Liebe Radfahrer: Lasst uns eine Revolution anzetteln!

Liebe Radfahrer: Lasst uns eine Revolution anzetteln!

von Sebastian Matthes

Gegen aggressive Autofahrer haben Radfahrer nur eine Chance: Mehr fahren. Ein Plädoyer.

Ich wollte es eigentlich ignorieren. Mich nicht mehr ärgern. Es einfach ausblenden. Doch gestern brachte mich ein silberner Audi-Kombi in Lebensgefahr. Und jetzt reichts.

Unterwegs auf dem Rennrad. Wie öfter an den Wochenenden. Auf einer Landstraße irgendwo zwischen Düsseldorf und Wuppertal. Es geht leicht bergab und ich beschleunige auf über 35 Kilometer pro Stunde. Plötzlich rast mit hoher Geschwindigkeit ein silberner Kombi an mir vorbei, so dicht, dass er mich fast berührt. “Idiot!” Rufe ich ihm hinterher.

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Er bremst, lenkt scharf nach rechts und schneidet mir den Weg ab. Nur in letzter Sekunde komme ich zum Stehen, fast rutsche ich in seine Seite. Er brüllt aus dem Fenster, als Radfahrer habe ich nichts auf der Straße zu suchen. Anschließend tritt er aufs Gas und ist weg. So schnell, dass ich mit nicht einmal sein Nummernschild erkennen kann.

Kein Drama. Aber es ist doch eine der vielen Begegnungen, die ich als Radfahrer in den vergangenen Monaten mit Autofahrern hatte. Fast habe ich das Gefühl, dass ein nicht erklärter Krieg zwischen Radlern und Autofahrern ausgebrochen ist, immer aggressiver wird die Stimmung: Als ich vergangene Woche mit dem Taxi durch München fuhr sagte der Taxifahrer: “Hoffentlich ist bald wieder Winter, dann sind die Scheiß-Radlfahrer wieder weg”. In Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Leipzig hört man ähnliches.

Dabei haben Radfahrer ebenso das Recht, die Straßen zu nutzen, wie jede S-Klasse, jeder 7er und jeder SUV. Radfahrer sind nicht einmal dazu verpflichtet, auf Radwegen zu bleiben, die oft schlecht gepflegt und durch Wurzel-Durchbrüche vielerorts zu gefährlichen Buckelpisten werden. Und sind Radwege auf die Straßen gelegt sind sie vielfach durch parkende Autos verstellt.

Liebe Fahrradfahrerinnen, liebe Fahrradfahrer, es gibt immer noch Autofahrer, die glauben, wir wären bald wieder weg, ein kurzes Sommerphänomen. Aber das ist ein Irrtum. Schaut in Städte wie Amsterdam oder Berlin: Es ist eine Massenbewegung und sie könnte bald die Mehrheit auf den Straßen stellen. Überall steigt die Zahl der Radfahrer deutlich, wie Studien aus Städten wie Hamburg zeigen.

In Oldenburg, Deutschlands Fahrradhauptstadt, legen sogar schon 43 Prozent der Bürger ihre Wege im Alltag per Pedale zurück.

Damit beginnt ein neues Zeitalter der zweirädrigen Massenmobilität. Eine Zeit, in der Individualverkehr nicht mehr unbedingt einen Auspuff und Zündkerzen braucht. Eine Zeit vor allem, in der alle Verkehrsformen friedlich nebeneinander existieren.

Allein: Es gibt immer noch zu viele Menschen, die das nicht wahrhaben wollen. Sie aber gefährden das Leben vieler Radfahrer: durch rücksichtsloses Überholen, aggressives Hupen oder Erziehungsmaßnahmen wie ich sie gerade wieder erleben musste.

Es gibt nur einen Weg, das Problem zu lösen: Mehr Rad fahren.

Ich versuche, soweit es zwischen den vielen Geschäftsreisen geht, jeden Monat eine motorfreie Woche einzulegen. Eine Woche ohne Auto, ohne Bahn, ohne Taxi - in dieser Zeit versuche ich, mich nur mit dem Fahrrad fortzubewegen, eine Bike-Only-Woche sozusagen.

Denn je mehr Radfahrer auf den Straßen sind, desto klarer wird: Wir sind nicht allein.

Und dann werden auch die letzten lernen, dass eine neue Zeit begonnen hat. So, wie anderswo längst. Stellen Sie sich nur einmal vor, ein Autofahrer hätte sich in Amsterdam gegenüber einem Radfahrer so verhalten wie der Besitzer des silbernen Kombi.

Es hätte einen Volksaufstand gegeben. Wann sind wir so weit?

Wie Sind Ihre Erfahrungen? Kommen Sie eine Woche ohne motorgetriebene Mobilität aus? Schreiben Sie mir. Hier in den Kommentaren, bei Twitter unter dem Hastag #MotorfreieWoche oder auf unserer Facebook-Seite. Wir sind gespannt!

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