Sigmar Gabriels Kohleabgabe: Das sind die fünf wichtigsten Fragen

Sigmar Gabriels Kohleabgabe: Das sind die fünf wichtigsten Fragen

von Wolfgang Kempkens

Wirtschaftsminister Gabriel will der Kohle an den Kragen – doch was bringt seine geplante Kohleabgabe überhaupt?

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat sich lange um eine Entscheidung zu den deutschen Kohlekraftwerken gedrückt. Er galt eher als Anhänger der Kohle als einer ihrer Kritiker. Verständlich, ist doch die SPD auch immer noch Partei der Kohlekumpel.

Anfang des Jahres hat sich Gabriel aber dann doch dafür entschieden, die Kohleverstromung mittels einer Art Verschmutzungsgebühr für die ältesten Kraftwerke zurückzudrängen.

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Das muss er auch, will Deutschland seine Klimaschutzziele erreichen. Demnach soll der CO2-Ausstoß 2020 40 Prozent unter dem Wert von 1990 liegen.

Wie eine aktuelle Studie im Auftrag der Umweltschützer von Greenpeace vorrechnet (hier als PDF) würde das Klimaziel bis 2020 fast erreicht, wenn 36 der schmutzigsten und ältesten Kohlekraftwerke von Netz gehen. Laut Greenpeace würde das die Strompreise nur geringfügig erhöhen und auch die Stromversorgung in Deutschland wäre gesichert.

Gabriels Kohlepläne werden derzeit in der Koalition, bei den Energieversorgern und den Gewerkschaften diskutiert. Wie die Kohleabgabe am Ende genau aussehen wird, lässt sich derzeit noch nicht sagen. Allerdings sind Eckpfeiler bekannt und die Frage stellt sich: Was bringt die vom Wirtschaftsminister geplante Kohleabgabe überhaupt?

1. Was plant Gabriel?

Kohlekraftwerke, die älter als 20 Jahre sind, sollen ab 2017 jenseits einer Freigrenze für den Ausstoß des Klimagases CO2 bezahlen. 15 bis 17 Euro pro Tonne CO2 sollen es laut Bundeswirtschaftsministerium am Anfang sein; pro Jahr sollen die Kosten um einen Euro steigen. Für Kraftwerke, die älter als 40 Jahre sind, gilt eine niedrigere Freigrenze, sie werden also stärker belastet.

Allerdings kündigte Gabriel nach heftiger Kritik von Gewerkschaften und Teilen der CDU an, dass er die Abgabe "flexibel" gestalten und an den Handelspreis für Strom anpassen will. Fakt ist aber und das ist das Ziel von Gabriel: Der Strom aus den Altkraftwerken würde teurer, der Betrieb modernerer Anlagen rentierte sich mehr, das Klima würde geschont.

2. Wie viele Kraftwerke sind betroffen?

Mehr als 30 Stein- und Braunkohlekraftwerke in Deutschland sind älter als 20 Jahre. Sie haben eine Leistung von rund 28.000 Megawatt. Welche von diesen Kraftwerken nach Einführung der Kohleabgabe noch wirtschaftlich zu betreiben sind, steht bisher nicht fest. Die 15 Blöcke und Kraftwerke, die älter als 40 Jahre sind, dürften wegen der geringeren Freigrenze aber kaum noch wirtschaftlich zu betreiben sein.

Insgesamt sind in Deutschland Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 50.000 Megawatt am Netz. Zum Vergleich: In dem Szenario der oben genannten Greenpeace-Studie werden Kraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 15.000 Megawatt vollständig vom Netz genommen. Sie springen nur noch ein, wenn Wind- und Solarparks ausfallen.

3. Wie alt sind die deutschen Kohlekraftwerke?

Eines der ältesten Kohlekraftwerke, ein 150-Megawatt-Block des Steag-Kraftwerks in Lünen, hat rund 50 Jahre auf dem Buckel. Gerade mal sieben Braunkohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 9000 Megawatt würden den Auflagen entgehen, weil sie jünger als 20 Jahre sind (siehe Tabelle links, hier als PDF).

Die jüngeren Kraftwerke haben Wirkungsgrade von mehr als 40 Prozent. Das bedeutet, das sie aus wenig Kohle vergleichsweise viel Strom erzeugen. Ältere Braunkohleanlagen kommen auf 30 bis 35 Prozent Wirkungsgrad, Steinkohlekraftwerke auf 30 bis 40 Prozent. Technisch gesehen ist es also durchaus sinnvoll, den Betrieb der älteren Kraftwerke unwirtschaftlich zu machen, weil sie auch vergleichsweise klimaschädlich sind.

Neubauten wie das Trianel-Kraftwerk Lünen, das 2013 in Betrieb ging, kommen auf 46 Prozent Wirkungsgrad. Die Ausnutzung der Kohleenergie steigt allerdings, wenn die Anlagen zusätzlich Fernwärme produzieren.

4. Wie reagieren die Kraftwerksbetreiber?

Von sich aus haben die Kraftwerksbetreiber bereits die Stilllegung von 16 Stein- und Braunkohlekraftwerke beantragt, die so alt sind, dass sie sich nicht mehr wirtschaftlich betreiben lassen. Die meisten sollen noch in diesem Jahr abgeschaltet werden.

Ob die Bundesnetzagentur, die unter anderem für Versorgungssicherheit mit elektrischem Strom verantwortlich ist, alle Anträge billigen wird, ist fraglich. Schon heute verweigert sie die Genehmigung für Stilllegungen von fast 20 Kraftwerken, die meisten davon sind Erdgaskraftwerke. Manche von ihnen produzieren nur stundenweise Strom.

5. Wie wichtig sind Kohlekraftwerke für die Stromversorgung?

Kohlekraftwerke sind die wichtigsten Stromerzeuger in Deutschland. 2014 kamen sie auf einen Anteil von 43,6 Prozent. Außerdem sind sie die bedeutendsten Lieferanten von Regelenergie. Diese gleicht sekundenschnell Stromschwankungen im Netz aus, die durch Zu- und Abschalten von großen, meist industriellen Verbrauchern, aber auch durch unterschiedliche Einspeisungen von Solar- und Windstrom verursacht werden.

In den riesigen Dampfturbinen der Kraftwerke steckt eine Menge an Rotationsenergie, die genutzt wird, um das Netz zu stabilisieren. Mal laufen sie ein bisschen langsamer, mal ein bisschen schneller, je nach Strombedarf. Diesen Änderungen sind allerdings enge Grenzen gesetzt, um die sichere Netzfrequenz von 50 Hertz nicht zu sehr zu strapazieren.

Mit dem Ausfall von fossilen Kraftwerken, entfällt ein Großteil an Regelenergie. Nennenswerte Beiträge dazu liefern Pumpspeicherkraftwerke und große Batterieblocks, von denen es allerdings nur wenige gibt. Auch Gaskraftwerke können helfen, doch die Betreiber würden die meisten lieber stilllegen, weil ihr Betrieb unwirtschaftlich ist (siehe Punkt 4). Ob diese allerdings den Ausfall der Kohlekraftwerke ausgleichen können, ist bisher nicht geklärt.

Mitarbeit: Benjamin Reuter

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