Norddeutschland: Erdgas-Fracking soll unter Auflagen erlaubt bleiben

Norddeutschland: Erdgas-Fracking soll unter Auflagen erlaubt bleiben

von Jan Willmroth

In Niedersachsen soll konventionelles Fracking erlaubt bleiben, die Schiefergas-Förderung aber verboten werden.

Wenn es nach Joachim Pünnel ginge, wären wir schon viel weiter. Dann gäbe es womöglich schon Bohrtürme, die mithilfe von Fracking unkonventionelle Erdgasvorkommen in Deutschland erschließen - im Osten Niedersachsens zum Beispiel. Deutschland hätte seine eigene Schiefergasförderung. Und in der Diskussion um Deutschlands Abhängigkeit von russischen Erdgasimporten im Zeichen einer politischen Krise wie der aktuellen auf der Krim, entstünde weniger Unruhe.

Pünnel leitet das Deutschland-Geschäft bei Wintershall, dem größten deutschen Erdöl- und Erdgasproduzenten, einer Tochter des Chemiekonzerns BASF. Damit ist er verantwortlich für die derzeit erschlossenen Erdgasfelder im Land. Doch die reichen ihm und anderen Chefs der Öl- und Gaskonzerne wie ExxonMobil, GDF Suez und RWE DEA längst nicht mehr. Sie wollen zusammen mit anderen Unternehmen ran ans Schiefergas. Und genau deshalb bahnt sich jetzt politischer Streit an.

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Denn Niedersachsen und Schleswig-Holstein bemühen sich derzeit darum, die Förderung unkonventioneller Reserven wie Schiefergas auf deutschem Boden zu verhindern. Dafür preschen die Minister der beiden Länder jetzt mit einer Idee vor, um per Bundesratsinitiative das nach ihrer Ansicht deutlich veraltete Bergrecht zu reformieren.

Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) und sein Kollege im Wirtschaftsministerium, Olaf Lies (SPD), wollen aber noch mehr und auch das bereitet den Gasunternehmen derzeit Kopfschmerzen: Mit einem Erlass wollen sie auch für das längst übliche sogenannte Tight-Gas-Fracking eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorschreiben. Bevor das erste Gas fließt, müssten die Unternehmen damit bei jedem Bohrloch Risiken für Grundwasser, Böden sowie Pflanzen und Tiere ausschließen.

Schleswig-Holstein wiederum will die chemischen Additive in den Fracking-Flüssigkeiten gleich ganz verbieten - damit wäre das Verfahren im hohen Norden ganz vom Tisch.

Insgesamt, so sieht es derzeit aus, wird die Förderung für die Erdgasunternehmen in Deutschland also schwieriger. Das größte Problem ist aber: Wollen sie künftig weiter Geschäfte machen, sind sie auf die Schiefergasreserven im Land angewiesen.

Die Gemengelage ist nicht ganz einfach zu verstehen - vor dem Hintergrund der Krise in der Ukraine, die auch die russischen Gaslieferungen nach Deutschland gefährdet, lohnt sie aber einen ausführlicheren Blick. Denn wie erst kürzlich eine Studie des US-Beratungsunternehmens IHS belegte, könnte heimisches Schiefergas die Erdgas-Lieferungen aus Russland zu einem großen Teil ersetzen. Diese Versorgungssicherheit dient den Fracking-Befürwortern häufig als Argument. Außerdem weisen die in Deutschland tätigen Erdgas-Unternehmen gerne darauf hin, dass das Fracking in Deutschland ja heute schon Normalität sei. Was ist also dran an ihren Argumenten?

Zwölf Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs fördern Konzerne wie Wintershall aktuell aus heimischen Vorkommen, das entspricht dem Gasbedarf von sechs Millionen Haushalten. Weil die einfach zu fördernden Gasvorkommen aber zur Neige gehen, gewinnt Fracking zunehmend an Bedeutung.

Bei konventionellen Förderstätten mit gut durchlässigen Gesteinen strömt das Gas normalerweise von selbst zum Bohrloch. Ein großer Teil des deutschen Gases steckt aber in wenig durchlässigen Sandsteinschichten oder Kohleflözen, wo es erst erschlossen werden muss. „Tight Gas“ (enges Gas) heißen diese Vorkommen in der Fachsprache.

