Prämierte Ökostrom-App OEEX: Saubere Watt vom Nachbarn

Prämierte Ökostrom-App OEEX: Saubere Watt vom Nachbarn

von Dieter Dürand

Wissen, wo der Ökostrom herkommt, und dann für ihn auch noch weniger zahlen – diese Idee Hamburger Gründer könnte Furore machen.

Wer heute einen Ökostromtarif abschließt, erhält in Wirklichkeit dennoch meist Strom aus dem Kohlekraftwerk um die Ecke. Der Grund: Physisch bekommen Verbraucher, vereinfacht gesagt, immer den Strom geliefert, der am nächsten produziert wird. Mit seinem Kauf von Ökostrom stellt der Kunde nur sicher, dass mindestens in Höhe seines Verbrauchs an anderer Stelle Ökostrom in die Netze fließt.

Das ist nichts für Puristen, die sicher gehen wollen, echten Grünstrom zu nutzen. Doch Hilfe naht. Sie können in Kürze auf eine App zugreifen, die die Gründer von Open Energy Exchange (OEEX) um Tobias Linnenberg (Foto Mitte) entwickelt haben. Das kleine Anwendungsprogramm zeigt ihnen auf dem Smartphone oder dem heimischen Rechner an, wann große Mengen Energie aus Fotovoltaik-Anlagen der Nachbarn verfügbar sind. Umweltbewusste Verbraucher können dann in diesen Zeiten etwa die Spülmaschine oder den Wäschetrockner gezielt anschalten und die überschüssigen sauberen Elektronen verwenden.

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Damit dies auch funktioniert, wenn sie unterwegs sind, vertreiben die Hanseaten einen speziellen Stecker, der das Anschalten übernimmt. Nach welchen Regeln entscheidet der Wohnungsbesitzer. Er kann auf dem Server des Anbieters via App zum Beispiel hinterlegen, dass er um 20 Uhr heim kommt und das Geschirr bis dahin sauber sein soll. Auch wenn die Sonne an diesem Tag mit Hilfe der Solarstromanlagen in der Nachbarschaft zu wenig oder keine Elektrizität produziert. Der Stecker kostet pro Gerät einmalig 20 Euro und danach monatlich zwei Euro.

Ein elektronischer Marktplatz für SolarstromDessen Vertrieb soll aber nur Nebenerwerb sein. Linnenbergs Ziel ist viel ambitionierter. Er will die Energiewende voranbringen, indem er Generation und Verbrauch von Grünstrom besser synchronisiert. Sonst, so seine Sorge, würden die regenerativen Energiequellen wie Wind und Sonne in Zeiten von Überangebot immer öfter zwangsweise abgeschaltet, damit die Stromnetze nicht kollabieren. "Das ist wirtschaftlicher und ökologischer Unsinn", findet der engagierte Jungunternehmer.

Seine Alternative: Er will einen elektronischen Marktplatz für lokalen Solarstrom aufbauen. Die Energieversorger sollen dabei Vermittler sein: Sie vergüten den Anlagenbetreibern die Kilowattstunde etwas höher als gesetzlich garantiert – aktuell 12 Cent – und verkaufen sie mit Aufschlag weiter, bleiben aber unter dem derzeitigen durchschnittlichen Strompreis für Haushalte von bundesweit rund 29 Cent. Von dem Konstrukt profitieren alle, meint Linnenberg: Der Versorger binde mit dem Sondertarif Kunden, die Anlagenbetreiber verdienten mehr und die Verbraucher kämen preiswerter an lokale Ökoenergie.

Gepräche mit den StadtwerkenJetzt muss der Gründer nur noch etwa Stadtwerke überzeugen, dass es sich für sie auszahlt, ihren Kunden zwei Tarife anzubieten und abzurechnen: Den teureren Normaltarif und Sonderkonditionen für den Solarstrom von nebenan. Der Gründer berichtet von viel versprechenden Gesprächen.

Sein weiterer Zeitplan ist straff: Die kostenfreie OEEX-Web-App will er spätestens Mitte Juni freischalten; anmelden können sich Interessenten jetzt schon. Bald soll auch der Stecker zertifiziert sein. Auf erste flexible solare Sonderstromtarife hofft er bis Ende des Jahres. Der grüne Lokalstrom-Marktplatz könnte 2018 starten.

Experten von Google, der Fraunhofer-Gesellschaft, der Energieberatung Conenergy, des Stromkonzerns RWE und der WirtschaftsWoche hat das Konzept überzeugt. Auf der am 18. Februar beendeten Messe E-World in Essen verliehen sie OEEX den Energy App Award in der Kategorie Innovation.

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