Milliarden-Investments: Grüne Technik boomt, aber nicht genug

Milliarden-Investments: Grüne Technik boomt, aber nicht genug

von Benjamin Reuter

66 Milliarden Dollar flossen im April, Mai und Juni in eine sauberere Energieversorgung. Reicht das fürs Klima?

Nach Jahren des Abwärtstrends geht es nun wieder bergauf. Erstmals nach 2011 könnten die Investitionen in grüne Technik wie Solar- und Windanlagen in diesem Jahr wieder steigen, melden die Analysten des US-Branchendienstes Clean Energy Pipeline.

Der Grund für ihren Optimismus: Allein im gerade abgelaufenen zweiten Quartal dieses Jahres flossen rund 66 Milliarden Dollar in Unternehmen oder Projekte, die in den Bereich der Erneuerbaren Energien fallen. Mit dabei waren Investitionen in einen großen Offshore-Windpark in den Niederlanden und Windfarmen in Äthiopien und Mexiko. Hinzu kommt das ganze Portfolio an Erneuerbaren-Kraftwerken.

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Hochgerechnet könnten 2014 also insgesamt weit mehr als 200 Milliarden Dollar in dem Umbau der Energieversorgung fließen. 2011 hatten die Investitionen letztmals Rekordwerte erreicht (siehe Grafik oben). Seitdem sinken sie, auch wegen der globalen Wirtschaftskrise.

Doch reicht der zarte Aufschwung, um das Energiesystem der Menschheit wirklich auf einen nachhaltigen Kurs zu bringen? Eher nicht, wenn man den aktuellsten Studien und Untersuchungen glaubt.

1,2 Billionen Dollar sind nötig – pro JahrEin Team von Forschern am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg hat kürzlich untersucht, wie hoch die Investitionen in saubere Technik sein müssten, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen und damit die unangenehmsten Folgen des Klimawandels abzuwehren.

Das Ergebnis: Bis 2050 müssten pro Jahr rund 1,2 Billionen Dollar in den Umbau von einer durch Öl, Gas und Kohle zu einer durch Wind, Sonne, Wasser und Biomasse geprägten Energieversorgung fließen.

Die etwas mehr als 200 Milliarden Dollar, die es bisher sind, reichen also bei weitem nicht. Wenn man die aktuellen Klimaziele der Staaten einrechnet, würden die Investitionen laut den Forschern aus Laxenburg nur auf rund 400 Milliarden Dollar pro Jahr bis 2050 steigen. Zum Vergleich: Die Deutschen geben derzeit rund 24 Milliarden Euro an Fördergeldern für ihre Energiewende aus.

Spannend ist unter diesem Aspekt eine weitere Zahl, die die Forscher aus Laxenberg präsentieren: Derzeit investieren Regierungen und Unternehmen insgesamt rund eine Billionen Dollar pro Jahr für die Energieversorgung. Darunter fallen vor allem Ausgaben für Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas und Kraftwerksneubauten.

Erneuerbare dominierenSprich: Eigentlich müssten alle Investitionen in das Energiesystem ausschließlich in saubere Energieträger fließen, um den Umschwung zu schaffen. Ist der Umbau der Energieversorgung im großen Stil also realistisch?

Ganz ausgeschlossen ist es nicht, wie eine zweite aktuelle Analyse zur Entwicklung der weltweiten Stromversorgung zeigt. Diesmal kommt sie von den Experten des Branchendienstes Bloomberg New Energy Finance.

Allein in den Bau neuer Kraftwerke, investieren Unternehmen und Regierungen laut Bloomberg weltweit bis 2030 7,7 Billionen Dollar. Zwei Drittel davon, also knapp 5 Billionen Dollar, entfallen auf die erneuerbaren Energien. Im Schnitt macht das Investitionen von rund 330 Milliarden Dollar pro Jahr bis 2030. Verglichen mit den benötigten 1,2 Billionen ist das immer noch deutlich zu wenig.

Die Entwicklung führt dazu, dass die fossilen Energieträger im Jahr 2030 noch etwa 54 Prozent der Stromerzeugung ausmachen (heute sind es 67 Prozent). Wind- und Solaranlagen werden 16 Prozent der Elektrizität liefern (heute drei Prozent). Den Rest steuern klimafreundliche Kernkraft-, Wasser- und Biomassekraftwerke bei.

Anstrengungen zu geringDie Zahlen von Bloomberg deuten also auf einen Boom der Erneuerbaren hin. Aber auch hier stellt sich wieder die Frage nach der Einordnung: Wie weit bringt uns dieser Boom auf dem Weg zu einem wirksamen Klimaschutz, wie sieht die Entwicklung bis 2050 aus?

Eine Antwort lässt sich zumindest ansatzweise aus einem dritten aktuellen Report ziehen, den der renommierte Ökonom Jeffrey Sachs mit einem Großaufgebot an internationalen Forschern gerade angefertigt hat (hier als PDF).

In dem mehr als 200 Seiten starken Papier widmen sich die Autoren besonders 15 großen Entwicklungs- und Industriestaaten (darunter Deutschland, China, die USA), die derzeit mehr als 70 Prozent der Treibhausgase in die Atmosphäre pumpen.

Sicher sei, so schreiben die Forscher, dass der weltweite CO2-Ausstoß schon ab 2020 sinken müsse, wenn die Chancen einigermaßen gut stehen sollen, die Erwärmung auf rund zwei Grad zu begrenzen. 2050 dann dürfe der Anteil fossiler Kraftwerke an der Stromversorgung nur noch bei rund zehn Prozent liegen. Sinken muss der CO2-Ausstoß natürlich auch beim Verkehr, im Betrieb von Gebäuden und in der Landwirtschaft.

Sollten bis 2030 – wie die Zahlen von Bloomberg nahe legen – tatsächlich noch mehr als 50 Prozent des Stroms mit Kohle, Öl und Gas gewonnen werden, wird es also knapp. Vor allem: Kraftwerke laufen meist 40 bis 60 Jahre. Alles, was heute gebaut wird, geht also kaum vor 2050 wieder vom Netz.

Das Fazit also: Dass die Investitionen in saubere Energieträger nach der Flaute der vergangenen Jahre wieder anziehen ist gut, aber bei weitem nicht gut genug für einen wirksamen Kampf gegen die Erderwärmung.

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