Indem die Ingenieure tausende Liter Wasser und ein Säure-Gemisch in den Boden pumpen, erzeugen sie zunächst Risse in tiefen Gesteinsschichten, die sie mit Keramikkügelchen oder Sand offen halten. Mit deutlich mehr Aufwand strömt also auch das fest eingeschlossene Tight Gas aus dem Gestein.

Fracking in Deutschland: älter als 50 JahreEin Drittel der deutschen Gasproduktion besteht laut Wintershall inzwischen aus Tight Gas. Werde die Fracking-Methode weitgehend blockiert, wie es nun Niedersachsen fordert, könnte es schon nach 2025 in dem Bundesland nahezu keine Förderung mehr geben, warnt der Konzern.

Derzeit kommen 95 Prozent des deutschen Erdgases aus Niedersachsen. Beachtliche 600 Millionen Euro verdient die Landesregierung pro Jahr an den Förderabgaben.

In Deutschland kam Fracking zum ersten Mal 1961 zum Einsatz. Einer Erhebung der TU Clausthal zufolge, gab es seither die überschaubare Zahl von rund 300 Fracs. In den USA haben Rohstoffkonzerne allein 2011 mehr als 10.000 neue Löcher in die Erde gebohrt, um Schiefergas zu erschließen.

Der Unterschied zu den USA ist aber nicht nur die Menge der Bohrungen: Die hierzulande mittels Fracking erschlossenen Vorkommen liegen viel tiefer als die Schiefergasreserven, gelten schon länger als konventionell und sind mit weniger Fracs pro Bohrloch anzuzapfen. Diese Unterschiede verschweigen die Unternehmen in Deutschland gerne, wenn sie ihre Argumente für die Förderung von Schiefergas anführen.

Pro Frac-Behandlung setzt Wintershall in Deutschland nach eigenen Angaben rund 570 Kubikmeter Frac-Flüssigkeit ein. Zur Förderung von Schiefergas verbrauchen die Konzerne dagegen Millionen Liter Wasser und Chemikalien – Daten der US-Webseite "FracFocus" zufolge durchschnittlich knapp 19.000 Kubikmeter pro Frac.

Freihandelsabkommen könnte Fracking erleichternLaut einem Bericht des Weser-Kuriers begrüßte Wintershall-Chef Pünnel in der vergangenen Woche, dass die Landesregierung in Niedersachsen sich zur heimischen Gasförderung bekannt habe – und nicht wie andere Bundesländer auf ein Totalverbot des Fracking drängt. Wenn schon keine Schiefergasförderung, dann doch wenigstens das vermeintlich ungefährlichere Fracking von Tight Gas, lautet das Kalkül.

Denn Wintershall steht im niedersächsischen Barnstorf mit einem dem Bohr-Projekt "Düste Z10" in den Startlöchern. Von vermuteten 40 Milliarden Kubikmetern Tight Gas könnten im besten Szenario etwa zehn Milliarden Kubikmeter in der Lagerstätte gefördert werden, vermutet das Unternehmen. Der Marktwert dieser Menge würde aktuell mehr als zwei Milliarden Euro betragen. Mit der derzeit geplanten ersten Bohrung könnte Wintershall bis zu 830 Millionen Kubikmeter aus dem Gestein holen.

Während Schleswig-Holstein die chemischen Additive in den Fracking-Flüssigkeiten gleich ganz verbieten will, gibt Wintershall aber Entwarnung: Beim Barnstorfer Bohrloch komme kein Einzelstoff zum Einsatz, der mehr als „schwach wassergefährdend“ (Wassergefährdungsklasse 1, WKG1) eingestuft sei.

Die 2012 veröffentlichte Fracking-Studie des Umweltbundesamts listet ganz andere Zahlen auf: Von 80 Fluiden, die bei den bisherigen 300 Fracs eingesetzt wurden, stufte die Behörde sechs als giftig, weitere sechs als umweltgefährlich und 25 als gesundheitsschädlich ein. Drei Frac-Fluide der vergangenen 50 Jahre galten als stark wassergefährdend, 12 als wassergefährdend und 22 erhielten die WGK1.

