Smart Grids: Sind sie das Allheilmittel für die Energiewende?

Smart Grids: Sind sie das Allheilmittel für die Energiewende?

von Benjamin Reuter

Intelligente Stromnetze sollen Verbrauchern Geld sparen und die Energieversorgung stabilisieren. Aber stimmt das auch?

Intelligente Stromnetze, sogenannte Smart Grids, werden schon lange als Königslösung für viele Probleme der Energiewende diskutiert – unter anderem dafür, wie man mit Strom in Zeiten von zu viel Wind und Sonne umgeht. Um herauszufinden, wie sich solche Smart Grids in die Realität umsetzen lassen, hat die Bundesregierung zusammen mit der Industrie gerade Projekte in sechs Modellregionen in Deutschland unterstützt.

Unter den Teilnehmern in den sechs Modellregionen waren auch die Elektronikspezialisten des Mittelständlers Kellendonk aus Köln.

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Das Besondere: Das Team von Geschäftsführer Peter Kellendonk entwickelte das erste Softwareformat mit dessen Hilfe alle Hausgeräte und Stromversorger untereinander kommunizieren können. So lassen sich zum Beispiel Backöfen und Trockner verschiedener Hersteller aufeinander abstimmen und auch Waschmaschinen starten dann, wenn gerade viel Strom im Netz ist. 30 Partner aus der Industrie – darunter Stromversorger wie E.ON oder EnBW und Gerätehersteller wie Vaillant, Bosch - Siemens Hausgeräte oder Miele – haben sich mittlerweile für diese Technologie entschieden und der Initiative EEBus angeschlossen. Was diese intelligenten Geräte dem Verbraucher bringen und wie sie die Energiewende unterstützen, erklärt Peter Kellendonk im Interview.

Herr Kellendonk, Das Thema Smart Grid wurde lange als Lösung vieler Probleme der Energiewende gesehen. Die Euphorie scheint der Ernüchterung gewichen. Was ist passiert?

Kellendonk: Ich sehe das anders. Wir haben ein globales Energieproblem, das wir aus guten Gründen nicht mit Atom- oder Kohlekraft lösen können und wollen. Stichworte: Klimawandel und Sicherheit. Deshalb müssen wir die regenerativen Energien ausbauen. Und deshalb brauchen wir Smart Grids.

Kellendonk: Ich weiß aus zahlreichen Rückmeldungen von Stromversorgern und Industrieunternehmen sowie aus der Arbeit unserer Initiative: Die Firmen sehen es als gesetzt an, dass Geräte, die auf das Stromangebot im Netz reagieren können – wie zum Beispiel Waschmaschinen – den Markt bestimmen werden. Die Geräte kommen dieses Jahr in die Geschäfte und sind technisch so ausgestattet, dass sie problemlos am Smart Grid teilnehmen können.

Also sind die Smart Grids noch im Rennen als Allheilmittel für die Probleme der Energiewende?

Kellendonk: Diese Übertreibungen bringen nichts. Aber die Lastverschiebung ist eines von mehreren Mitteln, um zwei grundsätzliche Probleme der Energiewende zu lindern: Sie ist die kostengünstigste Methode, neue Stromleitungen einzusparen und Schwankungen bei der Energieproduktion auszugleichen. Dazu brauche ich Geräte, die untereinander vernetzt sind und auf Entwicklungen am Strommarkt reagieren können. Diese Geräte sind zudem nicht teurer als die herkömmlichen.

Welches Potenzial haben denn die Smart Grids, extreme Schwankungen zum Beispiel an sonnenreichen Tagen auszugleichen?

Kellendonk: Dazu gibt es unzählige Studien und tausende von Zahlen. Eine einfache Rechnung zeigt das große Lastverschiebungspotential: Nehmen wir alle Waschmaschinen und Kühlschränke in Deutschland. Mit ihnen ließe sich ein bis drei Gigawatt Strom puffern – das sind mehrere Blöcke von Atom- oder Kohlekraftwerken, die bisher noch die Grundlast der Versorgung liefern. Hinzu kommen Wärmepumpen, Kühlgeräte in den Supermärkten, verschiedene Industrieprozesse, Kühlhäuser und so weiter. Sagen wir es so: Unser Bedarf an grundlastfähigen Kraftwerken, die mit Uran, Kohle oder Gas laufen, lässt sich durch ein intelligentes Netz signifikant reduzieren.

Bisher wird dieses Potenzial kaum genutzt, weil Strom zu jeder Zeit des Tages dasselbe kostet. Was bringen intelligente Geräte, wenn es keinen finanziellen Anreiz gibt, Lasten zu verschieben?

Kellendonk: Wir sehen heute schon, dass Unternehmen ihre Produktion an den unterschiedlichen Strompreisen ausrichten. Für sie schwankt der Preis nur um wenige Cent pro Kilowattstunde. Für Haushalte brauchen wir selbstverständlich deutlich größere Schwankungen beim Strompreis. Nur so wird es für Verbraucher attraktiv, beispielsweise zu einer bestimmten Tageszeit zu trocknen.

Aber ich will doch waschen, wann ich will und nicht am Mittag, wenn die Sonne scheint. Fußball schaue ich auch lieber live, auch bei Flaute. Wie wollen Sie dieses Problem lösen?

