Stauseen: Neue Technik soll die Schweiz zur Batterie Europas machen ...

Stauseen: Neue Technik soll die Schweiz zur Batterie Europas machen ...

von Pascal Moser

... wenn da nicht der Ärger mit der EU über den Einwanderungsstopp für Ausländer wäre.

Lange Zeit waren die Pumpspeicherkraftwerke für die Schweizer Stromkonzerne dasselbe wie das Bankgeheimnis für die Finanzindustrie. Die Kraftwerke in den Alpen waren ein Garant für sichere Einnahmen. Mit billigem Nachtstrom aus dem Ausland vor allem aus französischen Atomkraftwerken und aus Deutschland pumpten die Schweizer Stromunternehmen Wasser in ihre Stauseen. Am Morgen und über Mittag öffneten sie die Schleusen bei hoher Nachfrage. Mit der so produzierten Energie erzielten sie auf dem europäischen Strommarkt Spitzenpreise.

Dieses Geschäftsmodell wollten die Schweizer in den kommenden Jahren ausbauen - doch jetzt droht die Idee zu scheitern. Einmal wegen der deutschen Energiewende - und ganz aktuell wegen des Einwanderungsstopps für Ausländer, für den die Schweizer am Wochenende stimmten.

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Erneuerbare Energie aus Wasserkraft ist in der Schweiz traditionell  bedeutend und macht mit insgesamt 36 Terawattstunden (TWh) rund 55 Prozent der Schweizer Stromproduktion aus.

Und auch Strom wird im großen Stil in Form von Wasser gespeichert: 14 Pumpspeicherkraftwerke tun in den Alpen ihren Dienst. Sie pumpen mit Energie das Wasser in ein Staubecken. Wird Strom benötigt, fließt es durch Turbinen wieder ab. Die jährliche Produktion aus diesen Speicherwerken beträgt immerhin 19 TWh.

Vor allem diese Speicherwerke bescherten der Schweiz lange Zeit einen satten Gewinn im Energiehandel. Doch 2012 waren es mit einer halbe Milliarde Euro rund 200 Millionen Euro weniger als im Vorjahr.

Falsch investierte MilliardenDenn die deutsche Energiewende bedroht das Geschäftsmodell der Eidgenossen. Seit Deutschland die Solarkraft massiv ausgebaut hat, sind für die Pumpspeicherwerke Sonnentage schwarze Tage. Die Sonne scheint zur Mittagszeit am stärksten und produziert viel Strom. Damit hat sich der europäische Strommarkt auf den Kopf gestellt, die Schweizer finden keinen Abnehmer mehr für ihren blauen Strom.

Die Strompreise am Mittag sind wegen der Photovoltaik zusammengebrochen und die Margen nur noch gering. Die Wasserkraft hat dadurch massiv an Wert verloren. Experten rechnen mit jährlichen Mindereinnahmen von über 80 Millionen Euro allein in der Schweiz.

Dies ist zwar wenig im Verhältnis zu den 27 Milliarden Euro Umsatz der Schweizer Energiewirtschaft, dürfte aber den Saldo des Außenhandels reduzieren. 2012 importierte die Schweiz 12,7 TWh Strom aus Deutschland, während gerademal 3,2 TWh exportiert wurden. Das entspricht einem Nettoverlust von 450 Mio. Euro.

Viele Schweizer Stromkonzerne haben vor Fukushima und dem damit einhergehenden Umbau der Energiewirtschaft in Deutschland Milliardeninvestitionen in Pumpspeicherkraftwerke beschlossen. Sie wollten das Land zur Batterie von Europa machen. Allein das Projekt „Linthal 2015“ in der Ostschweiz kostet 1,7 Milliarden Euro. Die längste Staumauer der Schweiz soll dereinst die Leistung von heute 480 Megawatt (MW) auf 1480 MW steigern.

