Nach Gabriel-Reform: Solar lohnt sich immer noch

Nach Gabriel-Reform: Solar lohnt sich immer noch

von Benjamin Reuter

... doch kaum jemand scheint das zu wissen. Die Ausbauzahlen sind in den vergangenen Monaten drastisch eingebrochen.

Im Mai 2012 war der heutige Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) noch Oppositionspolitiker und von der Zukunft der Sonnenenergie überzeugt. "Die Solarindustrie ist eine Schlüsselindustrie für das 21. Jahrhundert", schrieb er auf seiner Facebook-Seite. Gabriel warf dem damaligen Wirtschaftsminister Philipp Rösler der inzwischen vom Aussterben bedrohten FDP vor, nicht genug zum Schutz der heimischen Solarindustrie zu tun.

Fast genau zwei Jahre nach diesem Aufruf zur Verteidigung der Solarindustrie kam Sigmar Gabriel aber selbst in den Ruf, die Branche ans Messer liefern zu wollen: Nämlich mit seiner Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das der Energiewende in Deutschland ihren politischen Rahmen gibt.

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Sonnenstrom bleibt attraktivUnd tatsächlich schienen die Einschnitte des erneuerten EEG, das am 1. August 2014 in Kraft trat, auf den ersten Blick hart: Nur noch Solarkraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 2,5 Gigawatt werden in Deutschland pro Jahr gefördert – allein 2010 gingen 7,4 Gigawatt ans Netz. Außerdem sollen Betreiber größerer Anlagen für ihren selbst verbrauchten Strom auch einen Teil der EEG-Umlage bezahlen, bisher waren sie vollständig befreit. Und auch die Vergütung für Solarstrom, den die Anlagenbesitzer in das Stromnetz einspeisen, sank weiter. Bei Anlagen, die in diesem November ans Netz gehen, erhalten die Betreiber zwischen 8,72 Cent und 12,62 Cent pro Kilowattstunde (im Jahr 2000 waren es noch rund 50 Cent). Außerdem gab es, von vielen unbemerkt, eine Änderung bei der Versorgung von Mietern mit Solarstrom.

Nach rund 100 Tagen des neuen EEG ist es nun Zeit, eine erste Zwischenbilanz für die Solarenergie zu ziehen. Die zentralen Fragen dabei: Wie hat sich die Lage bei Unternehmen, Mietern und Hausbesitzern entwickelt? Wie attraktiv sind Solaranlagen noch?

"Im Gegensatz zu dem Wehklagen vieler Vertreter der Solarindustrie ist das Geschäft wegen der EEG-Reform nicht tot", sagt Luc Graré, der beim Solarunternehmen Renewable Energy Corporation (REC) in München den Verkauf und das Marketing leitet. Die neu eingeführte Abgabe auf den Eigenverbrauch bei größeren Anlagen – kleine Dachanlagen auf Privathäusern sind von der EEG-Abgabe auf den Eigenverbrauch auch weiterhin befreit – habe die Amortisationszeit im Schnitt lediglich um rund sechs Monate auf knapp neun Jahre verlängert.

Das Fazit von Graré: Solarstrom lohnt sich also immer noch, vor allem wenn er vom Besitzer der Anlage verbraucht wird und teuren Strom aus der Steckdose ersetzt.

Die Zahlen bestätigt auch eine Umfrage, die REC kürzlich bei Mittelständlern, Supermarktbetreibern und in der Schwerindustrie durchgeführt hat (hier als PDF). Dabei zeigt sich: Vor allem für Supermärkte sind eigene Solaranlagen immer noch sehr attraktiv, weil tagsüber der meiste Strom im Laden gebraucht wird. "Aber auch für die von uns untersuchten Mittelständler hat sich die Amortisationszeit nur geringfügig auf 9,7 Jahre erhöht, auch hier ist der Einfluss der EEG-Reform nicht absolut entscheidungskritisch", sagt Graré. Allerdings: Würde die EEG-Umlage für Eigenverbraucher weiter erhöht (derzeit zahlen die Produzent 30 Prozent, später 40 Prozent) würden viele Anlagen tatsächlich unwirtschaftlich.

Mieter kommen schlechter wegGanz ohne Effekte blieb die EEG-Umlage auf den Eigenverbrauch aber auch jetzt nicht. "Wir müssen jetzt teilweise mehr Überzeugungsarbeit für Neuprojekte bei den Kunden leisten", sagt Graré. Das habe sich die Solarindustrie aber auch selbst eingebrockt. "Sie hat in den vergangenen Monaten zu einseitig gewarnt, dass das neue EEG die Branche kaputt macht und Solar sich nicht mehr lohnt."

Abgesehen vom Zeter und Mordio der von Graré gegeißelten Branchenvertreter ist mit dem Übergang von Solaranlagen, die für eine üppige Vergütung ins Netz einspeisten hin zu Anlagen, die vor allem den Eigenverbrauch decken, für Unternehmen wie REC sehr viel mehr Arbeit dazugekommen. Denn jetzt muss in jedem Einzelfall genau berechnet werden, ob und wie sich die Anlage für den Betreiber lohnt und wie viel Strom er selbst verbrauchen kann.

In einem anderen Bereich hat die EEG-Reform aber tatsächlich Schaden angerichtet: bei Photovoltaik-Projekten für Mietshäuser. Vor der EEG-Reform profitierten die Mieter, wenn der Hausbesitzer auf ihrem Dach per Solaranlage Strom produzierte und sie ihn direkt abnahmen. Sie zahlten im Vergleich zum Strom aus der Steckdose zwei Cent weniger EEG-Umlage. Inzwischen müssen sie aber die vollen 6,24 Cent pro Kilowattstunde aufbringen.

