Showdown für die Braunkohle: Arbeit gegen Klimaschutz?

Showdown für die Braunkohle: Arbeit gegen Klimaschutz?

von Nora Marie Zaremba

Die Bundesregierung will der Braunkohle an den Kragen. Umweltschützer unterstützen das, aber in Berlin marschiert die Kohle-Lobby auf.

Zwei Kilometer entfernt vom nordrhein-westfälischen Immerath graben riesige Schaufelradbagger Tag und Nacht einen rund 200 Meter tiefen Krater in die Landschaft. Der Tagebau Garzweiler rückt damit immer näher an den Ort heran. Noch anderthalb Jahre, dann müssen wegen der Braunkohleförderung alle Bewohner aus Immerath weg sein.

Menschenkette gegen die Kohle

Damit fünf weitere Dörfer nicht das gleiche Schicksal wie Immerath erfahren, werden sich Umweltaktivisten und Braunkohlegegner am 25. April im Tagebau Garzweiler II die Hände reichen. So soll eine mehr als sieben Kilometer lange Menschenkette entstehen.

Anzeige

Die Kette, organisiert unter anderem von NGOs wie dem Bund für Umwelt und Naturschutz, Greenpeace und Campact, will der rot-grünen Landesregierung in NRW eine Grenze setzen. Bis hierhin baggern und nicht weiter, lautet die Botschaft.

Bis zum Sommer will die Landesregierung entscheiden, wie es mit dem örtlichen Braunkohlerevier nach 2030 weitergeht. Einer Teil-Verkleinerung von Garzweiler hat sie bereits zugestimmt. So wird der Ort Holzweiler mit 1400 Einwohnern nicht umgesiedelt.

Aufmarsch der GewerkschaftenParallel zu den Braunkohle-Gegnern protestieren am kommenden Wochenende auch ihre Befürworter. Unter dem Motto „Wir wehren uns“, ruft die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE) zu einer Demonstration in Berlin auf. Die richtet sich vor allem gegen die geplante „Klimaabgabe“ von Bundeswirtschaftminister Sigmar Gabriel.

Vorgesehen ist, dass Stein- und Braunkohlekraftwerke je nach Alter sinkende Freibeträge für CO2 zugesprochen werden. Wird mehr als erlaubt von dem Klimagas emittiert, müssen die Betreiber zahlen.

Damit will Gabriel vor allem den alten und dreckigen Braunkohlenkraftwerke an den Kragen. Denn wenn es Deutschland ernst meint mit seinen Klimaschutzzielen, muss das Land schnellstmöglichst seine CO2-Emissionen im Energiesektor drosseln.

Die Kohle-Befürworter sehen in diesem Plan nichts anders als den Todesstoß für die Braunkohle.

Gabriel riskiere mit der Abgabe "den Kollaps der großen Energieversorger und den sozialen Blackout ganzer Regionen", erklärte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis jüngst vor 4.000 Vattenfall-Kraftwerkern und Bergleuten im Tagebau im brandenburgischen Jänschwalde.

Das Arbeitsplatz-Argument

In der aufgeheizten Debatte geht es vor allem um Arbeitsplätze. 100.000 Stellen stünden auf dem Spiel, warnt die IGBCE. Mittlerweile ist die Zahl nach unten korrigiert. Der Verband der Braunkohle (DEBRIV) sprach, basierend auf einer Studie des Hamburger Wirtschaftsinstituts (HWWI), jüngst von 40.000 gefährdeten Arbeitsplätzen. Auch die Politiker in den betroffenen Gebieten fürchten um Arbeitsplätze.

Aber die Zahlen halten viele Experten für übertrieben. „Die Berechnungen zu den Arbeitsplatzverlusten basieren auf Stilllegungsszenarien jenseits aller wirtschaftlichen Realität“, kritisiert Felix Matthes, Energieexperte beim Öko-Institut in Berlin.

Denn in den Berechnungen würden ausschließlich die Kosten betrachtet und mögliche Erlöse ausgespart. Denn die neueren Braunkohlekraftwerke, sagt Matthes, könnten von der Klimabgabe auch profitieren.

Stiege durch die Abgabe der Großhandelspreis für Strom an der Börse, bekämen die neuen Kraftwerke auch mehr Geld für ihr Produkt. Er rechnet mit einem Anstieg des Großhandelspreises von 0,2 Cent pro Kilowattstunde. Auf einen Schlag zusammenbrechen würde die deutsche Kohlewirtschaft also nicht.

Neue Jobs durch die Energiewende

Dass die direkt in der Braunkohle Beschäftigten wie auch Zulieferer nie wieder Aufträge erhielten, findet Matthes ebenso realitätsfern. Viele Unternehmen bekämen auch in Zukunft Aufträge, vor allem aus dem Ausland, auch in anderen Bereichen als der Braunkohle.

Nicht zuletzt wird auch die Energiewende neue Jobs schaffen. So berichtete das Magazin Neue Energie über eine bislang unveröffentlichte Studie des Bundeswirtschaftsministeriums. Ihre Ergebnisse: Die Energiewende schafft im Idealfall mehr als eine Viertelmillion neuer Jobs in unterschiedlichen Bereichen.

Ob die Arbeitsplätze dort entstehen, wo Kohlejobs wie in der Lausitz wegfallen könnten, ist allerdings fraglich. Dennoch sind die Politiker in den betroffenen Gebieten gut beraten, den Strukturwandel schon jetzt einzuleiten, statt ihn zu blockieren. Denn eines ist klar: Die Braunkohle als klimaschädlichster Energieträger hat keine Zukunft. Demos vor dem Kanzleramt in Berlin jedenfalls werden die Erderwärmung nicht aufhalten.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%