Stromautobahnen: Pilotprojekt mit Erdkabeln startet

Stromautobahnen: Pilotprojekt mit Erdkabeln startet

von Wolfgang Kempkens

Viele Bürger würden die riesigen Stromtrassen, die Windenergie transportieren sollen, gerne unter die Erde verlegen. Doch so einfach ist das nicht.

Wenn man die Deutschen nach ihrer Einstellung zur Energiewende fragt, dann sind sie mit großer Mehrheit für den Umbau der Stromversorgung. Sollen dann allerdings Windräder und Stromautobahnen vor ihrer Tür gebaut werden, um die Energiewende voranzubringen, hört bei vielen die Grünstrombegeisterung auf. Kein Wunder, dass zwischen Kiel und Garmisch Dutzende Bürgerinitiativen und Lokalpolitiker über den Verlauf der geplanten Stromtrassen ringen.

Besonders umstritten sind die großen Stromautobahnen (aka Höchstspannungs-Gleichstromleitungen), die künftig Windenergie von Norddeutschland nach Süddeutschland bringen sollen. Auch die Trasse, die von Ostdeutschland nach Bayern führen soll, ist beim bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in Ungnade gefallen.

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Auch Erdkabel sieht manWährend diese Projekte für Ärger sorgen, hat für eine andere Stromautobahn in aller Stille das Planfeststellungsverfahren begonnen. Eine 380.000-Volt-Drehstromleitung wird künftig das Örtchen Dörpen im Emsland mit Wesel am Rhein verbinden.

Warum das überhaupt eine Meldung wert ist? Für Deutschland bedeutet die Trasse eine Premiere, denn immerhin knapp zehn Kilometer der rund 165 Kilometer langen Leitung werden in den Untergrund gelegt. Lediglich in Berlin gibt es im Verlauf der so genannten Transversale längere unterirdische Höchstspannungskabel. Zwei haben eine Länge von insgesamt 11,5 Kilometern. Dazu kommen noch 11,9 Kilometer Kabel in begehbaren Tunneln. Ein Teilstück wird sogar von einer Einschienenbahn befahren, um Wartung und Inspektion zu erleichtern.

Zwar fordern viele Bürger die großen Erdkabel auch für die geplanten Stromautobahnen, aber die Verlegung von Höchstspannungskabeln unter die Erde ist keineswegs Stand der Technik. Deshalb gelten die vier Teilstücke als Großversuch im Regelbetrieb. Ziel ist es, dort mit deutlich mehr als 99 Prozent die gleiche hohe Verfügbarkeit sicherzustellen, die Freileitungen haben, und keine Black-Outs zu provozieren. Die unterirdischen Kabel in Berlin kommen auf gerade mal 90 Prozent. Der schwerste Störfall war erst nach rund zehn Monaten behoben.

Der Vorteil der unterirdischen Höchstspannungskabel scheint naheliegend: Man sieht sie nicht und die Belastung durch magnetische Wellen ist niedriger. Aber ganz so einfach ist es nicht. Frank Gollnick vom Forschungszentrum für Elektro-Magnetische Umweltverträglichkeit an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen gibt zu bedenken, dass „unmittelbar über einem Erdkabel das magnetische Feld stärker ist als unter einer Freileitung. Allerdings nimmt es schneller nach den Seiten hin ab.“

Kosten von bis 16 Millionen Euro pro Kilometer

Die gewaltige elektrische Leistung, die derartige Kabel übertragen, wirkt sich auch auf die darüber liegende Erde aus. Sie erwärmt sich um mehrere Grad Celsius. Das hat Auswirkungen auf den Bewuchs. Auf einem rund 25 Meter breiten Streifen oberhalb der Kabeltrasse dürfen nur flach wurzelnde Pflanzen wachsen.

Eine Freileitung beansprucht allerdings einen 70 Meter breiten baumlosen Streifen. Längere unterirdische Leitungen machen sich auch sonst noch oberirdisch bemerkbar. Sie benötigen in Abständen von einigen 100 oder wenigen 1000 Metern Gebäude, in denen die Kabelteilstücke miteinander verbunden werden.

Die Netzbetreiber sind auf unterirdische Strecken nicht sonderlich gut zu sprechen. Während ein Kilometer Freileitung rund eine Million Euro kostet, sind es in der Erdkabelvariante vier bis 16 Millionen. Außerdem befürchten sie, dass Erdleitungen eine Lebensdauer von allenfalls 40 Jahren haben. Freileitungen kommen dagegen auf 80 bis 100 Jahre. Allerdings müssen zwischenzeitlich die Seile ausgetauscht werden, wie die Strom führenden Strippen fachmännisch genannt werden.

Neue Technik soll Kosten senkenDie neue Leitung zwischen Dörpen und Wesel wird 2600 Megawatt Windstrom übertragen können, das entspricht der Leistung von zwei großen Kernkraftwerken. Der Strom wird im Rheinland verbraucht, vor allem also zwischen Wesel und Köln. Das könnte den Bedarf an Braunkohlestrom verringern, der wegen hoher Emissionen von Kohlendioxid nicht den besten Ruf hat.

In Deutschland gibt es mehrere Hersteller, die Höchstspannungs-Erdkabel produzieren: Die Kölner NKT Cables Group, die bereits eine Großinstallation vorweisen kann: ein 400.000-Volt-Kabel in London. Auch Südkabel aus Mannheim hat bereits mehrere solcher Kabel verlegt, ebenso Siemens, das mit einer Neuentwicklung Furore machen will: Der Gas-Insulated Transmission Line (GIL). Als Stromleiter fungiert hier Aluminium statt Kupfer. Isolator ist ein Gas. Eine 1000 Meter lange Erdleitung befindet sich bereits im Untergrund des Frankfurter Flughafens. Der Vorteil: Die Kabel sollen viele Jahrzehnte wartungsfrei sein und kaum elektromagnetische Strahlung absondern.

Korrektur: Südlink ist nicht die zweite im Text genannte Leitung von Ostdeutschland nach Bayern, sondern die Trasse, die von Nord- nach Süddeutschland führt.

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