Interview: Warum wir Fracking in Deutschland brauchen

Interview: Warum wir Fracking in Deutschland brauchen

von Benjamin Reuter

Unkonventionelle Erdgasförderung - Fracking genannt - ist hochumstritten. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Paul erklärt, warum wir sie dennoch brauchen.

Kürzlich widmete sich der deutsch-französische TV-Sender Arte in einem Themenabend dem Fracking - also der unkonventionellen Erdgasförderung. Dabei werden unter Druck Wasser und Chemikalien in Schiefergestein gepresst, um das darin enthaltene Gas freizusetzen. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Paul war in der anschließenden Diskussionsrunde zu Gast. Der Arte-Themenabend verzichtete weitgehend auf eine genaue Beschreibung der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem hochumstrittenen Thema. Im Interview erklärt Michael Paul, warum die Gefahren des Fracking beherrschbar sind und auch in Deutschland eine Förderung möglich ist.

Ein aktueller Themenabend bei Arte hat die unkonventionelle Erdgasförderung als größte Umwelt- und Klimasünde seit Erfindung der Atomkraft dargestellt. Wie gefährlich ist Fracking wirklich, Ihrer Meinung nach?

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Paul: Es handelt sich um eine Technologie, die Risiken birgt. Das zeigen übereinstimmend alle vier, in der jüngeren Zeit vorgelegten deutschen wissenschaftlichen Studien (Links unter dem Interview). Die Studien zeigen aber auch, dass es keine "Totschlagargumente" gegen Fracking gibt. Vielmehr können negative Umweltauswirkungen bei Beachtung strenger Umweltauflagen verhindert werden, zum Beispiel durch den Ausschluss von Frack-Maßnahmen in sensiblen Bereichen wie Wasserschutzgebieten oder den Gewinnungsgebieten von Mineral- und Heilwässern.

Nun scheint es in den USA tatsächlich einige Fälle von Umweltverschmutzung in Zusammenhang mit Fracking zu geben. Was ist da schief gelaufen?

Paul: Die Ursache ist vermutlich, dass wichtige Vorkehrungen gegen Umweltverschmutzungen nicht getroffen wurden. Das betrifft zum einen die Tatsache, dass der Flowback (also das beim Fracken an die Oberfläche geförderte Tiefenwasser einschließlich eingesetzter chemischer Frack-Fluide) wassergefährdende Stoffe enthalten kann, in offenen Becken gelagert wurde. Auch wurde nicht ausreichende Vorkehrungen getroffen, um ein Versickern des an die Oberfläche gepumpten Flowbacks zu verhindern, zum Beispiel durch eine Versiegelung der Bohrplätze. Zudem wurde in den USA in geringen Tiefen (wenige hundert Meter) und damit in der Nähe von Grundwasser-Horizonten gefrackt, so dass das Grundwasser durch Frackfluide verunreinigt werden konnte.

Genügen strenge Regeln, um solche Vorfälle künftig zu verhindern?

Paul: Generell gibt es schon heute in Deutschland ein höheres Umweltschutzniveau als in den USA. Die geschilderten Verschmutzungen hätten bei Einhaltung der Regeln in Deutschland nicht geschehen können. Trotzdem sollten, vor allem um das Trinkwasser zu schützen, weitere Umweltanforderungen eingeführt werden, zum Beispiel ein Veto-Recht der Wasserbehörden beim Erteilen von Frack-Genehmigungen.

Sie vertreten eine Region im Bundestag, die reich an Erdgas ist und in der seit Jahrzehnten gefördert wird. Wie sieht die Bevölkerung das Thema Fracking?

Paul: In Nordrhein-Westfalen werden große Schiefergasvorkommen vermutet, so im Münsterland. Im angrenzenden Niedersachsen wird seit Jahrzehnten weitestgehend unfallfrei Erdgas gefördert, unter anderem mit über 250 Fracks in den letzten 30 Jahren. Vor Ort herrscht inzwischen eine große Verunsicherung und Angst. Aus diesem Grund muss es eine größtmögliche Transparenz geben. Auch sind die Beteiligungsrechte von betroffenen Bürgern und Kommunen zu verbessern, zum Beispiel durch Einführung einer Umweltverträglichkeitsprüfung bei Fracking-Vorhaben.

Exxon Mobil hat in den möglichen deutschen Fördergebieten eine Aufklärungskampagne zum Thema Fracking gestartet und auch eine wissenschaftliche Untersuchung bezahlt, die überraschend kritisch ausfiel. Der Tenor: Fracking ja, aber nur unter hohen Umweltschutzvorgaben. Lohnt sich Fracking bei starker Regulierung für die Unternehmen überhaupt?

Paul: Ob sich Fracking bei hohen Umweltauflagen für die Unternehmen rechnet, hängt von verschiedenen Faktoren ab, zum Beispiel dem Gaspreis und der Kostenentwicklung. Dieses unternehmerische Risiko müssen die Gasfirmen tragen. Ob Fracking in jedem Fall ein profitables Geschäft ist, lässt sich deshalb nicht vorhersagen.

Brauchen wir Fracking in Deutschland? Und wenn ja, warum?

Paul: Kurz- und mittelfristig wird Erdgas in Deutschland trotz - oder gerade wegen - der Energiewende benötigt, um die stark schwankende Stromproduktion aus Wind und Sonne auszugleichen. Zur Zeit verbrauchen wir in Deutschland jährlich ca. 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas, davon ca. 14% Erdgas aus heimischen Quellen, mit abnehmender Tendenz. Nach der Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) gibt es ein förderbares Potenzial von 1 Billion Kubikmeter Schiefergas. Damit könnte Deutschland über Jahrzehnte seinen Anteil heimischen Erdgases halten und damit weniger abhängig von Gasimporten zum Beispiel aus Rußland sein.

Hier die Links zu vier deutschen Gutachten zum Thema Fracking:

Untersuchung des Umweltbundesamtes (Aug. 2012)

Gutachten des Landes Nordrhein-Westfalen (Sept. 2012)

Untersuchung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (Jan. 2013)

Risikostudie Fracking für Exxon Mobil (Mai 2012)

 

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