Mobilität: Der aufwendige Weg zum BMW-Elektroauto i3

Mobilität: Der aufwendige Weg zum BMW-Elektroauto i3

von Jürgen Rees

Im Herbst bringt BMW das erste E-Serienauto mit Karbonkarosserie auf den Markt. Jetzt gewährte BMW exklusive Einblicke in die neue Produktion in Leipzig.

Jeweils 145 Meter ragen die vier Windkrafträder im Nordosten Leipzigs in den Himmel. Hier, auf dem hermetisch abgeriegelten BMW-Werksgelände, wo in einigen Monaten die Elektroautos i3 und i8 vom Band rollen sollen, erzeugt BMW seinen Strom für die Produktion künftig selbst.

Kein Zweifel, die Bayern überlassen bei diesem Projekt nichts dem Zufall. Denn genau beobachtet die Autowelt, ob es BMW hier wirklich gelingt, zum Ende dieses Jahres 2013 das neue Elektroauto i3 in Serie zu bauen. Denn der Wagen soll einen Rahmen aus Aluminium und erstmals einen Aufbau aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK) erhalten.

Anzeige

Der BMW-Aufbau ermögliche ungeahnte Freiheiten beim Design, hohe Crash-Sicherheit, schnellere Fertigungszeiten und vor allem eine Gewichtsersparnis beim i3 von über 300 Kilogramm, heißt es beim Autobauer. Der teure Karboneinsatz rechnet sich, denn mit jedem abgespeckten Kilogramm braucht das Auto weniger von den teuren Antriebsbatterien.

Für den weltgrößten Hersteller von Premiumautos steht der i3 für das Revolutionärste, was BMW in seiner 97-jährigen Geschichte auf die Straße brachte: ein Auto aus zwei Komponenten - unten Fahrwerk und Batterie, darüber eine Karbon-Kabine. Nicht nur der Antrieb ist neu, weil elektrisch. Die Fahrzeugarchitektur bricht mit geltenden Prinzipien des Autobaus.

Materialien, Design, Herstellungsmethoden, Vertrieb - alles ist neuUnd zum ersten Mal im Automobilbau wollen die Bayern den anspruchsvollen Werkstoff in einer Serienfertigung verwenden. Gelingt ihnen das, könnten sie das Material in vielen weiteren Fahrzeugen einsetzen. Ganz unbescheiden findet BMW-Chef Norbert Reithofer, dass Karbon so etwas wie die zweite Erfindung des Automobils sei.

Lange hat es gedauert bis die deutschen Autohersteller sich an das Elektroauto trauten. Zu tief war der Glaube an den Dieselantrieb, zu groß das Misstrauen gegenüber der Elektromobilität. Denn noch ist den Kunden die Reichweite der Elektroautos zu niedrig, die Preise zu hoch und die Infrastruktur mit Ladestationen zu schlecht.

Jetzt kommt neben dem BMW i3 auch der VW up als Elektrowagen, der Smart ist bereits auf dem Markt. Der i3 ist jedoch das erste deutsche Elektroauto eines großen Herstellers, das nicht von einem Modell mit Verbrennungsmotor abgeleitet ist.

Weil BMW wohl nicht sicher ist, dass Kunden wie Medien das neue Produkt begreifen, gibt es ein so aufwendiges wie vermutlich kostspieliges Marketingkonzept. Details, Fakten und Bilder zu den neuen Autos und ihrer Herstellung kommen scheibchenweise ans Licht. So wollen die Bayern die Angst vor dem Unbekannten lindern.

Dieses Mal kommen die Infos aus dem Herzstück der Produktion in Leipzig. Dort entstehen aus dem Wunderwerkstoff CFK Teile für die leichte Fahrgastzelle des i3. Die Erwartungen an die Produktionsfachleute sind hoch: 2014 soll bereits der Elektrosportwagen i8 mit CFK-Teilen in Leipzig vom Band laufen. Und dann ist der Einsatz des superleichten Werkstoffs auch in herkömmlichen Modellen des Konzerns möglich, denn auch da würde er Fahrzeuggewicht sparen und den Verbrauch senken.

Bis das schwarze Wundermaterial in Leipzig landet, hat der dunkelanthrazitfarbene Faden eine weite Reise hinter sich: Zusammen mit seinem Partner SGL Carbon errichtete BMW eine Kohlefaserfabrik in Moses Lake, im Nordwesten der USA. Der Faden, der dort mit Strom aus Wasserkraft hergestellt wird, ist hauchdünn. Er ist nur ein Zehntel so dick wie ein menschliches Haar. Karbon ist um ein Drittel leichter als Aluminium und gar um die Hälfte leichter als Stahl.

Karosse auf WeltreiseDie Fasern kommen über den Teich ins bayrische Wackersdorf. Die dort produzierten Kohlefasergelege werden im bayrischen Landshut vorgeformt und kommen schließlich nach Leipzig. Dort werden sie dann in Harz gebunden, zu Karosserieteilen aus Karbonfaser-Kunststoff gepresst.