Kellendonk: Ich sehe das nicht als unüberwindbares Problem. Und wir wollen auch niemanden vom Fernseher weglocken, wenn die Bundesliga läuft. Aber früher war doch auch das Telefonieren am Tag teuer und abends billig. Ich habe als Student immer nach 18 Uhr telefoniert. Heute ist es mir egal. Warum? Weil die Preise zu jeder Zeit gleich sind. Ein anderes Beispiel: Wenn Sie abends um 20 Uhr deutlich billiger tanken könnten, wären die Schlangen an den Zapfsäulen phänomenal. Kein Mensch würde sagen, das ist ein Eingriff in meine Selbstbestimmung. Nein, jeder würde sagen: Toll! Jetzt ist es günstig und deshalb gehe ich tanken.

Ein Aufwand bleibt es.

Kellendonk: Ganz und gar nicht, denn jetzt kommen die neuen intelligenten Haushaltsgeräte ins Spiel. Die springen automatisch an, wenn der Strom günstig ist. Ich kann zum Beispiel einstellen, dass die Wäsche um 18 Uhr fertig ist. Dann legt die Maschine los, wenn der Strom günstig ist. Das wird ihr wiederum automatisch vom Energieversorger mitgeteilt.

Klappt das bei allen Prozessen im Haushalt?

Kellendonk: Dort, wo ich einen Knopf drücken und vor Ort sein muss, funktioniert es nicht. Zum Beispiel beim Kochen. Aber auch hier gibt es gerade für Haushalte, die Strom mit der Solaranlage selbst erzeugen, erhebliche Gestaltungsmöglichkeiten: Wenn ich koche oder der Ofen läuft, kann automatisch der Trockner pausieren, damit ich weiter mit meinem, günstigen, selbst produzierten Strom auskomme. Vorausgesetzt Herd und Trockner kommunizieren miteinander. Je intelligenter mein Gerätepark im Haus, desto mehr Eigenstrom kann ich verbrauchen. Das erhöht auch meine Ersparnis. Und die Netze freuen sich.

Was spart denn eine durchschnittliche deutsche Familie an Strom, wenn sie smart wird?

Kellendonk: Wie viel der Verbraucher spart, hängt davon ab, wie viel er verschieben kann. Mit Waschmaschine, Trockner, Spülmaschine und Kühlschrank kann ich vielleicht ein Viertel meines Verbrauchs am Tag verschieben. Wenn der Strompreis in günstigen Zeiten zum Beispiel 12 statt 24 Cent kostet, kann ich 20 Prozent der Stromkosten einsparen. Also durchaus ein paar hundert Euro im Jahr. Im Übrigen: In den USA schwanken die Strompreise teilweise um das Zehnfache. Entsprechend weiter ist man dort beim Thema Smart Grid.

Und das lohnt sich, selbst wenn ich extra neue Geräte anschaffen muss?

Kellendonk: Über einige Jahre gerechnet schon. Aber wir dürfen beim Thema Einsparungen nicht nur auf die privaten Haushalte schauen: Denn die Gesellschaft spart ja auch Kosten für den Ausbau der öffentlichen Stromnetze und den Bau von Speichern. Das Netz wird durch Smart Grids zu geringen Kosten stabiler. Schon allein deshalb werden und müssen die intelligenten Geräte und Smart Grids im großen Stil kommen.

Sie haben viel mit Energieversorgern zu tun. Wann kommen denn die flexiblen Tarife?

Kellendonk: Fakt ist: Die Versorger und Netzbetreiber haben ein Problem mit einem zunehmend instabilen Netz und sie wollen es lösen. Da aber nur erneuerbare Energien den Energiehunger der Welt stillen, werden sie diese Probleme nicht durch Rückbau oder Stopp der Erneuerbaren lösen. Je höher also der „Leidensdruck“ durch den Ausbau der Erneuerbaren wird, desto schneller werden flexible Tarife oder andere Anreizmodelle kommen.

Eine wichtige Frage bleibt: Wie verlässlich ist die Lastverschiebung der Haushalte? Was passiert, wenn Deutschland sich ganz unsmart verhält und auf einmal auch bei teurem Strom die Waschmaschinen anstellt? Droht dann der Blackout?

Kellendonk: Theoretisch ja. Das gleiche Problem gebe es übrigens, wenn zu viele Haushalte wegen des billigen Stroms auf einmal waschen.

Und, was wäre die Folge?

Kellendonk: Es ist eine alte ingenieurstechnische Kunst, ein System stabil zu halten, so dass es nicht schwingt. Schon heutige Regeltechnik erledigt das zuverlässig. Daran wird die Lastverschiebung nicht scheitern.

Woran dann?

Kellendonk: Gar nicht. Da bin ich optimistisch. Wir müssen einfach die kritischen Punkte angehen, etwa die Datensicherheit im Smart Grid. Die Systeme könnten anfällig gegen Manipulationen von Hackern sein. Dieses Problem ist noch nicht ausreichend gelöst. Deshalb gibt es unter anderem einen Arbeitskreis mit Energieversorgern, Regulierungsbehörden und Vertretern von Unternehmen und Bundesregierung, in dem auch ich Mitglied bin. Und wir haben ja auch Smartphones, die nicht absolut sicher sind. Dennoch haben sie die Welt erobert.

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