Statt Russland-Erdgas: So geht Energiesicherheit für Europa

Statt Russland-Erdgas: So geht Energiesicherheit für Europa

von Dieter Janecek

Eine Ressourcenwende ist die einzig intelligente Antwort auf die Abhängigkeit von russischem Erdgas und die Krim-Krise, meint unser Gastautor Dieter Janecek.

Von Dieter Janecek. Der Autor ist Landesvorsitzender von Bündnis 90/DIE GRÜNEN in Bayern und Bundestagsabgeordneter. Er engagiert sich unter anderem im Ausschuss für Wirtschaft und Energie des Bundestages. Im Folgenden schreibt er über die Krim-Krise und wie sich die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen lindern lässt. 

Nein, Deutschland braucht angesichts der Krim-Krise keine nationale Gasreserve, wie sie der Außenhandelsverband für Mineralöl und Energie in seiner jüngsten Stellungnahme fordert. So importieren wir zwar aus Russland jährlich die zweieinhalbfache Menge an Erdgas, die wir speichern können. Aber wenn wir konsequent handeln, sind wir weit weniger erpressbar, als dies auf den ersten Blick erscheint.

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Seit bald 40 Jahren ist der Anteil an Erdgas aus Russland in Deutschland hoch. Kurz vor dem Fall der Mauer stammte fast jeder zweite Kubikmeter aus der damaligen Sowjetunion. Gleichzeitig hat die Bundesrepublik sich einen Gasspeicher mit einem Fassungsvermögen von rund 20 Milliarden Kubikmeter aufgebaut.

Aber mit der Abhängigkeit ist das eben so eine Sache. Sie gilt bei Energielieferungen in der Regel für beide Seiten. Die russische Wirtschaft ist fest im Griff der fossilen Energiemonopole. Bei Erdgas gelten Langfristverträge, die nicht ohne weiteres in Frage gestellt werden können, außer Russland möchte dauerhaft sein Vertrauen als Energielieferant auf den Weltmärkten verspielen.

Kurzfristig agieren wir aus einer Position der StärkeEs ist schwer vorstellbar, dass Russland in kurzer Zeit neue Pipelines in den Asiatisch-Pazifischen Raum bauen könnte und dabei gleichzeitig auf die Durchdringung eines gut ausgebauten Netzes von Gasleitungen in Europa verzichten würde.

Und ganz unabhängig davon: Ein dauerhafter Wegfall Deutschlands als Abnehmer würde Russland mittelfristig deutlich härter treffen als Deutschland. Am Ende wäre er für uns zwar nicht wünschenswert, aber verkraftbar. Nach Schätzungen des Außenhandelsverbandes BGA gingen Russland bei einem Stopp der Energieimporte in die EU täglich Einnahmen von 100 Millionen Dollar verloren.

Wir sollten uns also bewusst sein, dass wir durchaus aus einer Position der Stärke heraus agieren. Die Gasspeicher sind derzeit zu 60 Prozent gefüllt, die Importstruktur ist veränderbar. Mit Norwegen und den Niederlanden stehen unmittelbar Gasproduzenten in Reichweite, die zumindest über einen mittleren Zeitraum Abhilfe schaffen könnten.

Viel entscheidender aber ist das gewaltige Potential Deutschlands und der EU, die Importabhängigkeit von fossilen Ressourcen insgesamt zu verringern. Die Staatschefs der EU haben die strategische Herausforderung auf ihrem letzten Gipfel erkannt: "Europa muss seine Energielieferungen auf eine breitere Basis stellen, erneuerbare und andere einheimische Energiequellen ausbauen und die Entwicklung einer Infrastruktur dafür koordinieren", forderten sie dort.

Standortvorteil RessourcenwendeDie Diversifizierung der Energielieferungen allerdings kann maximal eine Mittelfriststrategie sein, da die Lieferpotentiale insbesondere im nahen europäischen Ausland begrenzt sind. Mit dem schnellen Bau neuer Terminals für verflüssigtes Gas (LNG) ist kaum zu rechnen, zumal sich der Fracking-Hype in den USA nach den jüngsten Berechnungen der Internationalen Energie Agentur (IEA) als Kurzfristphänomen erwiesen hat. Eine Ausweitung der Kohleproduktion hingegen ist klimapolitisch so desaströs, dass sie angesichts der bekannten Tragfähigkeitsgrenzen der Biosphäre keine verantwortbare Option ist.

Die Zukunftsmusik spielt dagegen bei der konsequenten Umsetzung einer umfassenden Ressourcenwende. Ihre ökonomischen und technologischen Potentiale können die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie dauerhaft stärken. Schließlich sollten wir uns bewusst sein, auf einem Kontinent zu leben, der seine fossilen Vorräte bereits in den vergangenen Jahrzehnten fast vollständig ausgebeutet hat. Diese Tatsache ist aber nicht Bürde, sondern Chance.

