Intelligenz statt neue Stromnetze: Wie RWE Millionen sparen will

Intelligenz statt neue Stromnetze: Wie RWE Millionen sparen will

von Wolfgang Kempkens

Smarte Stromnutzung könnte die Energiewende erleichtern. Ein Pilotprojekt soll die Potenziale ausloten.

Von der Provinz in die große weite Welt – so könnte das Motto von RWE derzeit lauten. Jedenfalls wenn es um das neueste Pilotprojekt des Essener Energieversorgers geht. Denn in drei kleinen Siedlungen in Rheinland-Pfalz und Bayern testet das Unternehmen neuerdings ein intelligentes Stromnetz, das künftig Verbrauchern deutschlandweit dabei helfen soll, ihren Stromkonsum besser zu kontrollieren und erneuerbare Energien in das Netz zu integrieren.

Das Ziel bei dem Testlauf mit rund 100 Familien: Mit einer ausgetüftelten Kommunikationstechnik zwischen den einzelnen Bausteinen des Stromnetzes wie Transformatoren und den Verbrauchern will RWE herausfinden, wie eine sichere Versorgung mit minimalem Ausbau des Netzes möglich ist. Vielleicht, so die Hoffnung des Stromriesen und der Bevölkerung, kann man sogar ganz darauf verzichten, zumindest im Nahbereich in den Niederspannungsnetzen, die Ortschaften durchziehen.

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Allein in Bayern gehen Experten von einem Neubaudarf bei den Niederspannungsnetzen von mehr als 50.000 Kilometern bis 2020 aus. Bundesweit dürften die Kosten dafür bei mehr als einer Milliarde Euro liegen.

Steckdose mit InternetanschlussIm Hunsrückstädtchen Kisselbach, in Wertachau, einem Stadtteil von Schwabmünchen, und in Wincheringen nahe Trier hat RWE den Verbrauchern seine intelligenten Stromzähler spendiert. Diese lassen sich via Internet minutengenau auslesen, sodass der Versorger stets weiß, wo wie viel Strom verbraucht und eingespeist wird. Nachtspeicherheizungen, Miniblockheizkraftwerke und Fotovoltaikanlagen sind in das Kommunikationsnetz integriert, ebenso große Stromverbraucher im Haushalt wie Geschirrspüler, Waschmaschinen, Wäschetrockner, Wärmepumpen, Warmwasserspeicher, Ladeboxen für Elektroautos und private Pufferbatterien.

Der Betrieb der privaten Akkus wird vom sogenannten Home Energy Controller gesteuert, einer Software, die den Stromverbrauch im Auge behält. Wenn die Sonne lacht, schaltet dieser bevorzugt Großverbraucher wie die Waschmaschine ein, lädt beispielsweise das Elektrofahrzeug oder startet den Waschvorgang. Wer dringend volle Batterien im Auto braucht oder saubere Wäsche, der kann den Controller überstimmen und auch in angebotsschwachen Zeiten viel Strom verbrauchen. Jeder Tester im intelligenten Netz, auch Smart Grid genannt, hat die Möglichkeit, sich via Internet über den aktuellen Stromverbrauch und seine private Stromerzeugung per Solaranlage zu informieren.

Der Versorger wiederum hat die Möglichkeit, mit Hilfe des Smart Operators, eines schuhkartongroßen Geräts, im Trafoschrank des Ortsnetzes Strom so zu lenken, dass jeder Haushalt genügend abbekommt und dennoch die Leitungen nicht überlastet werden. Der Strom fließt immer da, wo genügend Kapazitäten frei sind. Notfalls erreicht er auf Umwegen sein Ziel. In Kisselbach und Wertachau läuft die Kommunikation über ein eigens verlegtes Glasfasernetz. In Wincheringen fließen die Daten gewissermaßen Huckepack über die Stromleitungen.

Bisher keinen PreisvorteilIn Kisselbach, dessen intelligentes Netz als letztes realisiert wurde, hat RWE zusätzlich eine 150-Kilowattstunden-Pufferbatterie installiert, die überschüssigen Solarstrom zwischenlagern kann. Im Dorf sind 14 Fotovoltaikanlagen mit einer Spitzenleistung von 186 Kilowatt installiert. Mit der Batterie wird mehr selbst erzeugter Strom im Ort selbst verbraucht, verstopft also keine Leitungen.

Direkte Preisvorteile haben die Versuchskaninchen nicht. Sie zahlen für die Kilowattstunde stets das Gleiche, auch wenn es ein Überangebot gibt. Machbar wäre auch eine angebotsanhängige Preisgestaltung.

Indirekt werde der Verbraucher dennoch profitieren, glaubt RWE, weil die Netzentgelte durch die bessere Auslastung der Leitungen und den Verzicht auf Zubau langsamer steigen könnten. Der Testbetrieb soll bis Ende 2015 laufen. Die Erfahrungen fließen dann in intelligente Netze größerer Dimensionen ein, so die Planung.

Aber RWE will mit dem Smart-Grid-Projekt, dessen Vorbereitung knapp zwei Jahre dauerten, nicht nur helfen, den Zubau neuer Leitungen zu vermeiden. Mit den Smart Metern will der Konzern sich auch ein neues Geschäftsfeld erschließen. Denn seit die Einnahmen für die Kraftwerke wegen niedriger Börsenpreise sinken, müssen andere Einnahmequellen her. Das Verbrauchsmanagment für Haushalte und Wirtschaft könnte eine davon sein.

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