Interview: "Mobilität wird zum personalisierten Serviceangebot"

Interview: "Mobilität wird zum personalisierten Serviceangebot"

von Eva Mühle

Das EU-Projekt "Streetlife" will Autofahrten in der Stadt reduzieren - hilft dabei die perfekte Mobilitäts-App?

Verstopfte Straßen, steigende Feinstaubwerte, hohe Unfallzahlen und lärmgeplagte Städter. Was in vielen Metropolen schon Alltag ist, wird an Schärfe zunehmen: Heute werden bereits knapp zwei Drittel aller gefahrenen Kilometer in der City zurückgelegt. Bis 2050 soll sich das städtische Verkehrsaufkommen noch einmal verdreifachen, prognostiziert die UN. Es müssen Alternativen zum privaten PKW her, damit der Verkehr auch zu Stoßzeiten fließt. 

Städte wie London, Stockholm oder Singapur haben bereits vor Jahren reagiert und eine Staugebühr eingeführt. Auch Peking will noch in diesem Jahr eine Stau-Steuer einführen. Weitere wichtige Schlagworte sind E-Mobilität, Sharing-Angebote und die stärkere Vernetzung von (nachhaltigen) Verkehrsmitteln.

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An Letzterem versucht sich das von der EU mit 4,3 Millionen Euro geförderte dreijährige Forschungsprojekt "Streetlife", das im September 2016 endet. Geleitet wird das internationale Projekt von Silke Cuno vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS). Im Gespräch mit WiWo Green hat sie über die Ziele von Streetlife und Visionen von Mobilitätskonzepten der Zukunft gesprochen:

Frau Cuno, worum genau geht es im Projekt "Streetlife"?Unser Hauptziel ist es, die Zahl der Autofahrten in der Stadt und damit die städtischen CO2-Emissionen zu reduzieren. Unser Pilotversuch wird in den drei geo- und demographisch unterschiedlichen Städten Berlin, Rovereto (Norditalien) und Tampere (südwestliches Finnland) durchgeführt. Zusammen mit europäischen Partnern aus dem Forschungs- und Industriebereich sowie den beteiligten Pilotstädten gehen wir dort der Frage nach, wie man Menschen dazu bewegen kann, statt dem Auto lieber das Fahrrad oder andere grüne Verkehrsmittel für Strecken in der Stadt zu nutzen.

Über grüne Alternativen informierenUnd da kommt jetzt moderne Informationstechnik ins Spiel?Ja, genau. Ein Wandel hin zu einer verstärkten Nutzung von grünen Alternativen zum Auto ist möglich, wenn Pendler besseren Zugang zu vergleichbaren Informationen haben, die die geplante Wegstrecke betreffen. Im Rahmen unseres dreijährigen Forschungsprojekts haben wir uns zunächst darauf konzentriert, ein intermodales Mobilitäts-Informationssystem zu entwerfen: Aufbauend auf der bereits vorhandenen IT-Infrastrukturen der drei Teilnehmer-Städte haben wir die Systeme anhand einer Smart-City-Referenzarchitektur weiterentwickelt. Die Architektur gewährleistet die Integration von diversen urbanen Daten, wie zum Beispiel Mobilitätsdaten verschiedener Anbieter, Unfallstatistiken, Wetterdaten oder Daten aus Emissionsmessungen. Für die Anwohner haben wir daraus testweise kostenlose Apps für das Smartphone entwickelt.

Was genau können Nutzer denn mit den Apps machen?Die Anwendungen unterscheiden sich je nach Stadt. An der Berliner App haben verschiedene Partner wie das Deutsche Institut für künstliche Intelligenz, die Verkehrsmanagementzentrale Berlin, Siemens und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt gearbeitet. Dabei geht es schwerpunktmäßig um das Thema sicheres Fahrradfahren. Die App weist Fahrradrouten aus, informiert und umgeht Unfallschwerpunkte auf den Berliner Straßen. Zudem zeigt sie alle verfügbaren Verkehrsmittel auf der Strecke an.