Zukunftsfähiger Wohlstand bedeutet für Europa, die Abhängigkeit von fossilen Importen drastisch zu verringern. Die Krim-Krise ist hierauf nur ein Hinweis, aber einer, der nicht überhört werden darf. Deutsche und europäische Wirtschafts- und Energiepolitik muss konsequent darauf ausgelegt sein, sich der Volatilität der internationalen Rohstoffmärkte zu entziehen.

Um Geldströme und Beziehungsgeflechte zwischen beziehenden Staaten und rohstofffördernden Ländern transparent zu machen wäre ein Beitritt Deutschland und anderer europäischer Staaten zur Extractive Industries Transparency Iniative (EITI) wünschenswert.

Null-Emissionsszenarien sind längst keine Utopie mehrIm Kontext unserer Ressourcenabhängigkeit erscheinen so manche Kostendiskussionen rund um die deutsche Energiewende regelrecht kleinkariert. In der EU geben wir täglich eine Milliarde Euro für den Import von fossilen Ressourcen aus. Das ist Geld, das für einen beschleunigten Ausbau der europäischen Verbundnetze für Strom oder eine konsequente Sanierung des Gebäudebestands fehlt.

Im Stromsektor stehen in Folge der Technologieentwicklung durch das EEG mit Photovoltaik und Windkraft kurzfristig kostengünstige Energieträger zur Verfügung, die beim Brennstoffinput für Grenzkosten nahe Null zu haben sind.

Wir sind in der Lage schneller umzuschalten, wenn wir nur wollen. Die Fakten liegen ja längst auf dem Tisch: So verursachen Altbauten heute 95% des Energieverbrauchs von Gebäuden. Die Einsparpotentiale sind gigantisch. Ein Programm zur steuerlichen Förderung der energetischen Gebäudesanierung mit dem Ziel einer Verdreifachung der Sanierungsquote auf drei statt heute ein Prozent könnte unseren Heizbedarf bereits mittelfristig drastisch senken.

Die Null-Emissionsstadt ist längst keine Utopie mehr sondern ein reales Szenario, dem sich in den letzten Jahren verschiedene Studien von Fraunhofer, Siemens oder dem Wuppertal Institut angenommen haben.

Dahin führt uns neben der Modernisierung des Gebäudebestands ein struktureller Wandel der Mobilität insbesondere in den Städten. "Wir müssen aus Autostädten wieder Menschenstädte machen, die leise, verkehrsarm und weitgehend emissionsfrei sind." So beschreibt Prof. Hans-Jörg Bullinger vom Projekt "Morgenstadt" der Fraunhofer-Gesellschaft die Zukunft einer Mobilität vernetzter klimafreundlicher Verkehrsträger.

Der europäische Weg: Steigerung der Energieproduktivität und Fossil-Fuel Phase-OutUm solche Szenarien greifbar zu machen, brauchen wir von der Politik allerdings auch die passenden Rahmenbedingungen: Eine jährliche Steigerung ihrer Energieproduktivität um 2,1 Prozent sollte die EU nicht nur anstreben, sondern endlich auch umsetzen.

Außerdem: Wenn wir ein Freihandelsabkommen mit den USA verhandeln, sollte darin ein „Fossil-Fuel Phase-Out“ enthalten sein: Schluss mit der dramatisch hohen Subventionierung der Förderung und Absicherung fossiler Energieträger. Weltweit sind es aktuell 523 Milliarden Dollar pro Jahr.

Die Ukraine mit ihren über lange Jahre staatlich gestützten verbilligten Gasimporten aus Russland ist dafür nur ein warnendes Beispiel, samt seiner heute sichtbaren dramatischen Folgen. Innerhalb der EU entfielen 2013 hingegen bereits 70% der Neuinvestitionen in Kraftwerke und den Zubau an Energieträgern auf die Erneuerbaren Energien. Der Pfad stimmt also, er muss nur konsequent und im Rahmen einer gemeinsamen Gesamtstrategie beschritten werden.

Und die anderen schlafen übrigens auch nicht: China produziert mittlerweile mehr Strom aus Wind als aus Atomkraftwerken und installiert 2014 deutlich mehr Photovoltaik als die gesamte EU. Der chinesische Regierungschef Li Keqiang erklärte in seiner jüngsten Regierungsansprache der Ressourcenverschwendung wortwörtlich den Krieg. So martialisch müssen wir in Europa nicht agieren. Es reicht schon, wenn wir selbstbewusst die Zeichen der Zeit erkennen.

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