Sinkende Ölpreise: Das schwarze Gold wird zum Klimagift

Sinkende Ölpreise: Das schwarze Gold wird zum Klimagift

von Jan Willmroth

Für die Konjunktur sind niedrige Ölpreise Fluch und Segen zugleich. Nicht zuletzt, weil sie den Förderländern schaden.

Der Tag, an dem der Markt kippte, lässt sich rückblickend genau datieren. Es war der 22. Juni 2014, als zwei Tanker den Hafen der Stadt Tobruk im Nordosten Libyens verließen, beladen mit 1,3 Millionen Barrel Erdöl, die bis dahin auf den Export aus dem vom Bürgerkrieg gezeichneten Land gewartet hatten. Zwei Tanker, die Libyens Rückkehr an den Weltmarkt einläuteten. Und damit das Ende eines gut zehn Jahre währenden Öl-Booms, der Exporteuren gigantische Profite sicherte - und Ölkonzerne die riskantesten bisher bekannten Förderprojekte weit nördlich im arktischen Meer finanzieren ließ.

Eineinhalb Jahre nach der Wiedereröffnung des Öl-Terminals in Tobruk ist noch immer kein Ende des Ölpreisverfalls in Sicht. Die Preise fielen so dramatisch, dass ein Barrel Öl (159 Liter) derzeit nur noch etwa ein Drittel so teuer ist wie im Frühsommer 2014. An manchen deutschen Tankstellen kostet Diesel bereits weniger als einen Euro pro Liter, Heizöl ist so günstig wie lange nicht und Ölheizungen sind plötzlich wieder vermehrt gefragt. Am Freitag sank der Preis für ein Fass Öl der Nordsee-Sorte Brent auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren.

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Damals fiel der Tiefpunkt beim Ölpreis pünktlich mit der Bescherung zusammen. An Heiligabend im Weltwirtschaftskrisenjahr 2008 erreichte der Preis für ein Fass Brent-Öl 36,61 Dollar, wie Neil Hume von der Financial Times am Freitag bemerkte:

Brent 2008 closing low was on Dec 24th when the price hit $36.61 pic.twitter.com/yiWuZwdOJG

— Neil Hume (@humenm) 11. Dezember 2015

Am Freitag hatte auch die Internationale Energie-Agentur ihren monatlichen Ölmarktbericht veröffentlicht – und den Preisrutsch damit erneut beschleunigt: Das weltweit Überangebot könnte im kommenden Jahr noch weiter zunehmen, das war die Botschaft. Die weltweite Ölnachfrage habe wahrscheinlich im dritten Quartal einen Höhepunkt erreicht und werde 2016 langsamer wachsen als erwartet.

Die Opec gibt ihre Förderquote aufEine Woche zuvor war das halbjährliche Treffen des Öl-Kartells Opec ergebnislos ausgegangen. Beobachter beschrieben sichtlich frustrierte Ölminister einiger Mitgliedsländer, die seit Längerem darauf drängen, die Förderquoten zu kürzen und so den Preis zu stabilisieren. Seit mehr als einem Jahr pumpen die Opec-Staaten größtenteils am Limit und fördern im Kampf um Marktanteile so viel Öl wie möglich. Saudi-Arabien führt als wichtigstes Mitgliedsland die Strategie an, möglichst viel zu fördern und mittelfristig Produzenten aus dem Markt zu drängen, die zu höheren Kosten produzieren.

Nach der Opec-Konferenz in Wien sprach dann der Ölminister Irans aus, was den jüngsten Preissturz mit auslöste: „Jetzt macht jeder, was er will“, so Bijan Zanganeh. De facto gibt es keine Förderquote mehr, an die sich die Opec-Länder halten sollen, die zusammen etwa 40 Prozent des weltweiten Ölmarkts kontrollieren. Im Sommer hatte das Öl-Kartell die höchste Fördermenge seit drei Jahren erreicht.

Für die meisten Mitgliedsländer sind die niedrigen Preise fatal. Allen voran steht derzeit Venezuela, das Land mit den größten Ölreserven weltweit. Die Exporteinnahmen der venezolanischen Wirtschaft hängen zu mehr als 95 Prozent vom Erdöl ab. Das Land steht vor dem wirtschaftlichen Abgrund. Auch andere Öl-Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate und nicht zuletzt Russland sind für einen ausgeglichenen Staatshaushalt auf viel höhere Ölpreise angewiesen.

Den Kampf gegen die Erderwärmung macht ein niedriger Ölpreis nicht leichter. Warum, das lässt sich beispielsweise an deutschen Tankstellen und Heizungskellern besichtigen, oder aber in der Verkaufsstatistik für Autos in den USA. Dort ist Sprit so billig, dass mehr Menschen als je zuvor große SUVs mit riesigen Motoren kaufen. Mittelfristig sorgen niedrige Spritpreise dafür, dass Menschen öfter mit dem Auto fahren.

Exportländer haben kein Interesse an KlimaschutzSelbst, wenn die Nachfrage jetzt langsamer wächst, wie von der IEA vorhergesagt: Der Anreiz sinkt, schnell auf effizientere Technologien umzusteigen und weniger Öl zu verbrennen. Umweltschützer befürchten, dass der Umstieg auf saubere Energie um Jahre verzögert wird, wenn das Öl zu lange so wenig kostet.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte zuletzt Anfang Dezember, niedrige Preise für fossile Brennstoffe könnten Innovationen und Investitionen in neue Technologien blockieren. Sind CO2-Emissionen vielerorts weiterhin kostenlos, werden erneuerbare Energien weniger konkurrenzfähig. „Das derzeitige Umfeld niedriger Preise für fossile Brennstoffe wird die globale Energiewende mit Sicherheit verzögern“, schreiben die IWF-Experten.

Das gilt vor allem mit Blick auf die Ölstaaten. Denn ambitionierter Klimaschutz gilt vor allem in Ländern als teuer, die stark vom Export fossiler Energieträger abhängen. Gerade Staaten wie Saudi-Arabien oder Russland haben noch weniger Handlungsspielraum, in effiziente Technologien zu investieren, wenn sie aus dem Ölverkauf zu wenig verdienen.

Die Strategie, im Kampf um Marktanteile möglichst viel zu fördern, hat so gleich mehrere unangenehme Folgen: Es wird so viel Öl verkauft wie es nur geht, die Preise fallen und lassen die Ölnachfrage steigen, zugleich nehmen die Förderländer zu wenig ein, um in den Klimaschutz zu investieren. Auch Öl-Exportländer mögen den Weltklimavertrag in Paris unterzeichnet haben – am Ende des fossilen Zeitalters haben sie wenig Interesse.

Dabei ist Öl nicht einmal das größte Problem. Denn mit dem Preis für den Schmierstoff der Weltwirtschaft fielen auch die Preise anderer Energieträger wie Kohle und Gas. Auch sie könnten über längere Zeit günstig bleiben. Das schlimmste Gift für das Weltklima ist und bleibt die Kohle, die laut aktuellen Erhebungen noch etwa 35 Prozent des weltweiten Energiebedarfs deckt.

Und einen konkreten Plan, Kohlendioxidemissionen weltweit zu verteuern und damit den Kohleausstieg zu beschleunigen, haben auch die Klimaverhandlungen in Paris nicht hervorgebracht.

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