400 Millionen Euro hat BMW nach eigenen Angaben alleine in das Leipziger Werk investiert, wo bisher der 1er BMW und der X1 hergestellt werden: Vier Werkshallen bauten die Bayern damit und schafften 800 neue Arbeitsplätze in Sachsen. Es ist aber kein gewöhnliches Werk. Es unterscheidet sich in einigen wesentlichen Punkten von herkömmlichen Automobilproduktionsstätten. Dort beginnt die Autoherstellung mit einem Presswerk, in dem Bleche zu Kotflügeln und Motorhauben umgeformt werden. Diese vorgeformten Teile werden im nächsten Schritt zu einer Karosserie zusammengebaut. Die landet schließlich in der Lackiererei, dem kosten- und energieintensivsten Produktionsschritt. Danach werden Motoren und Karosserie zusammengebaut.

Das BMW-Elektroauto i3 braucht kein Presswerk mehr, da die Fahrgastzelle aus leichtem Karbon und die sichtbaren Außenteile aus gefärbtem Kunststoff bestehen. Damit entfällt zudem die energieintensiven Lackierarbeiten für Blech, das normalerweise in mehreren Arbeitsschritten Korrosionsschutz, einen Füller gegen Oberflächenunebenheiten, eine Grundierung, einen farbigen Lack und einen schützenden Klarlack erhält.

„Zudem brauchen wir beim Lackieren eines Bleches Temperaturen von 180 Grad, dem Kunststoff, den wir beim i3 verwenden, genügen 80 Grad“, sagt Christoph Plaar, Produktionsleiter des BMW-Werkes in Leipzig. Das spart Energie und ist einer der Gründe warum die Energiebilanz des i3 bei der Herstellung so viel günstiger ausfällt als die des vergleichbaren 1er BMWs: Der i3-Produktion verbraucht die Hälfte Strom und sogar 70 Prozent weniger Wasser.

Eine Hürde ist allerdings das Recycling des Verschnitts. Denn die Karbonfasern, die in den Gelegen stecken, sind zu wertvoll um sie nicht zu nutzen. Im Moment ist nur eine Art Downcyling möglich, das heißt die Fasern werden aufgebrochen und es entstehen daraus Armaturenbretter oder Dächer, die nicht so hohen Belastungen ausgesetzt sind. Deswegen ist das Ziel der Leipziger so wenig Reste wie nur irgend möglich entstehen zu lassen.

Werkshallen, leise wie ein KircheIn den Hallen konventioneller Karosseriebauer ist es für gewöhnlich so laut, dass die Menschen, die dort arbeiten, nur mit Gehörschutz durch die Hallen laufen können. Den Krach verursachen unter anderem die branchenüblichen Kuka-Roboter, die die schweren Blechteile heben, transportieren, sie zusammenpressen, Schweißroboter fixieren die Teile.

Das alles ist bei dem Elektroflitzer i3 nicht nötig. Hier geht die Montage wesentlich leiser vonstatten. Kleben statt Schweißen ist die Devise. 160 Meter Klebenähte hat der Kompaktwagen i3, dafür braucht es zehn Liter Klebstoff. Wie das voll automatisierte Heiß-Klebeverfahren genau funktioniert, gehört zu den gut gehüteten Geheimnissen in Leipzig. Sauberkeit ist jedenfalls wichtigstes Prinzip, alle Mitarbeiter tragen daher Handschuhe.

Die Sorge, dass Kleben nicht so stabil ist wie Schweißen, beschwichtigt Ralf Brüggemann, Leiter Karosseriebau in Leipzig mit einem Beispiel: An einem kleinem Tropfen Klebstoff, nur einen Quadratzentimeter groß, lassen sich 80 Kilogramm sicher aufhängen.

100 i3-Fahrzeuge hat das Leipziger Werk bereits ausgespuckt, weitere 100 entstehen in den nächsten Wochen, ab September beginnt dann die Serienproduktion. Die Eckdaten des Modells i3: Die Batterie des koreanischen Spezialisten Samsung, die crashsicher im Boden verstaut ist, hat eine Kapazität von 22 Kilowattstunden. Der Strom geht an einen von BMW entwickelten Elektromotor, der den Wagen auf abgeriegelte 150 Kilometer pro Stunde beschleunigt. Die Reichweite soll zwischen 130 und 160 Kilometer betragen. Wem das nicht genügt, der kann wohl irgendwann einen Reichweitenverlängerer in Form eines kleinen Benzinmotors ordern. Über den Preis des Wagens schweigt sich BMW offiziell noch aus, aber gerüchteweise soll er bei rund 35 000 Euro liegen.

Keine Frage: So konsequent geht bislang kein anderer Autobauer das Thema Elektromobilität an. Wie viele Kunden am Ende viel Geld für ein schickes umweltfreundliches Auto mit eingeschränkter Reichweite bezahlen, wird sich deshalb bald zeigen.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%