Rohstoffe: Hurra, der Ölpreis sinkt!?

Rohstoffe: Hurra, der Ölpreis sinkt!?

von Benjamin Reuter

Der Ölpreis ist im freien Fall, erstmals seit 2012 kostet ein Fass weniger als 80 Dollar. Warum das ein gewaltiges Problem ist.

Der Ölpreis hat gestern mit 77 Dollar pro Fass seinen tiefsten Stand seit 2012 erreicht. Das ist durchaus überraschend, hatten doch Energieexperten, Analysten und Umweltschützer für den Wert des schwarzen Goldes in den kommenden Jahren nur einen Weg gesehen: nach oben. Einen Preis von 200 Dollar für das Fass Erdöl hielten viele im Laufe dieses Jahrzehnts für möglich. Und jetzt also der Zusammenbruch.

Die Gründe sind schnell aufgezählt und weithin beschrieben: Der Erdölboom in den USA und ein gleichzeitiger Rückgang beim Ölverbrauch hat das Land sehr viel unabhängiger von Rohstoffimporten gemacht. Derzeit ist also zu viel Öl auf dem Markt, während die Weltwirtschaft schwächelt, die Nachfrage also bestenfalls leicht steigt. Gleichzeitig macht Saudi Arabien keine Anstalten, seine Produktion wie in der Vergangenheit zu drosseln. Das Kalkül der Scheichs: Billigöl setzt die Produzenten in den USA unter Druck, sie werden aus dem Markt gekegelt. Ob die Rechnung aufgeht, sei dahingestellt.

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Keine Ölknappheit in SichtEine ganz zentrale Ursache für den Preisverfall, über die derzeit kaum gesprochen wird, liegt aber woanders: Nicht nur in den USA, sondern weltweit hat die Förderkapazität in den vergangenen Jahren stark zugenommen, wie Leonardo Maugeri, ehemaliger Manager beim italienischen Ölriesen Eni und jetzt Forscher in Harvard, schon 2012 bemerkte.

Schon nach 2003 hätten die Investitionen in die Ölexploration weltweit drastisch zugenommen, nach 2010 explodierten sie wegen des sehr hohen Ölpreises geradezu, schreibt er in einer aktuellen Untersuchung. In den vergangenen vier Jahren haben Ölunternehmen sagenhafte 2500 Milliarden Dollar in die Entwicklung von Ölfeldern gesteckt. Die zu erwartende Zunahme der Förderkapazität hat Maugeri in der folgenden Grafik zusammengefasst:

Wichtig ist die Zahl von täglich 110 Millionen Fässern möglicher Förderung im Jahr 2020. Denn für dieses Jahr sagt die Internationale Energieagentur gerade einmal eine Nachfrage von 100 Millionen Fass voraus. Gleichzeitig produzieren viele Länder wie Iran und der Irak derzeit noch weit unter ihren Möglichkeiten. Würden sie sich stabilisieren, dann käme noch mehr Öl auf den Markt.

Der aktuelle negative Ölpreisschock wirft deshalb zwei Fragen auf: Bleiben die Preise so niedrig und was sagt uns das über die Zukunft der Ölversorgung?

Problem für den KlimaschutzDie Frage nach der Entwicklung der Preise kann und konnte nie jemand mit Sicherheit beantworten. Sie sind zu abhängig von politischen Krisen, der (Innen-)Politik der Opec-Staaten, technischen Entwicklung und der Nachfrage. Aus diesen jeweils in sich schon komplexen Faktoren bildet sich am Ende ein Preis. Was dabei sicher ist: Er hat mit der aktuellen und künftigen Verfügbarkeit von Erdöl als Rohstoff im Boden nur sehr wenig zu tun. Wahrscheinlich ist aber, dass die Preise niedrig bleiben, eben weil die Förderkapazitäten die Nachfrage übersteigen.

Das bringt uns zur zweiten Frage, die schon besser zu beantworten ist: Wie sieht es mit der Erdölföderung in der nahen Zukunft aus?

Zumindest in den kommenden Jahren wird es keinen von vielen Umweltschützern und Rohstoffexperten vorausgesagten Höhepunkt der Erdölförderung - aka Peak Oil - geben. Ganz im Gegenteil. Die Ölfelder weltweit produzieren auf Hochtouren, neue Quellen gehen in den nächsten Jahren an die Pipelines.

Sicher: Schieferöl, Teersande, mit neuer Technik auf Touren gebrachte alte Felder und Reserven in der Tiefsee sind teurer auszubeuten als die Ölvorkommen in der Wüste Saudi Arabiens. Aber sie sind nicht so teuer, dass sie das Erdöl unbezahlbar machen. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass auch weit nach 2020 Erdöl zur Genüge verfügbar ist und das zu bezahlbaren Preisen.

Manche mögen angesichts dieser frohen Kunde Hurra rufen. Aber die Kunde ist bei weitem nicht froh, wenn man an die Erderwärmung denkt. Seit Jahren warnen viele Umweltschützer vor einem Ende der fossilen Rohstoffe und vor explodierenden Ölpreisen. Erdöl als Klimakiller schaffe sich damit selbst ab, hoffen sie.

Das Gegenteil aber ist der Fall, wie uns die aktuelle Entwicklung am Ölmarkt zeigt. Wir haben nicht zu wenig Öl, sondern zu viel. Für das Klima sind das keine guten Nachrichten.

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