Bemerkenswert: In 33 Sicherheitsdatenblättern der Unternehmen fand die Behörde gar keine Angaben zur Wassergefährdungsklasse der eingesetzten Stoffe. Die undurchsichtige Zusammensetzung der Frack-Flüssigkeiten ist auch einer der Hauptkritikpunkte an der Schiefergas-Förderung.

Gefahren sind noch zu wenig erforschtNoch ist aber auch dessen Erschließung trotz der Bedenken, die es schon beim Tight-Gas gibt, in Deutschland nicht vom Tisch. Vor allem das geplante Freihandelsabkommen mit den USA könnte sie jetzt vorantreiben – indem Konzerne die Fördertechnologie auf dem Gerichtsweg durchsetzen.

Globalisierungskritiker und Umweltverbände warnen, das TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) gewähre in seiner aktuell diskutierten Form ausländischen Investoren weitgehende Klagemöglichkeiten, um ihre Eigentumsrechte durchzusetzen.

Sobald ausländische Investoren und Unternehmen durch strengere Gesetze ihre Eigentumsrechte verletzt sehen, könnten sie ihre Interessen auf Grundlage des TTIP vor einem Schiedsgericht in Washington, USA, durchsetzen, so die Befürchtung. Der Begriff der geschützten Eigentumsrechte sei in solchen Abkommen üblicherweise sehr weit gefasst – und schließe beispielsweise die Explorationsgenehmigung für ein Gasfeld ein, sagte Peter Fuchs von der Organisation PowerShift gegenüber Zeit Online. Per Online-Petition fordern inzwischen knapp 430.000 Unterzeichner den Stopp der Verhandlungen über das Abkommen.

All das beantwortet freilich die wichtigste Frage in der Sache nicht, nämlich wie gefährlich das Schiefergasfracking tatsächlich ist. Bisher wurde beispielsweise noch nicht nachgewiesen, dass Frackingflüssigkeiten über mehrere hundert Meter aus den Tiefen einer Schiefergasformation in das Grundwasser gelangt sind. Allerdings: Läuft Frackingflüssigkeit an der Oberfläche aus, kann sie sehr wohl bis ins Grundwasser sickern. Das ist tatsächlich in einem Fall in Norddeutschland auch schon passiert.

Neben der Möglichkeit der Verunreinigung des Grundwassers sind bei Befürwortern und Gegnern des Verfahrens auch einige weitere Punkte umstritten: So ist die Klimawirkung des per Fracking gewonnen Erdgases Gegenstand von zahlreichen Studien in den vergangenen Jahren gewesen. Bei der Förderung, so der Vorwurf, soll ungewöhnlich viel Methan austreten - ein starkes Klimagas. Endgültige Ergebnisse fehlen aber auch hier. Hinzu kommt Kritik an dem enormen Wasserverbrauch, den das Fracking verursacht.

Trotz der Unwägbarkeiten des Verfahrens dürfte die Diskussion in Deutschland noch lange nicht zu Ende sein. Auch die heimische Chemieindustrie würde lieber heute als morgen Frackingtrucks auf deutschen Autobahnen sehen. Für sie bedeutet Erdgas auch günstige Grundstoffe für ihre Verfahren.

Und auch die Erdgas-Unternehmen werden weiter Druck machen, deutsche Schiefergasvorkommen erkunden zu dürfen. Denn sie plagt ein gewaltiges Problem: In etwas mehr als zehn Jahren werden die mit herkömmlichen Mitteln zugänglichen deutschen Erdgasreserven erschöpft sein. Sollen die Geschäfte darüber hinaus weiterlaufen, bleibt als letzte Rettung nur das Schiefergas.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels wurde der Eindruck erweckt, dass mit der Bohrung "Düste Z10" zehn Milliarden Kubikmeter Gas gefördert werden könnten. Das war zu undeutlich: Die zehn Milliarden Kubikmeter sind die nach Unternehmensangaben maximal förderbare Menge in der gesamten Lagerstätte. Die Produktionsmenge der ersten Bohrung läge deutlich niedriger. Wir haben das korrigiert und bitten, die Ungenauigkeit zu entschuldigen.

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