Neuer eiserner Vorhang: Sperrt Polen demnächst deutschen Ökostrom aus?

Neuer eiserner Vorhang: Sperrt Polen demnächst deutschen Ökostrom aus?

von Jan Willmroth

Um sein kohleabhängiges Energiesystem zu schützen, will Polen elektrische Sperren gegen deutschen Strom aufbauen.

Die Kontraste könnten schärfer kaum sein. Während die UN-Klimaverhandlungen in Warschau gerade ins Stocken geraten, hat die Regierung Polens ihre neue Energiestrategie vorgelegt – die erste seit 2009. Darin beschäftigen sich Analysten mit der Frage, wie Polens Energiemix in den kommenden 50 Jahren aussehen könnte.

Die Antwort ist einfach: Das Gastgeberland der Klimaverhandlungen sieht in der Kohlekraft die günstigste und damit optimale Quelle der Energieversorgung bis 2060. Umwelt- und soziale Kosten kommen darin nicht vor. Dazu passend luden noch bis Dienstag die World Coal Association und das polnische Wirtschaftsministerium zu einer Tagung über die Zukunft der Kohle.

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Polen bezieht aktuell 90 Prozent seines Stroms aus Kohlekraftwerken - und das soll nach dem Willen der Regierung noch lange so bleiben.

Nicht nur liegt Polen eine günstige Energieversorgung am Herzen, auch das Geschäftsmodell der überwiegend staatlichen Energieversorgung gilt den Verantwortlichen in Warschau als schützenswert. Das verleitet sie zu durchaus kreativen Maßnahmen: Nach einem Bericht des australischen Blogs RenewEconomy wird Polen an der Grenze zu Deutschland demnächst sogenannte Phasenschiebertransformatoren in sein Stromnetz einbauen.

Das sind praktische Geräte, mit denen polnische Netzbetreiber bei Bedarf den Stromfluss aus Deutschland regeln und sogar abregeln können.

Ein Beispiel: Wenn im Norden Deutschlands und in Dänemark besonders viel Wind weht, fehlt in Deutschland die viel diskutierte Nord-Süd-Trasse, die den Ökostrom in den Süden transportiert. Der Strom nimmt dann im Westen Umwege über die Netze in den Benelux-Ländern und im Osten über Polen und Tschechien.

Dass der deutsche Ökostrom ihre Stromautobahnen nutzt, darüber sind die Nachbarstaaten aber alles andere als glücklich. Polen zum Beispiel hat in seinem zentralisierten Netz Probleme, mit den entstehenden Spannungsschwankungen klarzukommen.

Polen will Netze und Profite schützenMit den Transformatoren könnte Polen künftig den deutschen Ökostrom blockieren. Das spielt vor allem dann eine Rolle, wenn in Deutschland besonders viel Strom aus Wind und Sonne produziert wird – wie zum Beispiel am 13. Juni diesen Jahres zwischen 14 und 15 Uhr. Damals lieferten Sonne und Wind rund 60 Prozent des deutschen Stroms.

Da auch konventionelle Kraftwerke (Atom und Kohle) weiter einspeisen, herrscht Überangebot und der Börsenstrompreis sinkt massiv. Teilweise werden die Preise sogar negativ - man bekommt die Energie also geschenkt. In so einem Fall wird deutscher Strom zum Exportschlager. Für das Geschäft großer Energieversorger mit großen Kohlekraftwerken ist das Gift, auch im Ausland.

Mit den Grenzschützern im Stromnetz pampert Polen also nicht nur sein Netz, sondern gleich auch die Profite seiner staatlichen Kraftwerksbetreiber. So schätzt es zumindest Grzegorz Wisniewski ein, Präsident des polnischen Instituts für erneuerbare Energie.

Eine Zukunftsstrategie ist das allerdings nicht. Schon heute muss Polen 15 Prozent seiner Kohle importieren – ein Großteil davon kommt aus Russland. Nach Berechnungen der polnischen Abteilung der Umweltorganisation WWF könnte das Land schon in 20 Jahren seine wirtschaftlich förderbaren Kohlevorräte erschöpft haben. So würde Polen schon binnen kurzer Zeit seinem ungeliebten Nachbarn Russland ausgeliefert sein.

Trotzdem sind gerade neue Kohlekraftwerke in Planung und Bau, zuletzt ein Energiebolide für geschätzte 3,75 Milliarden Dollar. Und das, obwohl der Chef des staatlichen polnischen Betreibers die Regierung gewarnt hatte, mit dem Projekt werde sie Geld verlieren.

"Schlechteste Zeit für Erneuerbare seit 25 Jahren"Zugleich haben es diejenigen besonders schwer, die in Polen in erneuerbare Energien investieren. „Das ist die schlechteste Zeit für Erneuerbare in Polen seit 25 Jahren“, sagt Grzegorz Wisniewski. Die Regierung versuche alles, um die EU-Richtlinien für mehr Klimaschutz im Energiesektor nicht umzusetzen.

Diesen wird sich Polen allerdings nicht auf ewig entziehen können. Bis 2020 muss das Land 19 Prozent seiner Erzeugungskapazitäten aus erneuerbaren Quellen decken, aktuell sind es erst wenig mehr als zehn Prozent. Wisniewskis Institut schätzt, dass Polen - ganz ähnlich wie Deutschland - bis 2050 88 Prozent seines Strombedarfs mit erneuerbaren Energien decken könnte.

Aber das interessiert momentan in Polen kaum jemanden, wie der Regierungs-Report zur Energieversorgung beweist. „Die Umweltfrage ist in Polen nicht wichtig“, sagte der ehemalige Parlamentsabgeordnete Krzysztof Tyszkiewicz, Mitglied der Partei von Regierungschef Donald Tusk. Ohne Druck der EU, die derzeit über ihre Emissionsziele bis 2030 streitet, wird sich daran wohl auch nichts ändern.

Aus Deutschland, so viel ist jetzt schon klar, wird Polens Ökostrom künftig wohl auch nicht kommen.

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