Mehr Mut: Der Verkehr darf den Klimaschutz nicht länger aufhalten

Mehr Mut: Der Verkehr darf den Klimaschutz nicht länger aufhalten

Die Mobilitätsforscher Weert Canzler und Felix Creutzig fordern mehr Mut bei der Verkehrswende - auch wenn es teuer wird.

Weert Canzler ist seit 1998 zusammen mit Andreas Knie Leiter der „Projektgruppe Mobilität“ und seit 2008 Mitglied der „Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) sowie seit 2013 Sprecher des „Leibniz-Forschungsverbundes Energiewende“.

Felix Creutzig leitet am Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) die Arbeitsgruppe Landnutzung, Infrastruktur und Transport und war Leitautor im Transportkapitel des Fünften IPCC Sachstandsberichtes.

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In einem historischen Akt haben sich die Staaten der Welt in Paris dazu verpflichtet, den Klimawandel auf 2°C zu begrenzen. Gelingt es, das Abkommen umzusetzen, könnte Paris als der größte Erfolg kooperativen Handelns in die Menschheitsgeschichte eingehen. Modellstudien zeigen, dass dazu sehr ambitionierte Maßnahmen in allen wirtschaftlichen Bereichen vorangetrieben werden müssten.

Vor diesem Hintergrund ist die deutsche Energiewende zum international bekannten Schlagwort geworden. Tatsächlich machen die erneuerbaren Energien schon jetzt ein Drittel der Stromerzeugung aus, ihre Kosten- und Lernkurven sehen günstig aus und die Kohleverstromung erscheint als Auslaufmodell.

Doch die Erfolgsgeschichte auf dem Strommarkt darf den Blick auf eine andere, vielleicht noch größere Herausforderung nicht verstellen: Das Verkehrswesen könnte ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zur Vermeidung des gefährlichen Klimawandels sein. In diesem Sektor nahmen zwischen 2009 und 2014 die Treibhausgasemissionen um sieben Prozent zu.

Wenig ambitionierte PolitikEs wird besonders schwer werden, im Verkehrswesen das Steuer in Richtung der Dekarbonisierung herumzureißen: Einmal gefertigte Autos befahren die Straßen meist für mehr als zehn Jahre – und Siedlungsmuster, die lange Pendelstrecken nach sich ziehen, währen gar über Jahrhunderte. Doch das Bundesverkehrsministerium kümmert sich bisher kaum – selbst die EU treibt den Klimaschutz im Verkehrssektor mit ein wenig ambitionierteren Grenzwerten nur minimal voran.

Damit – wie es der neue Klimavertrag vorsieht – 2050 alle Menschen möglichst ohne CO2-Emissionen weltweit von A nach B gelangen können, müsste Deutschland jetzt mit gutem Beispiel vorangehen. Drei entscheidende Weichen müssten gestellt werden, um die Verkehrswende umzusetzen.

Drei klare SignaleErstens brauchen wir klare Preissignale. Ein dramatisch niedriger Ölpreis und ein mehr als zehn Jahre unveränderter Mineralölsteuersatz motivieren weder private Haushalte noch Unternehmen dazu, Sprit zu sparen oder auf alternative Antriebe umzusteigen. Wir schlagen eine mäßige, aber stetige und verbindliche Erhöhung des Steuersatzes von jährlich 4 Prozent vor. Dabei handelt es sich faktisch um eine Emissionsabgabe, die mittel- und langfristig Anreize setzt für reduzierte Treibhausgasemissionen sowie einen Umstieg auf alternative Antriebe. Der Steuersatz von Dieselfahrzeugen sollte dem von Benzinern angepasst werden.

Zweitens müssen jetzt ambitionierte CO2-Emissionsstandards für die nächste Dekade gesetzt werden. Die für das Jahr 2012 beschlossenen Grenzwerte von 95g CO2/km für den durchschnittlichen Neuwagen müssen auf unter 70g CO2/km im Jahr 2026 verschärft werden. Diese Werte sind nur zu erreichen, wenn wesentlich mehr Hybrid- und Elektrofahrzeuge verkauft werden. Die Verbraucher können höhere Fahrzeugkosten über die Ersparnis bei den Treibstoffkosten wieder einspielen, da sie wissen, dass Benzin und Diesel ständig teurer werden. So gehen beide Politikinstrumente Hand in Hand.

Allerdings: Ehrgeizige Grenzwerte sind lediglich die eine Seite der Medaille, die andere Seite sind realistische Mess- und Prüfverfahren. Denn die bisher im Labor gemessenen Werte stimmen nicht mit den realen Emissionen auf der Straße überein. Allein die Verbrauchswerte – und damit auch die Treibhausgasemissionen - liegen mittlerweile bis zu 40 Prozent über den Werten, die die Autohersteller angeben, wie das International Council on Clean Transportation (ICCT) schon ein Jahr vor dem VW-Abgasskandal nachgewiesen hat. Realistische Straßentests sollten deswegen die Labortests ergänzen. Das hat nicht zuletzt der „Dieselgate“-Skandal eindrücklich gezeigt.

Drittens müssen attraktive neue Mobilitätsangebote her, die die Verkehrswende auch erlebbar machen. Veränderte Mobilitätsmodelle können einerseits die Flexibilität erhöhen, andererseits gerade unsere Städte lebenswerter machen und die oft gesundheitsgefährdende Feinstaubbelastung senken.

Investitionen in Gleise und Radstrecken fehlenDie Verkehrszukunft ist gerade in der Stadt vielfältig. Besondere Bedeutung für Klimaschutz durch den Transportsektor kommt dem nicht-motorisierten Verkehr und dem stadtverträglichen Umbau der Infrastruktur zu. Jeder Kilometer, den wir gar nicht erst mit dem Verbrennungsmotor fahren, schützt das Klima ohnehin am besten - und darüber hinaus noch unsere Gesundheit, beispielsweise durch Radfahren in sauberer Luft.

Infrastrukturinvestitionen - etwa für neue Gleise, Carsharing-Modelle oder Fahrradschnellwege - sind vergleichsweise gering. Denn sie bedeuten auch Einsparungen, weil weniger Straßen und Parkplätze gebaut werden müssen. Ergänzend zum größeren Angebot an alternativen Verkehrsmitteln sollte zudem der digitale Zugang zu diesen über Mobiltelefone verbessert werden, damit die Nutzer ohne großen Aufwand eine individuelle Auswahl treffen können.

Ohne den Mut, jetzt die dafür nötigen politischen Entscheidungen zu treffen, wird es nicht gehen. Höhere Spritsteuern und schärfere CO2-Grenzwerte werden sicherlich Widerstände hervorrufen. Doch es gilt nun, den Schwung der erfolgreichen Pariser Klimakonferenz mitzunehmen. Ein erstes Hoffnungssignal für die politische Umsetzbarkeit sendet das Umweltbundesamt: Es will den Steuervorteil bei Diesel verringern und ältere Dieselfahrzeuge in den Städten verbieten.

Die vollständige Dekarbonisierung des Verkehrssektors kann indes nur gelingen, wenn die klaren politischen Rahmenbedingungen für den Umstieg auf Verkehrsmittel jenseits von Diesel und Benzin auch mit neuen Mobilitätsangeboten verbunden werden. Ansonsten bleibt der Verkehr das Sorgenkind des Klimaschutzes.

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