Rohstoffe: Ostafrika hofft auf den ganz großen Öl-Boom

Rohstoffe: Ostafrika hofft auf den ganz großen Öl-Boom

von Jan Willmroth

Kenia könnte bald in den Kreis der größten Öl-Produzenten Afrikas aufsteigen. Das Land erhofft sich Reichtum - doch der Plan könnte gehörig daneben gehen.

Wenn es nach der kenianischen Regierung geht, können die Dinge gar nicht schnell genug vorankommen. Es ist kaum ein Jahr her, da versprachen ausländische Geologen dem Land eine goldene Zukunft: In der Region Turkana mit dem gleichnamigen See im strukturschwachen Nordwesten des Landes wurde Öl gefunden.

Jetzt ist klar: Im kenianischem Boden versteckt sich genügend schnell erreichbares Öl, um das Land zum ersten Ölexporteur Ostafrikas zu machen, und zwar noch schneller als den Nachbarstaat Uganda, in dem schon seit Jahren Ölvorkommen nachgewiesen sind. Innerhalb eines halben Jahrzehnts könnte Kenia vom rohstoffarmen Land zu einem Staat aufsteigen, der immer weniger abhängig von Öl-Importen wird.

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Für die Staatsführung ist das eine erfreuliche Entwicklung. Kenia muss bislang all seine Ölprodukte importieren. Pro Tag kommen laut US-Daten rund 80.000 Barrel (Fass: ca. 159 Liter) Öl zu einem Preis von mehr als acht Millionen Dollar ins Land. Den Rohstoffimporten stehen im Export landwirtschaftliche Produkte wie Kaffee, Tee und Blumen gegenüber, die die Handelsbilanz aufhübschen und Kenia zum reichsten ostafrikanischen Land machen.

Ungeduldige RegierungDie Ölfunde treiben jetzt die Wachstumsträume der Regierung an. „Sie bohren nicht genügend Löcher“, sagte der kenianische Öl-Kommissar Martin Heya der Nachrichtenagentur Bloomberg. „In Uganda wird schon seit langem gebohrt, aber es ist möglich, dass wir schneller produzieren als alle anderen. Wir sollten glücklich sein.“ Schon vor Monaten wurde er mit dem Satz zitiert, das Interesse des Landes sei es, den Prozess zu beschleunigen. 2016 soll es mit der Ölförderung schon losgehen, bis vor kurzem hatten die Kenianer noch 2020 angepeilt.

Aber das wäre ein ziemlicher Kraftakt: Laut dem kanadischen Ölkonzern Africa Oil braucht es für jeden Bohrturm in dem abgelegenen Gebiet 230 LKW-Ladungen an Bauteilen und Ausrüstung, die über notdürftige Pisten angeliefert werden.

Für das laufende Jahr haben das britische Unternehmen Tullow Oil und Africa Oil elf Testbohrungen geplant. Sie vermuten mehr als zehn Milliarden Barrel Öl auf kenianischem Gebiet – mehr als dreimal so viel, wie Großbritannien noch an Reserven übrig hat. Bei heutigem Verbrauch wäre das genug, um Kenia 300 Jahre oder die USA rund 18 Monate mit Treibstoff zu versorgen.

Ostafrika als neues Zentrum der ÖlproduktionDabei haben die Jäger des schwarzen Goldes den Osten Afrikas bei ihrer Suche nach Öl lange Zeit vernachlässigt. Die führenden afrikanischen Ölproduzenten sind Libyen und Ägypten im Norden, und Nigeria und Angola im Westen. Von allen rund 30.000 bisherigen Bohrungen in Afrika verantwortet der Ölkonzern Afren weniger als 500 im Osten des Kontinents.

Spät, aber zügig könnte die Region zu einem neuen Zentrum des Ölexports werden, mit Pipelines, die von Äthiopien, Uganda und dem Südsudan aus an der kenianischen Küste zusammenlaufen. Kenia könnte so gleichzeitig ein bedeutender Ölproduzent und Schlüsselstaat für Ostafrikas Öl-Boom werden. In Nairobi laufen bereits Planungen für ein fünf Milliarden Dollar teures Pipeline-System.

Wiederholt sich die Geschichte?Wie dramatisch aber die Träume vom schnellen Öl und damit Geld schiefgehen können, zeigt die jüngere Geschichte des Nigerdeltas. Denn das Öl war für Nigeria ein Fluch. Es brachte enorme Umweltschäden, befeuerte Korruption und Kriminalität und Armut – nichts von dem, was sich das Land von den riesigen Ölvorkommen versprach, ist heute zu sehen. Wohlstand für die Bevölkerung? Fehlanzeige.

In einer bewegenden Reportage beschreibt der National-Geographic-Autor Tom O’Neill die Folgen des nigerianischen Öl-Booms, der die Wirtschaft des Landes seit den 50er Jahren komplett umgekrempelt hat – von einem selbstversorgenden Agrarstaat zum ärmsten OPEC-Mitglied, das heute mehr Nahrungsmittel importieren muss, als es selbst herstellt.

„Alles schien möglich – und alles ging schief“, schreibt O’Neill. Von einem potenziellen Modellstaat habe sich Nigeria zu einem gefährlichen Land entwickelt, süchtig nach Ölgeld, mit Menschen, die zunehmend zur Korruption, Sabotage und sogar Mord bereit sind, um ein Stück des Reichtums abzubekommen.

Seit den 50er Jahren ist viel passiert, und anders als Nigeria zur Zeit der ersten Ölfunde ist Kenia heute ein eigenständiger Staat, dessen Führung selbst die Ölförderung forciert.

Noch kann niemand abschätzen, wie das Erdöl Kenias Wirtschaft und Gesellschaft verändern wird. Es bleibt zu hoffen, dass sich in der Wiege der Menschheit, als die das Great Rift Valley mit der Region Turkana bekannt geworden ist, nicht die Geschichte von der anderen Seite des Kontinents wiederholt.

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