Kohle gegen Wind: Chinas gefährlicher Energiemix

Kohle gegen Wind: Chinas gefährlicher Energiemix

Bild vergrößern

Kein Problem mit seltenen Tieren und Anwohnern: China kann Windanlagen einfach zubauen. Trotzdem erhält Kohle immer noch den Vorzug.

von Tobias Finger

China baut zwei neue Windturbinen pro Stunde. Doch auch Kohlekraftwerke schießen aus dem Boden und dominieren weiterhin im Stromnetz.

Viele Beobachter bewerteten die Entscheidung der USA und Chinas, das Klimaabkommen von Paris zu ratifizieren, als wichtigen Schritt zur Erhaltung unseres Planeten. Die beiden weltweit größten CO2-Emittenten hatten den Entschluss im Vorfeld des G20-Gipfels im chinesischen Hangzhou getroffen.

Dabei liegt China in dieser Statistik noch weit vor den USA: 2011 verursachte das Land der Mitte mehr als ein Viertel der gesamten Emissionen, die Vereinigten Staaten „lediglich“ 17,7 Prozent. Und trotzdem scheint man sich in der Parteiführung sicher zu sein, die ehrgeizigen Ziele und Grenzwerte des Pariser Abkommens einhalten zu können.

Anzeige

"China hat große Anstrengungen unternommen"

Lu Kang, Sprecher des chinesischen Außenministeriums, bestätigte das gegenüber BBC News. „China hat große Anstrengungen in Bereichen wie der Reduzierung von Emissionen, Umweltschutz und der Entwicklung von erneuerbarer, nachhaltiger Energieversorgung unternommen“, sagte er.

In Zahlen heißt das: China baut laut der Internationalen Energie Agentur (IEA) alle halbe Stunde eine Windturbine. Damit stellen die Chinesen auch in dieser Statistik den Spitzenreiter dar: Die USA liegen etwa bei der Hälfte, also einer Turbine pro Stunde.

So wurde der gesamte jährliche Anstieg im Energieverbrauch nur mit Windenergie bewältigt. Die Zahlen der IEA belegen weiter, dass China 2015 mehr als 30.000 Megawatt Leistung in Windkraftwerken gebaut hat – eine Reaktion auf Anreize der Regierung, die die bestehenden Förderungsprogramme einschränkte. „Chinas Aufstockung der Kapazitäten von Wind- und Solarenergie ist wahrhaftig einmalig“, sagt auch Steve Sawyer vom Global Wind Energy Council.

Rekorde auch in der Kohleindustrie

Also noch mehr Superlative? Auf dem Papier vielleicht, ja. Die Realität sieht etwas anders aus. Zum einen stieg der Energiebedarf weniger stark an, als erwartet. Das liegt daran, dass schmutzige Industrien die Leistung herunterfuhren und Chinas Wachstum sich insgesamt abschwächte.

Zum anderen setzte China gleichzeitig zum Wind-Boom im vergangenen Jahr und in der ersten Hälfte von 2016 ebenfalls Rekorde in der Neuinstallation von Kohlekraftwerken, bestätigt die IEA. Und die werden beim Zugang zum Stromnetz eindeutig bevorzugt.

Das geht soweit, dass Windturbinen im ganzen Land durchschnittlich für 15 Prozent der Zeit aus dem Wind gedreht werden, da für den generierten Strom keine Netzkapazitäten frei sind und Windenergie schwer zu exportieren ist. „In der Provinz Gansu“, so die IEA weiter, „mussten 39 Prozent der möglichen Windenergie gekürzt werden.“ Zum Vergleich: In Europa werden Windfarmen zwischen ein und zwei Prozent der Zeit abgestellt - auf das ganze Jahr gerechnet.

Reformen notwendig

Dabei ist es kein Wunder, dass der Energiemarkt und der Netzausbau nicht mit den Zahlen der erneuerbaren Energiegewinnung mithalten können. Ohne entsprechende Reformen bringt der Ausbau wenig. China spielt hier ein gefährliches Spiel: Weil Braunkohle kaum regulierbar ist, die Gesamt-Kapazitäten aber wegen des überschätzten Wachstums und der geringeren Nachfrage nicht genug für Kohle und Erneuerbare bieten, laufen die Meiler einfach weiter, während man die Räder aus dem Wind dreht. Der Strom aus den ebenfalls einfacher regelbaren Steinkohlekraftwerken, die mit importierter Kohle feuern, wird hingegen exportiert.

Dadurch werden Investoren und Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien abgeschreckt, da sie ihre Kraftwerke nie mit der vollen Leistung laufen lassen können. So entgehen ihnen Gewinne, Windenergie lohnt sich im Vergleich zu Kohle kaum.

Wegen Überkapazitäten China Kohlemeiler verbrennen über 100 Milliarden Euro

China hat zu viele Kraftwerke geplant - das kommt das Land nun teuer zu stehen, denn die Erneuerbaren sind sauberer und teilweise billiger.

Das Kohlekraftwerk Fuxin, im Nordosten Chinas. Quelle: AP

Und das wiederum führt zu einer kritischen Situation, wie Lauri Myllyvirta von Greenpeace China bestätigt: „China hat eine Kohle-Blase. Schon jetzt wird mehr Kohlestrom generiert, als verbraucht wird und trotzdem baut man hier ein neues Kraftwerk pro Woche.“ Und das trotz des Neubauverbots für Kohlekraftwerke in besonders verschmutzten Gebieten in Folge der öffentlichen Diskussion über Feinstaub- und Smogbelastung.

Neue Kraftwerke, die niemand braucht

Wegen der einfach zu erhaltenden Unterstützung und zusätzlichen Finanzmitteln aus den kommunalen Haushalten, bauen mittlerweile auch Bergbau- oder Transportunternehmen Kraftwerke, die eigentlich niemand mehr braucht. Solange das Stromnetz nicht reformiert wird, bekommen diese aber trotzdem den Vorzug bei verfügbaren Kapazitäten.

Während der Sprecher des chinesischen Außenministeriums sagt, dass „die internationale Gemeinschaft unsere Vorreiterrolle in Sachen Klimawandel anerkennt“ und versichert, „dass China entschlossen ist, an diesem grünen und nachhaltigen Weg der Entwicklung festzuhalten“, sieht die Meinung der IEA gänzlich anders aus.

„Chinas Position ist eindeutig nicht nachhaltig. Es braucht starke politische Entscheidungen, einschließlich des Baus einer Vielzahl zusätzlicher Leitungen und eine Abschaltungsregelung für alte, weniger effiziente Kohlekraftwerke“, so ein Sprecher der Agentur gegenüber BBC News. Andernfalls dürfte es für das Land der Mitte entsprechend schwer werden, nach der Ratifizierung des Pariser Abkommens dieses auch einzuhalten.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%