Mobilität: Algendiesel billiger als Sprit aus Erdöl

Mobilität: Algendiesel billiger als Sprit aus Erdöl

von Alexander Busch

Würde es klappen, wäre es eine Revolution: Ein Deutscher will in Brasilien Diesel aus Algen für 40 Cent pro Liter herstellen. Helfen sollen Abfälle aus Kraftwerken.

Im heiß-trockenen Nordosten Brasiliens fand Hans-Jürgen Franke genau, was er brauchte: Sonne satt, Abgase aus einer Zucker-Fabrik und einen risikobereiten Partner. Der ehemalige Entwicklungshelfer installiert im Landesinnern Pernambucos, 60 Kilometer entfernt von der Provinzhauptstadt Recife die erste Biodieselproduktion weltweit aus Algen.

Mit einer revolutionären Technologie: Dabei sollen Algen in Tanksilos durch Sonne und Kohlendioxid im Rekordtempo wachsen. Nach der Ernte werden sie ausgepresst und produzieren Algenöl - aus denen Biodiesel gewonnen werden kann - sowie Omega 3-Fettsäuren. Die getrockneten Algen werden zu Tierfutter mit einem doppelt so hohen Proteingehalt wie etwa Mais

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Nach ähnlichem Muster funktionieren die meisten Algenfarmen weltweit. Das Problem: Sie sind zu teuer. Denn das Algenwachstum und die spätere Verarbeitung der Wasserpflanzen gelingt meist nur mit hohem Energieaufwand. Der Liter Biodiesel kostet dann schnell ein paar Euro. Doch für die Anlage in Brasilien entwickelte Franke, inzwischen Partner der Wiener See Algae Technology (SAT) einen Trick: Statt in offenen Tanks werden dort auf einem Hektar bald fünf Meter hohe Silos betrieben, in denen die Algen wachsen.

Das dafür notwendige Licht für die Photosynthese wird in Solarsammlern auf den Dächern der Silos per Prisma über Glasfaserkabel in die Silos geleitet. So können die Silos im ganzen Bioreaktor wachsen, statt nur an der Oberfläche wie in herkömmlichen Tanks. „Das ist ein revolutionärer Schritt nach vorne in der Algenproduktion“, sagt Rafael Bianchini, Direktor von SAT in Brasilien und ehemaliger Experte für Kohlendioxidreduktion bei Brasiliens Energieriesen Petrobras.

Gedüngt wird die Anlage schließlich mit den Abgasen aus der Destille neben der Algenfarm. Der Grupo JB, eine brasilianische Zucker-Ethanol-Gruppe aus dem Nordosten verbrennt dort Zuckerrohrbargasse zur Energiegewinnung für die eigene Produktion. Die Abgase werden in die Tanks geleitet und regen das Wachstum zusätzlich an. Aus zwei Tonnen CO2 entstehen eine Tonne Algen. Die Algen bestehen schließlich je zur Hälfte aus Öl und Biomasse.

Konkurrenzlos billiger AlgendieselDas Algenöl ist perfekt, um daraus Biodiesel herzustellen – anstatt teures Soja- oder Palmöl zu nehmen, welches auch für die menschliche Ernährung eingesetzt werden kann. „Wir produzieren Biotreibstoffe, aber beanspruchen dafür keine Agrarflächen“, erklärt Bianchini. Und das zu einem Preis, bei dem sich die Anlage problemlos rechnet: Rund 30 Cent kostet der Liter Algenöl in der Produktion, 40 Cent der weiterverarbeitete Liter Biodiesel

Doch die Wertschöpfung ist noch größer: Die getrockneten Algen eigenen sich perfekt als Futterergänzung bei der Rinder- und Hühnermast oder auch für Aquakulturen – beim weltweit führenden Agroproduzenten Brasilien gibt es dafür einen großen lokalen Markt. Die cholesterinsenkenden Omega-3-Fettsäuren lassen sich zudem hochpreisig an die Pharma- und Kosmetikindustrie verkaufen.

Wenn irgendwann auch noch Zertifikate für Kohlendioxid weltweit gehandelt werden, dann bringt das in die Algen statt in die Atmosphäre gepustete Treibhausgas noch zusätzlich Gewinne. „Das ist dann aber die Kirsche auf dem Kuchen“, erwartet Bianchini. „Die Anlagen rechnen sich auch so.“ In fünf Jahren hat sich die Anlage amortisiert, kalkuliert Joachim Grill, ein Finanzinvestor und CEO von SAT in Wien.

Grüner Gürtel um StahlwerkeMit dem Grupo JB und dem brasilianischen Anlagenbauer Dedini hat SAT strategische Partner gewonnen, welche die Anlagen in Brasilien in den Markt verbreiten sollen. „Wir können in ganz Brasilien grüne Gürtel um Stahlwerke, Thermokraftwerke oder eben Zuckerfabriken bauen, um deren Kohlendioxidemissionen zu reduzieren und noch zusätzliche Einkommensquellen zu schaffen.“

Ein anderer Vorteil: Anders als etwa bei den mit Zuckerrohr gespeisten Ethanolfabriken, die von einem jahrelangen kapitalintensiven Agrarzyklus auf den Farmen abhängen bis das Rohmaterial zur Verfügung steht, produzieren die einmal gestarteten SAT-Anlagen schon nach einem Monat.

Ein Strich durch die Kalkulation des Biotech-Unternehmens kann dann nicht mehr das Wetter machen – sondern die brasilianische Bürokratie: Statt wie geplant in der zweiten Hälfte dieses Jahres wird die bereits beim Hersteller fix und fertig montierte Anlage vermutlich erst Anfang 2014 in Pernambuco angefahren Es hat länger gedauert als erwartet, die notwendigen Genehmigungen einzusammeln.

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