Die veränderten Bedingungen auf dem Strommarkt machen diese Investitionen jedoch fragwürdig. Ähnliche Ausbauprojekte im Berner Oberland (Grimsel 3) und ein Neubau im Bündnerland (Lago Bianco) wurden 2013 gestoppt und sollen erst bei besseren Marktbedingungen weiterverfolgt werden. Die Stromkonzerne zögern große Investitionen hinaus, weil sie die Folgen der deutschen Energiewende noch nicht genügend abschätzen können.

Mit neuen Pumpen zur Batterie Europas

Auch die Schweizer Regierung verfolgt seit 2012 das Ziel, das Land zur Batterie Europas auszubauen. Das Bundesamt für Energie rechnet, dass die geplanten und teilweise zurückgestellten Projekte der Großwasserkraft insgesamt eine Zusatzproduktion von 2.6 TWh ermöglichen.

Voraussetzung für die großangelegten Speicherpläne ist allerdings ein zügiger Netzausbau und ein rascher Anschluss ans europäische Netz. Doch hierzu stocken die Verhandlungen zwischen der EU und der Schweiz jetzt. Nach der Schweizer Abstimmung über die Zuwanderungsinitiative, hat die EU die Gespräche mit der Schweiz über ein Stromabkommen vorerst auf Eis gelegt. Während der EU-Strombinnenmarkt 2014 Gestalt annimmt, droht die Schweiz den politischen Anschluss zu verlieren - die Pumpspeicherkraftwerke wären damit in Europa außen vor.

Wo die Schweizer gesellschaftspolitisch nicht in der Lage für eine EU-Integration sind, so sind sie es doch technisch immerhin. Bislang war die Speicherung von überschüssiger Sonnen- und Windenergie wenig effizient, weil sich die Pumpen an den Stauseen nicht ausreichend steuern ließen. Die Speicherwerke müssen bei bewölktem und windstillem Wetter blitzschnell reagieren können.

Während die Schleusen zur Stromerzeugung einfach steuerbar sind, waren Pumpen, die Wasser in die Seen zurückbringen, bisher unflexibel. Entweder konnte man die Pumpen ein- oder ausschalten. Nun gibt gibt es aber eine neue Technologie im Kraftwerk Grimsel, die dieses Problem löst.

Eine sogenannnte drehzahlvariable Speicherpumpe soll den Pumpspeicherkraftwerken den Sprung in die Energiezukunft ermöglichen. Die 17 Millionen Euro teure Technologie des Schweizer Technikunternehmens ABB trägt den Namen „Varspeed“ und erlaubt erstmals eine Regulierung der Pumpenleistung. Damit kann innerhalb von Minuten die Stromproduktion dem Verbrauch angepasst werden.

Im März 2013 ging im Berner Oberland die erste Anlage von ABB in Betrieb und kann nun das Stromnetz innerhalb kürzester Zeit stabilisieren. Die Pumpe kann zudem dank des Umrichters sehr rasch gestartet und gestoppt werden. Dies macht die Stromproduktion effizienter und flexibler und führt zu niedrigeren Kosten für den gespeicherten Strom. Die Investition sollte sich für das Kraftwerk in 8 bis 15 Jahren amortisieren. Legt die Schweiz ihren Streit mit der EU bei, könnten also bald größere Mengen Grünstrom aus Deutschland in den Alpenseen lagern.

Gut für den europäischen und deutschen Strommarkt wäre es allemal. Denn auch in Deutschland stellt sich die Frage nach der Zukunft der rund dreißig Pumpspeicherkraftwerke. So ist etwa der geplante Ausbau der Schluchseewerke im Südschwarzwald umstritten, weil er mit massiven Eingriffen in die Ökologie verbunden ist.

Zwar will auch der Koalitionsvertrag der neuen deutschen Regierung, dass Pumpspeicherwerke künftig ihren Beitrag zur Netzstabilität wirtschaftlich leisten können. Gleichwohl suchen Unternehmen nach Alternativen zu Stauseen. Das amerikanische Startup Gravity Power plant unterirdische Riesenbatterien in Baden-Württemberg und Bayern. Und im Ruhrgebiet überlegt man sich die Umnutzung ehemaliger Zechen zu unterirdischen Pumpspeicherkraftwerken.

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