Rohstoffe: Protest gegen Teeröl-Importe

Rohstoffe: Protest gegen Teeröl-Importe

von Andreas Menn

Kanada will weiter Teeröl nach Europa exportieren. Ureinwohner beklagen massive Umweltschäden - und wollen die EU zu einem Importverbot bewegen.

In den Flüssen drängen sich die Fische, durch die weiten Ebenen ziehen Rentierherden: Chief Bill Erasmus, gewählter Vertreter  des Ureinwohner-Volks der Dene in Nordkanada, lebt in einem Land, das an Wildnis reicher ist die meisten Gegenden der Welt. Aber Reichtum kann auch eine Plage sein. Denn unter der Erde rund um die Stadt Yellowknife, 1300 Kilometer nördlich von Calgary, liegen Gold, Diamanten - und Millionen Tonnen Teersand. Und auf den haben es globale Rohstoffkonzerne abgesehen.

Südlich von Yellowknife, in der kanadischen Provinz Alberta, lagert ein Drittel der weltweiten Teersandvorkommen. Mit Riesenbaggern reißen Ölkonzerne die Landschaft auf, roden ganze Wälder. Um den begehrten Treibstoff aus dem Erdreich zu gewinnen, pumpen die Betreiber gewaltige Mengen an aggressiven Chemikalien in den Grund – und täglich hunderte Millionen Liter Wasser. Die Chemiebrühe wird in großen Seen gelagert. Laut der Umweltorganisation Friends of the Earth nehmen Sie eine Fläche ein wie 1700 Fußballfelder.

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Das Problem: Die Schlackeseen lecken – davon sind die Umweltschützer jedenfalls überzeugt. Und der nahe gelegene Fluss spült die Giftstoffe direkt in die Fischgründe der Dene. „Viele unserer Leute leben vom Fischfang“, sagt Erasmus, „aber sie trauen sich nicht mehr, im Fluss zu fischen.“  Einer jüngst veröffentlichten Studie im renommierten Wissenschaftsmagazin Proceedings of the National Academy of Sciences zufolge hat die Konzentration so genannter polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoffe –krebserregende Substanzen – seit Beginn der Teerölgewinnung um das 23-fache zugenommen. „Wir hatten in unserer Gegend früher nie Fälle von Krebs“, sagt Erasmus. „Heute schon.“

Teersandöl aus Kanada in deutsche Tankstellen

Der Streit um die Ölsande hat globale Bedeutung. Denn der Treibstoff aus der kanadischen Wildnis geht als raffiniertes Benzin auch in den Export – bis nach Europa. Mehrmals schon haben Politiker in der Europäischen Union versucht, ein Einfuhrverbot des schmutzigen Öls zu erwirken. Eine neue Richtlinie soll die Mineralölhersteller verpflichten, den Ausstoß von Treibhausgasen bei ihren Kraftstoffen nach und nach zu senken.

Für Teeröl käme die Richtlinie einem Importverbot gleich. Denn laut Friends of the Earth ist die Gewinnung des Rohstoffs so energieaufwändig, dass pro Liter gewonnenem Benzin drei bis fünf Mal mehr Treibhausgase entstehen als bei herkömmlichen Kraftstoffen. Die Umweltorganisation Greenpeace listet die Teerölgewinnung in Kanada als eines von 14 Projekten auf, die das Weltklima am stärksten belasten: 420 Millionen Tonnen CO2 gelangten zusätzlich in die Atmosphäre, wenn Kanada bis 2020 die Teersandgewinnung wie geplant ausweite - das entspreche den jährlichen Emissionen Saudi-Arabiens.

Die Hersteller allerdings stellen diese Daten in Zweifel. Darum gab die EU erst einmal eine Folgeabschätzung in Auftrag, um die Konsequenzen der geplanten EU-Richtlinie zu klären. Friends of the Earth sieht darin das Ergebnis  einer „beispiellosen Lobbykampagne“ der kanadischen Regierung. Sie wolle die Vermarktung des kanadischen Öls in ganz Europa sicherstellen.

Um Druck auf die Politik zu machen, protestierten die Umweltschützer gestern anlässlich der Tourismusmesse ITB vor der kanadischen Botschaft in Berlin. „Statt wundervoller Landschaft sehen Touristen, die zu uns kommen, immer öfter schmutziges Öl“, sagt Dene-Chief Erasmus. „Wir brauchen einen Plan, unser Land nachhaltig zu entwickeln.“ Statt Ölrausch also Reisefieber. Viel Zeit bleibt nicht, denn die Konzerne investieren massiv  in neue Abbaugebiete. Während Erasmus in Berlin protestierte, kündigte der Ölkonzern Exxon mobil an, sein Ölsand-Projekt „Kearl“ in Alberta zu erweitern.

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