Selbstmontierter E-Flitzer: In einer Stunde zum eigenen Auto

Selbstmontierter E-Flitzer: In einer Stunde zum eigenen Auto

von Jonas Gerding

DIY-Trend: Ein US-Startup und zahlreiche Bastler wollen jeden zum Autobauer machen. Den Start macht ein Elektroauto nach dem Ikea-Prinzip.

Fast eine Arbeitswoche kann drauf gehen, bis Modellbauer endlich ihren 20 Zentimeter kleinen Audi R8 in den Händen halten. 30 Stunden brauchen sie etwa, um Karosserie, Motor und Räder zu lackieren und zu einem Miniatur-Nachbau des Sportwagens zu verkleben. Hätten sie ihre Zeit anders genutzt, könnten sie das Modell nicht nur im Regal begutachten. Sie könnten in ein echtes, selbst montiertes Auto steigen, den Motor anwerfen, den Vorwärtsgang einlegen und zu einer Spritztour aus der Einfahrt biegen.

Das zumindest versprechen Unternehmen wie OSVehicle, die statt ganzen Autos nur Einzelteile anbieten. Weniger als eine Stunde soll es dauern, um aus dem Bausatz des US-Technik-Startups in der Werkstatt das eigene Fahrzeug zusammenzuschrauben. Verständlich, dass man da nicht mit den 300 Stundenkilometern eines realen R8 wetteifern kann. Dafür ist der Antrieb der Mini-Flitzer dank elektrischer Energie umweltschonend und der Fahrer Teil einer engagierten Auto-Community, die bei der Entwicklung der Fahrzeuge mitredet.

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Das minimalistische Mitmach-Auto

Vor etwa sieben Jahren begannen Liu Franciso und Ampelio Macchi von OSVehicle damit, ihre Vision umzusetzen. Sie wollten ein Auto konstruieren und dabei auch von dem Know-How der technik- und designaffinen Tüftler profitieren, die sich im Netz herumtreiben. Ihre Idee: Jeder kann nach Wikipedia-Manier an der Entwicklung mitwirken. Schon andere Autobauer haben damit experimentiert. Jay Rogers beispielsweise, der Gründer der US-amerikanischen Firma LM Motors hatte gemeinsam mit Usern den Rally Fighter auf die Straße gesetzt. Wer den imposanten SUV dann fahren wollte, musste das Fahrzeug allerdings im Fertigpaket bestellen.

OSVehicle hingegen verkauft die Einzelteile. Den Zusammenbau des sogenannten TABBY überlassen sie den Autofans selbst. Im Internet-Katalog kann man sich - ähnlich einer IKEA-Küche - das eigene Fahrzeug zusammenstellen: So haben Nutzer unter anderem die Wahl, ob es ein Zwei- oder Viersitzer werden soll, in welchem Design es daherkommen und wie es angetrieben werden soll: mit einem Hybrid-Motor? Oder dem umweltfreundlichen Elektromotor? Die Kosten liegen zwischen 4000 und 6000 Euro.

80 Stundenkilometer schnell

Daheim in der Garage lassen sich die Einzelteile dann zusammenbauen. 42 Minuten brauchen zwei Männer in einem Demonstrations-Video der Firma dafür. Das mag sicherlich nicht jedem gelingen. Die Rekordzeit liegt aber nicht nur an der Routine der beiden Monteure, sondern auch an der minimalistischen Austattung - ohne Rundum-Karrosserie und hochtechnologisierte Innenenaustattung.

Auf den ersten Blick erinnert der TABBY daher an einen Strandbuggy. Das spiegelt sich allerdings auch in der Performance wieder: Das Elektro-Modell kann auf 80 Stundenkilometer beschleunigen und muss nach etwa 90 bis 100 Kilometern neu aufgeladen werden.



OSVehicle: TABBY Timelapse from OSVehicle on Vimeo.

Aber darf der Do-It-Yourself-Cruiser überhaupt auf öffentlichen Straßen fahren? Noch ist die Antwort ein Jein. Das Original-Modell des TABBY ist ursprünglich nicht für den Alltagsgebrauch entworfen worden. Selbst fundamentale Features wie die Blinkanlage müssen nachgerüstet werden. Der Nachfolger hingegegen, der Urban TABBY, ist für die Straße konzipiert. Er könne zugelassen werden, schreiben die Hersteller - vorausgesetzt, er ist auch ordentlich zusammengeschraubt.

Gemeinsam auf Elektroantrieb umrüsten

Vor allem in den USA gibt es schon länger eine Community umweltbewusster Technikfans, die ihre Garagen zu Werkstätten umfunktioniert haben, um eine Mission zu erfüllen: ihre Autos und Motorräder von Benzin und Diesel zu befreien. Auf Internetplattformen helfen sie sich gegenseitig Schritt für Schritt dabei, auf CO²-sparenden Elektroantrieb umzurüsten. Manche von ihnen teilen die Ergebnisse sogar in digitalen Fotoalben.

Dem Texaner Gary Krysztopic ist das nicht genug. Der Ingenieur und Autobastler stellt seine Konstruktionspläne für interessierte Nachbauer online. Allerdings setzt er nicht auf den Umbau, sondern will ein komplettes Auto entwerfen - wie auch schon die Erfinder des TABBY.

“Das muss so simpel sein, dass der komplette Bausatz in einer Woche montiert und fertig für das Aufladen und die Registrierung ist”, schreibt er auf seiner Internetseite.

Ein etwas größeres Modell (siehe Foto oben) hat er bereits montiert. Das selbst entworfene Elektroauto fährt auf drei Rädern. Auch wenn das einzelne Rad hinten angebracht ist, werden Assoziationen zu dem ersten Auto überhaupt geweckt: dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 aus dem Jahr 1886.

Würde Carl Benz noch leben, wahrscheinlich würde er seine Innovationskraft  in die Entwicklung zukunftsweisender Elektroautos stecken. Und so hat der Trend der minimalistisch ausgestatteten Baukasten-Flitzer auch noch eine andere Seite: Er ist eine technologische Reise zu den Anfängen der einst so experimentierfreudigen Automobilindustrie.

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