperaturen zwischen 30 und 38 Grad und nur wenigen Litern Regen viel zu heiß und trocken.

Die Hitzewelle hat nicht nur Menschen und Tiere an ihre Grenzen gebracht. Auch Polens Energiesystem stand zwischenzeitlich kurz vor dem Kollaps. Der polnische Energieversorger Energa musste das größte Wasserkraftwerk des Landes in Włocławek, 140 Kilometer nordwestlich von Warschau, auf ein Sechstel seiner Leistung zurückfahren. Aufgrund des niedrigen Wasserstandes der Weichsel sei nur eine von sechs Turbinen in Betrieb, teilte das Unternehmen mit.

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Die niedrigen Flusspegel stellen nicht nur für Wasserkraftwerke ein Problem dar: Auch die Kohlekraftwerke, die 90 Prozent des polnischen Stroms produzieren, mussten die Erzeugung drosseln. Sie benötigen das Flusswasser zur Kühlung.

Sinken die Pegel, heizt sich das Wasser schneller auf und hat somit einen geringeren Kühleffekt. Gleichzeitig wird das durch die Kraftwerke aufgeheizte Kühlwasser in die Flüsse zurückgeleitet und trägt dadurch insbesondere bei niedrigem Wasserstand zusätzlich zur Erwärmung bei.

Ausfall des größten BraunkohlemeilersRichtig brisant wurde die Lage vor rund zwei Wochen, als Europas größtes Braunkohle-Kraftwerk Bełchatów mehrere Tage lang ausfiel. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten beschloss Polen, den Energieverbrauch kurzfristig zu reduzieren. Die Lage sei „sehr ernst“, sagte Ministerpräsidentin Ewa Kopacz.

Stahlwerke, Chemieunternehmen und andere energieintensive Betriebe mussten ihre Produktion herunterfahren oder sogar ganz aussetzen. Insgesamt waren mehr als 1500 Unternehmen betroffen. Auch eine Ikea-Filiale schloss vorübergehend ihre Tore für die Kunden, an anderen Standorten verzichtete das Unternehmen zumindest auf den Einsatz der Klimaanlage und ließ die Küche kalt.

Die Folgen des Engpasses bekommt auch Deutschland zu spüren: "Wir geben seit der Hitzewelle jeden Tag grob 2,5 Millionen Euro aus für grenzüberschreitende Eingriffe mit unseren Nachbarn, um das Netz stabil zu halten", sagte Dirk Biermann, Leiter des Systembetriebs beim Netzbetreiber 50Hertz, der Nachrichtenagentur dpa. Um einen Zusammenbruch der Netze zu verhindern, muss Deutschland Strom nach Polen liefern –was zu Mehrkosten für die Unternehmen und letztlich die Stromkunden führt.

Fehlende Erneuerbare werden zum ProblemDie extreme Hitze und Trockenheit ist allerdings nur ein Grund für die polnische Energiekrise. Anders als in anderen europäischen Ländern gibt es in Polen derzeit kaum ernsthafte Bemühungen um eine Energiewende. Der Anteil Erneuerbarer Energien am Energiekonsum im Jahr 2013 bei 8,7 Prozent, deutlich unter dem EU-Durchschnitt.

Photovoltaik und Windenergie gibt es so gut wie gar nicht, einzig Biomasse wird in relevantem Umfang genutzt. Dabei sind gerade das die Energieformen, die im Sommer die Kohlekraftwerke entlasten könnten.

In der Vergangenheit haben sich polnische Regierungen immer wieder gegen ehrgeizige europäische Klimaziele gesperrt und Ausnahmen für sich ausgehandelt – so zum Beispiel beim europäischen Emissionshandel. Bis 2030 hat sich Polen kostenlose CO2-Verschmutzungsrechte gesichert.

Statt grüne Energien zu fördern, setzt Polen weiter auf die Kohle: Kraftwerke werden modernisiert oder neu gebaut, teilweise bezahlt durch EU-Subventionen. Allerdings muss Polen laut einer EU-Richtlinie den Anteil Erneuerbarer Energien bis 2020 auf 15 Prozent erhöhen. Sollte dies tatsächlich gelingen, könnte das nicht nur positive Folgen für die Umwelt haben, sondern auch die Versorgungssicherheit erhöhen, wenn die Flüsse mal wieder zu wenig Kühlwasser für die Kohlekraftwerke bereitstellen. Ende dieser Woche soll das Thermometer in Polen übrigens wieder auf über 30 Grad klettern.

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