Soko Sonne: Statt Autos klauen Diebe jetzt Solarmodule

Soko Sonne: Statt Autos klauen Diebe jetzt Solarmodule

von Thiemo Bräutigam

Organisierte Banden klauen in ganz Deutschland immer mehr Solarmodule und Wechselrichter. Polizei und Hersteller gehen nun in die Offensive.

Der Diebstahl von Solarmodulen und Wechselrichtern ist ein lukratives Geschäft. Organisierte Banden plündern ganze Anlagen und verkaufen sie auf dem Schwarzmarkt. Seit dem Durchbruch der Technik häufen sich die Diebstähle. Vieles spricht dafür, dass sich ein kleiner, aber schlagkräftiger Bandenring gruppiert hat, der sich auf die Solarmodule spezialisiert hat.

Was klingt, wie ein Auftakt für einen Krimi aus der Hehlerszene, ist aber derzeit Realität.

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Glaubt man Branchenvertretern, Versicherern und dem Bundeskriminalamt, sind die Fallzahlen zwar gering und die Statistiken zu diesem Thema dünn. Doch die Schäden liegen mindestens im fünfstelligen Bereich – bei jedem einzelnen Diebstahl.

Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Hier entstand im Jahr 2009 ein Gesamtschaden von 830.000 Euro durch geklaute Solartechnik. Die Zahlen des LKA sind vier Jahre alt und beziehen sich auf sechzehn Fälle. Im Jahr 2011 waren es schon 37. Mitte 2012 wurde das Vorjahresniveau bereits überschritten. Und das sind nur die gemeldeten Fälle. Die Polizei sieht die Dunkelziffer weitaus höher. In Brandenburg wurde sogar eine "Soko Sonne" gegründet, um den Dieben das Handwerk zu erschweren. Waren bis vor kurzem in Ostdeutschland vor allem Autos Ziele von Dieben, sind es jetzt die Energieanlagen.

Statt S-Klasse-Mercedes werden Solaranlagen geklautDer Aufwand für den Diebstahl ist allerdings extrem hoch. Die Module wiegen etwa 20 Kilo und sind im Durchschnitt einen Quadratmeter groß. Sowas steckt man sich nicht einfach in einen Rucksack.

Die Polizei geht davon aus, dass der Diebstahl nur mit einem Kleintransporter möglich ist. Zudem müssen die Module in kürzester Zeit abmontiert werden, was nicht mit einem Schraubendreher zu machen ist. Die Diebe sind also fachkunding - und gut organisiert.

Abgelegene und meist dünn besiedelte Gebiete außerhalb von Ortschaften sind besonders betroffen. Höfe, Stallungen und Lagerhallen gelten als begehrte Ziele. Das Risiko, entdeckt zu werden, ist gering und die Sicherung oft unzureichend. In einigen Fällen forderten gestapeltes Feuerholz oder gar am Gebäude lehnende Leitern geradezu dazu auf den Besitzern auf‘s Dach zu steigen.

Viele Solarmodule tauchen in Gebrauchtwarenportalen wieder auf und werden dort professionell vertrieben. Einzeltäter hingegen verkaufen die Ware eher auf dem Schwarzmarkt, sagt die Polizei - dort ist das Risiko geringer, erwischt zu werden. Noch tappen die Ermittler allerdings im Dunkel, wie genau die Module verkauft werden. Die Handelswege sind schwer zu verfolgen. Die Gesetzeshüter machen Schwarzmärkte in Polen und Marokko, aber auch Deutschland aus.

Hilflos ausgeliefert ist man den Banden aber nicht.  Das Abwehrreportoire reicht von Innensechskant-, Torx- und Abrissschrauben über Zufahrtsbarrieren und Überwachungsanlagen bis hin zu Wachpersonal. Neben diesen eher technischen Präventivmaßnahmen lautet die Lösung verschiedener Interessensvereine der Solarindustrie jedoch anders: Kennzeichnung und Kodierung.

Die Firma SecondSol, die eine Plattform für den Verkauf gebrauchter Anlagenteile betreibt, hat ein Sicherheitsetikett gegen Diebstahl entwickelt. Die Kennzeichnung erfolgt über einen schwer löslichen Foliendruck mit fortlaufender Nummer. Der dafür genutzte QR-Code kann mit einem Smartphone gelesen und so der Installationsort ermittelt werden. Der Versuch ein solches Etikett zu entfernen, hinterlässt eindeutige Spuren.