Zwar lohnen sich Solaranlagen auf Dächern von Mietshäusern immer noch, wie der Ökostromversorger Naturstrom aus Düsseldorf mit einem Projekt in Regensburg zeigt. Die Bewohner des Mietshauses zahlen für ihren Strom nun etwas mehr als 24 Cent pro Kilowattstunde. Die Kosten beim lokalen Grundversorger liegen etwas höher. Ein weiterer Vorteil: Die Kosten für den Strom vom Dach sind keinen Schwankungen am Strommarkt unterworfen. Preissteigerungen entfallen also für die selbstverbrauchten Kilowattstunden.

Konkurrenz von den DiscounternDer Grund für den etwas günstigeren Tarif in Regensburg ist einfach: Kommt der Strom vom Dach, fallen Netzgebühren und andere Abgaben weg. Doch dass mit der Gabriel-Reform jetzt für die Mieter zwei Cent mehr auf die EEG-Umlage fällig werden, ist für die Mieterstrom-Projekte durchaus ein Problem.

Warum, zeigt das Beispiel Regensburg. Denn der günstigste Ökostromtarif eines lokalen Anbieters liegt derzeit einen Cent unter dem Tarif, den die Mieter über Naturstrom zahlen. Würde die Grundgebühr dort nicht das doppelte im Vergleich mit dem Naturstromtarif betragen, kämen die Mieter schlechter weg.

In Städten wo die Dachanlagen mit billigen Discountanbietern konkurrieren müssen, kann die Änderung im EEG deshalb reichen, um Mieterstrom-Projekte unwirtschaftlich zu machen.

Beim Hamburger Ökostromanbieter Lichtblick, der in einem ersten Großprojekt in Berlin auf 50 Mietshäusern Solarpanele installierte, ist die Einschätzung ähnlich. "Die Anzahl der Projekte, die sich lohnen, ist gesunken", heißt es dort. Allerdings sei für viele Kunden das Argument, lokal produzierten Ökostrom zu verbrauchen, attraktiv genug, um sich gegen die Discounter zu entscheiden. Rund ein Viertel der Mieter in den Berliner Wohnungen haben sich bisher für einen Tarif mit Strom vom eigenen Dach entschieden.

Was die Ökostromanbieter bei der EEG-Reform aber fuchst, ist die Ungleichbehandlung von Eigenheimbesitzern, die mit ihren Kleinanlagen keine EEG-Umlage auf Strom von ihrem Dach zahlen, und Mietern, die die mehr als sechs Cent pro Kilowattstunde berappen müssen.

Anzeichen für BranchendepressionWelchen Nutzen die Mieterprojekt für die Energiewende haben, ist dabei einfach zu verstehen. Sie zeigen ein Modell auf, in dem Solarstrom auch ohne aufwendige Regeln für seine Einspeisung ins Netz wirtschaftlich ist. Ein kompliziertes EEG, an dem selbst Experten verzweifeln, bräuchte es im Grunde für Eigenverbrauch von Solarstrom vom eigenen Dach gar nicht mehr.

Neben der Abgabe auf den Eigenverbrauch bei den Mietern macht sich aber auch die sinkende Einspeisevergütung für Sonnenstrom auf dem Solarmarkt bemerkbar. Erst kürzlich hatte die Bundesnetzagentur mitgeteilt, die Einspeisevergütung für Solaranlagen weniger drastisch zu verringern. Der Grund: Der Zubau blieb in den vergangenen zwölf Monaten unter der im EEG-Gesetz vorgesehenen Leistung von 2,5 Gigawatt.

Mit der EEG-Novelle haben aber die schlechten Zahlen nicht unbedingt etwas zu tun. Zwar gingen im August dieses Jahres laut den Meldedaten der Bundesnetzagentur in Deutschland nur 6157 Solaranlagen mit 140 Megawatt Leistung neu ans Netz. Im September waren es 5276 Anlagen mit 110 Megawatt. Zum Vergleich: 2013 waren es im August und September jeweils noch rund 10.000 Anlagen mit 290 Megawatt Leistung. Aber auch schon vor der Reform - also im März, April und Juni 2014 - waren die Ausbauzahlen deutlich hinter dem Vorjahr zurückblieben.

Bei einer genaueren Auswertung der Daten zeigt sich außerdem: Vor allem die Anzahl der Anlagen größer als zehn Kilowatt, deren Besitzer seit dem 1. August einen Teil der EEG-Umlage auf ihren selbstverbrauchten Strom zahlen müssen, ist rückläufig. Ihr Anteil an den neu installierten Systemen sank von 30 Prozent im Jahr 2013 auf rund 20 Prozent in den Monaten August und September 2014.

Die Zahlen unterstreichen den Eindruck von REC-Marketing-Chef Luc Graré, dass vor allem gewerbliche Kunden verunsichert sind, ob sich die großen Anlagen noch lohnen. Insgesamt lässt sich aber sagen, dass wohl nicht die EEG-Reform die Solarenergie ausgebremst hat, sondern die stark sinkenden Einspeisetarife, die auch schon vor der Reform griffen.

Sicher ist: Für alle, die ihren Strom zumindest teilweise selbst verbrauchen, lohnen sich die Solaranlagen immer noch, schlicht weil Strom aus der Steckdose so teuer ist. Aber vielen Interessierten scheint es zu anstrengend, sich über den Eigenverbrauch Gedanken zu machen. Die Zeiten als PV-Anlagen wie geschnitten Brot weggingen, sind damit ersteinmal endgültig vorbei.

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