Nach der EEG-Reform: Warum Biogas nicht am Ende ist

Nach der EEG-Reform: Warum Biogas nicht am Ende ist

Die Biogasbranche wird oft kritisiert – für die Energiewende ist sie aber unverzichtbar, argumentiert Thomas Berger, Chef des Biogasunternehmens KTG.

Ein Gastbeitrag von Thomas Berger. Der Autor leitet das börsennotierte Unternehmen KTG Energie, mit 53 Megawatt Leistung einem der größten Betreiber von Biogasanlagen in Deutschland. Hier beschreibt er, warum sich trotz aller Probleme durch die EEG-Reform die Bioenergie auch künftig lohnt.

Mit seiner Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) einer ganzen Branche den Kampf angesagt. Die Vergütungssätze für Biogasanlagen sind seit 1. August 2014 um bis zu 43 Prozent gekappt worden. Das Ergebnis: Der Zubau neuer Anlagen bricht in Deutschland 2014 voraussichtlich um 80 Prozent ein. Einige Projektierer haben bereits Insolvenz angemeldet.

Anzeige

Viele Unternehmen haben sich aber rechtzeitig auf das neue Szenario vorbereitet. Und was auf den ersten Blick überrascht: Entgegen aller Widrigkeiten prognostizieren sie sogar ein kräftiges Wachstum. Aber wie kann die Branche trotz der politischen Bremsklötze weiter wachsen?

Bestandsschutz sichert ErträgeErsteinmal: Alle Anlagen, die bis zum 31. Juli ans Netz gegangen sind, profitieren von den alten Tarifen. Denn immerhin bleibt die für 20 Jahre garantierte Vergütung bestehender Anlagen unangetastet. Das gilt für rund 8.000 Biogasanlagen in Deutschland, die im Jahr 2013 rund 24,3 Terawattstunden Strom produzierten – und damit knapp sieben Millionen Haushalte versorgt haben. In Summe entspricht das der Bevölkerung der Städte Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt.

Wäre der Strom in Kohlekraftwerken erzeugt worden, wären dabei rund 17,6 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre gelangt – Strom aus Biomasse liegt bei einem Viertel dieses Wertes und hat die Umwelt damit um 13,2 Millionen Tonnen CO2 entlastet.

Soweit der Blick in den Rückspiegel. Aber wie kann zukünftig Wachstum entstehen? Vor allem vier Wachstumstreiber kann es in Zukunft geben.

1. Die Energieproduktion aus landwirtschaftlichen Reststoffen und aus Bioabfällen ist weiterhin attraktiv: Denn die Vergütung liegt nach der EEG-Novelle um 26 Prozent über der Grundvergütung für konventionelle Biogasanlagen. Und: Wer Zugriff auf diese neuen Stoffströme hat, kann sich eine attraktive Nische erschließen. Denn Bioabfälle oder landwirtschaftliche Reststoffe kosten den Betreiber einer Biogasanlage nichts oder bringen sogar eine Zuzahlung.

Zum Vergleich: Bei einer Biogasanlage, die mit nachwachsenden Rohstoffen betrieben wird, liegt der Materialaufwand bei rund 40 Prozent der Betriebskosten, manchmal gar bei 50 Prozent. Für jeden Euro Umsatz sind also 40 Cent Kosten für die eingesetzten nachwachsende Rohstoffe einzukalkulieren. Wer dagegen eine Biogasanlage mit landwirtschaftlichen Reststoffen oder Bioabfällen betreibt, senkt die Kosten für den Input auf Null.

2. Zahlreiche schlecht geführte und unzureichend projektierte Biogasanlagen stehen zu günstigen Preisen zum Verkauf. Eine Marktbereinigung steht an. Wer industrielles und biochemisches Know-how mitbringt, zahlt – selbst inklusive Ertüchtigung – aktuell circa 30 Prozent weniger pro Megawatt aus dem Zweitmarkt als bei einem Neubau. Und für diese Altanlagen bleibt die vorteilhafte EEG-Vergütung garantiert. Schon nach sechs Jahren kann so eine Anlage vollständig aus dem operativen Ergebnis finanziert sein.

3. Der mobile Wärmetransport per LKW: Dabei lässt sich Abwärme aus Blockheizkraftwerken, die mit Biogas betrieben werden, auch dort ertragssteigernd nutzen, wo kein direkter Anschluss an ein Fern- oder Nahwärmenetz möglich ist. Damit überbrücken Unternehmen fehlende Infrastruktur und ersparen dem Staat hohe Investitionen.

4. Nicht zuletzt können Techniker bestehende Anlagen erheblich optimieren. Im Branchendurchschnitt erreichen Biogasanlagen in Deutschland rund 7.600 Vollast-Stunden. Optimierte Anlagen kommen auf gut 8.200 Stunden. Das macht 600 zusätzliche Stunden, die voll ertragswirksam sind und zusätzlichen Umsatz versprechen.

Aber die Bioenergie ist nicht nur immer noch finanziell attraktiv. Sie ist auch Unverzichtbar für das Gelingen der Energiewende. Denn wer die Netzstabilität und sichere Stromversorgung trotz wachsender Anteile von Sonnen- und Windenergie nicht gefährden will, braucht Energie aus Biogas. Sie deckt ähnlich wie fossile Kraftwerke dauerhaft den Bedarf, kann aber auch die schwankende Stromerzeugung aus Wind und Sonne ausgleichen.

Durch die dezentrale Kombination von Sonne oder Wind und Biogas wird eine stabile Stromeinspeisung gewährleistet. Das Biogas lässt sich außerdem speichern und kann so Versorgungsengpässe ausgleichen. Besonders vor dem Hintergrund der Diskussion um die zu starke Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen ist Biogas als Alternative interessant. So hat das Institut für ZukunftsEnergieSysteme (IZES) an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes in einer aktuellen Studie ermittelt, dass sich die Biogas-Kapazität in Deutschland mittelfristig vervierfachen ließe.

Biogas bietet für Deutschland also eine doppelte Chance: Für die Energiewende ebenso wie für eine nachhaltig sichere und vor allem unabhängige Energieversorgung.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%