Peak Car: Die Dominanz des Autos geht zu Ende

Peak Car: Die Dominanz des Autos geht zu Ende

von Benjamin Reuter

Erstmals nehmen in Industriestaaten Autoverkäufe und gefahrene Kilometer ab. Das Peak-Car-Phänomen könnte den Verkehr revolutionieren.

Manchmal haben Zahlen etwas Faszinierendes. In diesem Fall geht es um Autos, um ihre Verkäufe und die Strecken, die Menschen in ihnen zurücklegen: Denn erstmals seit Jahrzehnten stagnieren beide Werte in den Industriestaaten.

In den USA stoppte das Wachstum von zurückgelegten Meilen pro Auto schon 2004. Seit 2007 sinkt der Wert. Berechnet man die Autokilometer pro Person, setzte schon im Jahr 2000 die Stagnation ein. In Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Japan sinken die Werte schon seit 1990. Laut einer Studie der australischen Regierung stagnieren oder sinken die mit dem Auto zurückgelegten Kilometer derzeit in 20 Industriestaaten.

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Der Befund scheint klar: Die Zeiten, in denen der Autoverkehr in der westlichen Welt immer stärker zunahm, sind vorbei. Experten bezeichnen dieses Phänomen als „Peak Car“. Der Ausdruck spielt auf den Begriff „Peak Oil“ an, der das Maximum der weltweiten Ölförderung bezeichnet.

Ebenso wie „Peak Oil“ hat auch „Peak Car“ gravierende Auswirkungen auf die Mobilität der Zukunft. Mit diesen Auswirkungen hat sich nun die Studie „Peak Car: Das Auto erfindet sich neu“ des Berliner Think-Tanks f/21 im Auftrag des Carsharing-Anbieters Autonetzer beschäftigt.

Vor allem Jüngere verzichten auf ein eigenes AutoDie Studie hat für Deutschland einige weitere interessante Zahlen gesammelt: So gehen die Neuzulassungen von Autos seit dem Jahr 2000 zurück - Ausnahme ist 2009, mit seinem durch die Abwrackprämie künstlich angeheizten Konsum. Stattdessen nimmt die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und Fahrrädern zu – besonders bei Jüngeren unter 24 Jahren.

Den Grund für diese Entwicklung sieht die Studie vor allem in der zunehmenden Urbanisierung in Deutschland. In den Städten mit ihrem starken Verkehr und dem begrenzten Angebot an Parkplätzen, ist das Auto selten schneller und bequemer als andere Verkehrsmittel. So liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit des Berliner Autoverkehrs bei 24 Km/h.

Die Studie spricht von einer paradoxen Situation: „Die Anzeichen verdichten sich, dass die erfolgreiche Verbreitung des Autos Anlass für immer mehr Städter ist, bewusst auf das eigene Auto zu verzichten.“

Ein weiterer Grund für den Autoverdruss: Die stark steigenden Kosten. So verteuerte sich die Haltung und Nutzung eines Autos zwischen 2005 und 2011 um elf Prozentpunkte. Hinzu kommt, dass das Auto an Bedeutung verliert. „Als Statussymbol hat das Auto ausgedient, es hat seine emotionale Strahlkraft verloren und wird mehr und mehr zum reinen Gebrauchsgegenstand“, schreibt die Autorin der Studie Nora Stampfl. Immerhin kann sich inzwischen fast ein Drittel der Deutschen vorstellen, auf ein eigenes Auto zu verzichten.

Die Menschen wollen weg vom Auto hin zur Mobilität. Das spiegelt sich im Trend, Autos zu teilen oder Fahrgemeinschaften zu bilden. So teilten sich Anfang 2012 220.000 Nutzer 5600 Fahrzeuge in Deutschland. 1997 waren es nur 20.000 Carsharer und rund 1000 Fahrzeuge.

Startups nutzen Peak Car für neue GeschäftsmodelleNeben Autonetzer treiben viele weitere Startups mittlerweile den neuen Mobilitätstrend voran. Mit dabei unter anderem Flinc und Tamyca, aber auch die Autobauer Daimler und BMW. Sie bieten mit Car2Go und Drive Now eigene Carsharing-Flotten an. Genau darin sieht die Autorin der Peak Car-Studie auch den fundamentalen Wechsel, den die Bedeutung des Autos gerade erlebt: „Das individualisierte private Transportmittel von einst wird zum vernetzten Auto.“

Auch für die Politik hat Peak Car Konsequenzen: Statt immer mehr Geld in den Ausbau von Autobahnen und Straßen zu investieren, muss sie mehr Mittel in die Bus-, Bahn- und Fahrrad-Infrastruktur stecken. So können laut einer australischen Studie, auf der Fläche einer Autobahnspur 2500 Autofahrer pro Stunde verkehren. Im Zug oder der S-Bahn sind es 50.000 Fahrgäste pro Stunde.

Allerdings ist Peak Car bisher nur in Industrienationen festzustellen. In den Schwellen- und Entwicklungsländern setzt das Auto seinen Siegeszug ungehindert fort. Weltweit soll sich, so schätzen Experten, die Zahl der Autos von derzeit einer Milliarde bis 2020 verdoppeln. Allein im Jahr 2011 stieg die Zahl der Autos um 60 Millionen. Aber: Auch Megacities in Schwellenländern wie Indien und China setzen zunehmend auf U-Bahnen, um ihre Einwohner zu transportieren. Diese Megametropolen könnten die nächsten Orte sein, wo die Autonutzung ihren Zenit überschreitet.

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