Nordsee: Ein neuer Öl- und Gasboom steht bevor

Nordsee: Ein neuer Öl- und Gasboom steht bevor

von Benjamin Reuter

Großbritannien erlebt dank Steuererleichterungen einen Boom von Öl und Gas – auch in Norwegen steigt die Öl-Produktion wieder.

Noch bis vor wenigen Monaten nahmen deutsche Experten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe und des Internationalen Wirtschaftsforums für Regenerative Energien an, dass das Öl in der Nordsee schon in zehn Jahren versiegen könnte - so kann man sich irren. Denn die Nordsee erlebt gerade einen ungeahnten Boom der fossilen Rohstoffe.

Schauplatz Nummer 1: Großbritannien. Hier beschenkte die konservative Regierung die Öl- und Gasunternehmen kürzlich mit massiven Steuererleichterungen. Wurden vergangenes Jahr 11,4 Milliarden Pfund (rund 13 Milliarden Euro) in die Neuentdeckung und Erschließung von Öl- und Gasfeldern investiert, könnten es in diesem Jahr deshalb rund 13 Milliarden Pfund sein, schätzt die Branchenorganisation „Oil and Gas“.

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Neuerdings müssen Gasfelder auf die ersten 500 Millionen Pfund Umsatz keine Steuern mehr bezahlen. Bisher waren Abgaben von 32 Prozent fällig. Außerdem plant die Regierung, die Gebühren für die Außerbetriebnahme von Öl- und Gasfeldern zu streichen. Insofern erhält nicht nur das Gasgeschäft in der Nordsee Auftrieb, sondern auch die Ölförderung.

Rund 320 internationale Firmen sind in den Gewässern rund um Großbritannien in der Gas- und Ölförderung aktiv. 33 Explorationsprojekte laufen derzeit, 130 werden insgesamt für die kommenden drei Jahre erwartet.

Die Förderraten sollen das alte Niveau erreichen

Mit diesen Projekten, so hofft die Branche, werden die Verluste der vergangenen drei Jahre wieder aufgefangen: Denn seit 2009 ging die Ölförderung in Großbritannien um rund 20 Prozent zurück, weil nicht mehr genug neue Vorkommen angezapft wurden.

2017, so schätzt man bei "Oil and Gas", soll durch die neuen Projekte der Förderwert wieder auf das Niveau von 2010 steigen. Insgesamt, so haben Experten der schottischen Regierung berechnet, liegen in der Nordsee noch Ölvorkommen von rund 24 Milliarden Barrel im Wert von 1,5 Billionen Pfund - das würde beim derzeitigen Ölverbrauch genügen, um die ganze Welt 267 Tage zu versorgen.

Aber nicht nur die Länder Großbritanniens hoffen auf einen neuen Ölrausch. Am Schauplatz Nummer 2, nämlich in Norwegen, ist er in vollem Gang. Ein Indiz: Die Lebenshaltungskosten in Küstenstädten wie Stavanger, aus denen Unternehmen wie Exxon Mobil und Total ihre Förderung auf hoher See managen, sind inzwischen so hoch wie Zürich oder New York.

Der Ölboom schadet anderen WirtschaftszweigenIn den vergangenen zwei Jahren haben die staatlichen Ölfirmen Norwegens und Schwedens, Statoil und Lundin Petroleum, große Vorkommen vor den Küsten in der Nordsee aber auch in der Barentssee entdeckt. Zusammen mit den existierenden Feldern sollen sie die Produktion für weitere vier Jahrzehnte auf dem heutigen Level halten.

Die Funde waren eher zufällig und wurden von Experten eigentlich nicht für möglich gehalten. Seit 1970 hat es keine so großen Entdeckungen mehr gegeben. Seit 2001 ist die Förderung aus den alten Feldern um knapp 40 Prozent eingebrochen. Derzeit produziert Norwegen pro Tag knapp zwei Millionen Barrel Öl.

Aber in Norwegen löst der Ölboom nicht nur Jubel aus: Die Arbeitskosten für andere Industriezweige sind inzwischen so weit gestiegen, dass vermehrt Unternehmen ihre Produktion ins Ausland verlagern. Vergangenes Jahr schloss zum Beispiel eine große Solarfabrik ihre Tore.

Ob der neuerliche Boom der Fossilen in der Nordsee das Ende des Ölzeitalters deutlich hinauszögern wird? Sicher nicht, denn verglichen mit den Vorkommen in den Ölstaaten des Nahen Ostens sind die Reserven zu klein. Der derzeitige Aufschwung taugt deshalb eher als schlechte Entschuldigung, die nötigen Anpassungsmaßnahmen an das Ende des Öls weiter hinauszuschieben.

Für Deutschland ist der Ölrausch in der Nordsee allerdings eine gute Nachricht: Denn der macht das Land weniger abhängig von Importen aus den Krisenstaaten in Nahost.

Verbesserung: Im Text wurde die derzeitige Ölförderung mit 2 bis drei Millionen Barrel pro Tag angegeben. Tatsächlich liegt sie aber bei knapp unter zwei Millionen Barel.

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