Konkret heißt das: Der Nutzer kann eintippen, wo er mit welchem Verkehrsmittel hinfahren möchte. Die App schlägt ihm dann bei Benutzung des Fahrrades die sicherste Route vor, die Unfallschwerpunkte vermeidet. Sie zeigt auch an, ob es sich zum Beispiel lohnt, ein Stück mit dem Bus zu fahren, wo sich die nächste Fahrrad-Ausleihstation befindet oder wo es zu Fuß oder mit dem Auto schneller gehen könnte. Die Streetlife-App ist quasi ein Mittel zur intermodalen Tourenplanung, die bestehende Verkehrsangebote vernetzt. Hinzu kommt, dass die Nutzer Feedback geben können und für besonders viele mit dem Rad gefahrene Kilometer Preise wie einen Fahrradhelm oder einen Stadtbaum gewinnen können. Das Feedback wird in dem von Fraunhofer FOKUS entwickelten Control-Panel visualisiert und der Verkehrsmanagementzentrale zur Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur zur Verfügung gestellt.

Gibt es solche spielerischen Motivationsanreize auch in den anderen zwei Test-Städten?Ja. Unser Pilotversuch in Finnlands drittgrößter Stadt, Tampere, konzentriert sich zum Beispiel darauf, den öffentlichen Nahverkehr attraktiver zu machen. Auch hier werden Nutzer belohnt, die besonders häufig mit dem Bus fahren. Generell geht es im Tampere darum, den Bewohnern verlässliche Echtzeit-Informationen zu liefern, um sie gegebenenfalls zu anderen Bushaltestellen mit leereren Bussen umzulenken.

Mobilität als ServicepaketDie Pilotversuche enden in den nächsten Monaten. Was passiert mit den Daten, die Sie während der Testphase gesammelt haben?Mit Spannung erwarten wir aktuell die Ergebnisse der Pilot-Evaluierungen: Sie werden zeigen, wie sich die Nutzerakzeptanz verhält, welche Auswirkungen es auf das Verkehrssystem gab und wie sich das CO2-Aufkommen verändert hat. Oder ob sich das Sicherheitsgefühl der Berliner Fahrradfahrer durch die Streetlife-Anwendung erhöht hat. Die gewonnenen Daten sind relevant für die Verkehrsplanung der Städte, zumal sie neue und interessante Geschäftsmodelle versprechen.

An was denken Sie da?Naja, in Berlin haben uns schon einige Unternehmen angefragt, ob wir ihre Daten nicht auch in die App integrieren könnten. Das war zum Beispiel ein Start-up, das den privaten Fahrradverleih organisiert. Gerade andere Service- und Produktanbieter aus der Fahrradcommunity, beispielsweise Anbieter von Radtouren oder Diebstahlschutzsystemen, haben sich direkt für die Plattform interessiert. In Zukunft könnten die verschiedensten Anbieter von der vernetzten Plattform profitieren. Zum Beispiel auch der Friseur, der angibt, wann er noch freie Termine zum Haareschneiden hat oder der Bäcker, der über seine Öffnungszeiten informiert.

Was hat das mit Mobilität zu tun?Die Tendenz geht dahin, Mobilität als einen personalisierten Service anzubieten. Es braucht nahtlose und integrierte Mobilitätsangebote sowie Informationen, die sich nach den individuellen Bedürfnissen des Nutzers richten. Den Nutzer interessiert es wenig, welcher Verkehrsanbieter ihn gerade transportiert. Vielmehr könnten alle Angebote als ein nutzerspezifisches Service-Paket angeboten werden.

Denn die Menschen möchten vielmehr wissen und wählen, wie sie entsprechend persönlicher Vorlieben mit den verfügbaren Verkehrsmitteln ans Ziel kommen, wie der Verkehr zur anvisierten Zeit wirklich ist, wo Unfallschwerpunkte auf der Strecke lauern, ob die Fahrstühle für Gepäck und Fahrradtransport gerade in Betrieb sind, aber eben auch wie lange der Laden um die Ecke noch auf hat oder ob sie eine längere Umsteigezeit für einen Friseurbesuch in der Nähe nutzen können. Natürlich würden auch die Städte selbst von so einem Angebot profitieren. Sie könnten die Feedback-Informationen auswerten und so den Verkehrsfluss optimieren und den Aufbau von neuen Geschäftsideen gezielt fördern.

 

Lesetipp: Mobilität ist nur eins von vielen, brennenden Themen, welche die Städte beschäftigt. Um den Ansturm Millionen neuer Bewohner zu verkraften, müssen sich die Städte neu erfinden. Lesen Sie dazu das Smart-City-Spezial "Experiment in der City" in der aktuellen Ausgabe der WirtschaftsWoche (Heft 18/2016).

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