Datenbanken über Diebstähle sollen helfenSecondSol bietet außerdem ein Diebstahlregister für gestohlene Anlagenteile an. Das Unternehmen reagiert damit auf die steigende Anzahl dubioser Angebote auf dem eigenen Anzeigenportal. Auszuschließen sei es weiterhin nicht, heißt es bei den Betreibern, dass auch Diebe ihre Ware über dieses Portal verkaufen. Von dem Register und der Kennzeichnung erhofft sich das Unternehmen jedoch Abschreckungspotenzial.

Das sollen jetzt auch Datenbanken schaffen, wie die der Firma SecondSol. WiWo Green hat die darin aufgelisteten Zahlen analysiert und aufbereitet. Dabei  zeichnen sich klare Tendenzen ab. Die Grafiken zeigen die Menge der gestohlenen Solarmodule  und Wechselrichter von 2005 bis 2013 -  jeweils aufgeschlüsselt nach Hersteller, Bundesland und Jahr.

Die nächste Karte zeigt die Verteilung der Diebstähle in den Bundesländern. Auch hier wird nicht die Fallzahl gezeigt, sondern die Menge der gestohlenen Teile. Niedersachsen und Bayern liegen hier klar an der Spitze. In den Städten Berlin, Hamburg und Bremen sowie dem Saarland und Mecklenburg-Vorpommern sind keine Fälle gemeldet. Insbesondere für Mecklenburg-Vorpommern ist das erstaunlich, geht doch das LKA dort von mehreren Dutzenden Fällen aus. Die Gesamtsumme der gestohlenen Teile beläuft sich in den Jahren 2005 bis 2013 auf knapp 1.100 Solarmodule und Wechselrichter.

Auf ganz Deutschland gesehen erscheint diese Zahl zunächst sehr gering. Die Wahrscheinlichkeit einer hohen Dunkelziffer bleibt dabei der entscheidende Faktor. Das Diebstahlregister der Firma SecondSol ist außerdem nicht die einzige Plattform, die solche oder ähnliche Daten sammelt. Überschneidungen zwischen den gemeldeten Fällen eingeschlossen. Der Förderverein Solarenergie Deutschland zum Beispiel, bemüht sich ebenfalls um ein Diebstahlregister.

Auch das Solarstrom-Magazin Photon bietet seinen Abonnenten einen solchen Service. Registrierte Kunden, können Fälle von Diebstahl melden. Möchte man also zu einem gebrauchten Modul greifen, lohnt sich der Blick in die Datenbanken. Ein gestohlenes Modul lässt sich dann schnell über die Kennzeichnung identifizieren.

Der hohe ökonomische Schaden beschäftigt zunehmend auch Beratungsfirmen in der Branche. Eine Befragung der Consulting-Firma Apel + Hoyer unter Solarinstallateuren soll jetzt herausfinden, wie hoch das Risiko von Diebstählen ist und welche Art der Prävention am besten schützt.

Von dem Geschäft der Diebe profitiert andererseits die Sicherheitsbranche. Firmen wie DolphIT bieten ihren Diebstahlschutz als Rund-um-Sorglos Pakete an. Ihr Sicherheitskonzept "Photovoltaic - Security Operations Center" liest sich wie eine Anleitung zum Gefängnisbau. Inklusive einer Sicherheitsleitstelle mit dauerhafter Besetzung. Eine automatische Meldung an die nächstgelegene Polizeidienststelle oder den eigenen Sicherheitsdienst erfolgt ebenfalls.

Ob sich die zusätzlichen Kosten für Wachpersonal und Überwachungstechnik wirklich lohnen, ist fraglich. Der Einsatz von Überwachungskameras kostet den Kunden über eine Laufzeit von zwanzig Jahren bis zu 300.000 Euro. Andererseits liegen die Anschaffungskosten einer durchschnittliche Photovoltaikanlage für ein Einfamilienhaus schon bei etwa 10.000 Euro. Große Module auf Lager- und Scheunendächern oder ganze Solarparks kosten ein Vielfaches.

Eine gemeinsame Hoffnung teilen Anlagenbesitzer, Polizei und die Solarbranche: Durch die fallende Preisentwicklung der letzten Jahre wird sich der Diebstahl vielleicht bald nicht mehr lohnen.

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