Mobilität: "Jedes vierte Auto könnte mit Erdgas fahren"

Mobilität: "Jedes vierte Auto könnte mit Erdgas fahren"

Bisher kommt die Erdgasmobilität in Deutschland nicht vom Fleck - Erdgasexperte Gerhard Holtmeier glaubt, dass sich das ändern wird. Ein Interview.

Ende des Jahres könnte jeder vierte neu zugelassene Pkw einen Erdgasantrieb haben, glaubt Gerhard Holtmeier, Aufsichtsratsvorsitzender des Branchenverbandes „Erdgas Mobil“ und Mitglied im Vorstand des Stadtwerkeverbunds Thüga AG. Unser Gastautor Gerd Lengsdorf hat mit ihm über die Perspektiven der Erdgasmobilität gesprochen.

Herr Holtmeier, in Deutschland wurden im vergangenen Jahr knapp 8.000 Erdgasfahrzeuge neu zugelassen. Die Zahlen steigen seit Jahren nur leicht an. Hat diese Antriebsform überhaupt noch eine Zukunft?

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Gerhard Holtmeier: Absolut gesehen ist das keine große Zahl, sie liegt aber über den Werten der anderen alternativen Antriebsenergien wie Wasserstoff- oder Elektrofahrzeuge. Insgesamt haben wir derzeit mit einem Bestand von rund von 100.000 Erdgasfahrzeugen in Deutschland mit Abstand die Spitzenposition bei den alternativen Antrieben inne. Allerdings brauchen wir ein deutliches Wachstum, damit sich Erdgas dauerhaft im Automobilsektor behaupten kann. Im Moment sind wir noch in einer Nische mit hohem Potenzial.

Was macht Sie so sicher, dass das keine Nische bleibt?

Da gibt es mehrere Faktoren. Zum einen hat die starke Förderung von unkonventionellem Erdgas in den USA zu deutlichen Rückgängen bei den Verbraucherpreisen geführt und dort Erdgas zunehmend für die Mobilität interessant gemacht. Mit der Folge, dass Erdgasautos dort im Transportbereich wie bei der privaten Nutzung stark gefragt sind.

Nur merkt Deutschland vom Erdgasboom in den USA bisher nichts, und das könnte in naher Zukunft auch so bleiben.

Nicht unbedingt, denn die Automobilindustrie muss mit einer breiten Palette attraktiver Modelle nachziehen, wenn sie davon profitieren möchte. Diese Modelle werden auch in Deutschland in diesem und den nächsten Jahren auf den Markt kommen. Sie bieten den Autofahrern echte Alternativen – wirtschaftlich und technologisch. [nggallery id=37] Vielfalt beim Alternativantrieb - diese Erdgasautos können Kunden aktuell kaufen.

Was bringt mir als Nutzer das schönste Auto, wenn ich nirgendwo Erdgas tanken kann?

Mit derzeit 919 Stationen in Deutschland sind wir schon gut aufgestellt. Dabei setzen wir ganz klar auf Qualität vor Quantität. Jedes Jahr nehmen wir etwa 30 Hinterhof-Anlagen aus dem Bestand und ersetzen sie durch modernste Stationen. Das heißt, Erdgaszapfsäulen an großen, verkehrsgünstig gelegenen Stationen mit 24 Stunden Öffnungszeiten und umfangreichem Serviceangebot.

Ist das nicht zu unambitioniert, um Erdgasantrieben zum Durchbruch zu verhelfen?

Nein, denn mittlerweile sind wir flächendeckend so gut vertreten, dass selbst in bevölkerungsarmen ländlichen Gegenden die Entfernung von einer zur nächsten Tankstelle deutlich weniger als 50 Kilometer beträgt. Dessen ungeachtet wird "Erdgas Mobil" den gezielten Ausbau an Top-Standorten weiter vorantreiben.

Aber lohnt sich denn Erdgas überhaupt für den Otto-Normalfahrer? Immerhin kostet die entsprechenden Modelle meist rund 2000 Euro mehr als ein vergleichbarer Benziner.

