Klimawandel: Erderwärmung deckt radioaktives Erbe auf

Klimawandel: Erderwärmung deckt radioaktives Erbe auf

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35 Meter unter Grönlands Eisschicht haben die USA im Jahr 1959 Atomraketen gelagert. Nun könnte der radioaktive Müll zum Umweltproblem werden.

von Angela Schmid

Die USA errichteten im Kalten Krieg unter dem Eis Grönlands eine Basis für Atomraketen. Über die Jahre fast vergessen, könnte der radioaktive Müll bald zum Problem werden.

„Project Iceworm“ klingt wie ein Spionagethriller. Den Stoff dafür könnte der „Eiswurm“ tatsächlich liefern, denn er birgt ein atomares Erbe. Als sich im Kalten Krieg die Sowjetunion und die USA als Todfeinde gegenüberstanden, begannen die Amerikaner, eine Basis von der Größe einer Kleinstadt in das Eis Grönlands zu graben. Offiziell, um wissenschaftliche Experimente unter arktischen Bedingungen durchzuführen.

Die Wahrheit war ein streng gehütetes Geheimnis, das nur wenige kannten: 600 Atomraketen sollten unter dem ewigen Eis stationiert und Abschussrampen für Atomraketen unter der Eisoberfläche getestet werden. Damit wollten die Amerikaner ihren Erzfeind über den Polarkreis hinweg ins Visier nehmen.

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Eine bis zu 35 Meter dicke Eisdecke liegt über dem Militärstützpunkt „Camp Century“, den die USA 1959 im ewigen Eis errichteten. Als die Amerikaner zehn Jahr später wieder abzogen, geriet die Raketenbasis fast in Vergessenheit – bis sich die Erde erwärmte und das radioaktive Vermächtnis zurück ins Bewusstsein brachte.

Eingefrorene Schadstoffe werden ins Wasser gespült

Noch sind die giftigen Hinterlassenschaften unter der Eisschicht verborgen. In 100 Jahren könnten sie aber zu einem Problem für das fragile Ökosystem Grönlands werden, vermutlich sogar schon früher. Das Eis schmilzt bereits jetzt schon. Gelangt einsickerndes Schmelzwasser zu den eingefrorenen Schadstoffen, werden diese ins Wasser gespült. Das haben Untersuchungen von Wissenschaftlern um William Colgan von der York University in Toronto, Kanada, gezeigt.

Die Forscher schätzen, dass sich in „Camp Century“ noch 9.200 Tonnen Material,  200.000 Liter Dieseltreibstoff und 240.000 Liter Abwasser befinden. Darunter dürfte auch schwach radioaktiv belastetes Kühlwasser des Atomreaktors sein, der die Anlage mit Strom versorgte. Der Stützpunkt ist vermutlich auch mit krebserregenden Giftstoffen wie PCB belastet, der in Lacken, Dichtungen und Kunststoff enthalten war.

Das Team um William Colgan empfiehlt, die Situation vorerst nur zu beobachten und die Schadstoffe erst dann zu entsorgen, wenn sie nur noch wenige Meter unter dem Eisschild liegen. Bisher sind die Eismassen zu dick; die Abfälle zu entsorgen, wäre teuer und technisch schwierig.

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Normalerweise herrschen am Polarkreis Minusgrade. (Symbolfoto) Quelle: AP

Die Forschungen mussten die Wissenschaftler derweil in ihrer Freizeit anstellen: Denn mit dem Vermächtnis von Camp Century wollten weder die NATO noch Dänemark etwas zu tun haben, an einer Finanzierung der Studie hatten beide kein Interesse.

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