Für denjenigen, der viel fährt ja, denn Erdgas ist der weitaus günstigere Kraftstoff. Was mich dabei aber ärgert: Die Kunden sehen das nicht an den Tankstellen. Bis heute konkurriert die Angabe für den Liter Kraftstoff mit dem Preis für ein Kilogramm Erdgas. Aber in einem Liter Benzin stecken nur 8,6 Kilowattstunden Energie, in einem Kilogramm Erdgas aber 14 Kilowattstunden. Umgerechnet bekommt man für dasselbe Geld also fast doppelt so viel Energie. Im Vergleich mit Diesel ist der Vorteil nicht mehr ganz so groß, aber immer noch beträchtlich.

Dass Erdgas im Tank so viel günstiger ist als herkömmliche Kraftstoffe, liegt aber auch am Steuervorteil. Statt 65,5 Cent wie bei Benzin zahlt der Kunde pro Kilogramm nur 18 Cent. Was ist, wenn die Vergünstigung wegfällt?

Der Steuervorteil läuft vorerst bis Ende 2018. Im Koalitionsvertrag ist jedoch festgeschrieben, dass er weitergeführt werden soll. Nach unserer Einschätzung wäre bis zum Jahr 2027 eine vernünftige Lösung. Denn wer jetzt über die Anschaffung eines neuen Fahrzeuges nachdenkt, will verlässliche Rahmenbedingungen. Gleichzeitig ist die Fortschreibung des Steuervorteils ein klares Signal, das die weitere Verbreitung der Erdgasfahrzeuge stärkt. Es gibt ja auch gute Gründe: Im Vergleich zu einem Benziner können beispielsweise die CO2-Emissionen bei einem Erdgasfahrzeug um rund 25 Prozent gesenkt werden.

Und was passiert, wenn die Politik nicht mitspielt und das Erdgas lieber als Heizenergie fördern will?

Erdgas wird sich auch ohne Steuervergünstigung als Antriebsenergie behaupten. Von entscheidender Bedeutung sind dabei Skaleneffekte. Ein Beispiel: Bei den klassischen Kraftstoff-Stationen liegen die Kosten für die Infrastruktur, also Anschaffung, Betrieb und Wartung, bei etwa einem Cent pro Liter. Dagegen belaufen sich die vergleichbaren Kosten für ein Kilogramm Erdgas auf rund 16 Cent. Ausschlaggebend dafür ist, dass auf eine konventionelle Tankstelle etwa 2.900 Autos kommen, bei jeder Erdgaszapfsäule sind es nur gut 100. Ändert sich das Verhältnis, sinken die Kosten. Bei einem Verhältnis von etwa 1.000 Fahrzeugen pro Erdgastankstelle ist Erdgas langfristig auch ohne Steuervergünstigungen wettbewerbsfähig.

Sie gehen davon aus, dass Erdgas künftig weiter in Massen verfügbar ist. Dabei schwinden die Vorräte in Europa und auf Russland will die Politik sich nach der Krimkrise auch nicht mehr verlassen. Ist Erdgas nicht zu schade, um es im Autotank zu verfeuern?

Es gibt ja durchaus Alternativen zum fossilen Erdgas. Bioerdgas zum Beispiel oder die Power-to-Gas-Technologie, bei der mittels Elektrolyse aus überschüssigem regenerativen Strom Wasserstoff und in einem zweiten Schritt Methan hergestellt wird. Bestes Beispiel dafür ist Audi. Der Hersteller will über eine eigene Anlage so viel regeneratives Methan ins Erdgasnetz einspeisen, wie seine neu zugelassenen g-tron-Modelle verbrauchen.

Meinen Sie, diese Vorteile reichen aus, um die Kunden zu überzeugen?

Viele gute Gründe sprechen für Erdgasfahrzeuge. Sie sind sauber, wirtschaftlich, technologisch ausgreift und in einer breiten Modellpalette verfügbar. Grundsätzlich könnte in diesem Jahr jedes vierte neu zugelassene Fahrzeug einen Erdgasantrieb besitzen. Wie die tatsächliche Entwicklung verläuft, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall besteht ein erhebliches Potenzial, das uns zuversichtlich stimmt.

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