Strombörse: Deshalb kommt das Rekordtief nicht beim Kunden an

Strombörse: Deshalb kommt das Rekordtief nicht beim Kunden an

von Susanne Ehlerding

Der Börsenstrompreis ist im Mai auf ein Rekordtief gefallen. Nur: Verbraucher merken davon nichts. Warum eigentlich?

2,54 Cent pro Kilowattstunde - ein Energieversorger mit diesem Angebot könnte sich vor Neukunden kaum retten. An den Strombörsen ist dieser Preis Realität, denn vergangenen Monat fielen die Energiekosten auf ein Rekordtief.

Wenn die Erneuerbaren viel Strom produzieren, können fossile Grundlast-Kraftwerke nicht entsprechend flexibel heruntergeregelt werden. Dann produzieren sie ein Überangebot - und der Preis stürzt. Sonnige Zeiten auch für Verbraucher? Leider nicht. Beim Endkunden bleibt der Strompreis etwa zehnmal so hoch.

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Um das zu verstehen, muss man die Zusammensetzung des Preises betrachten: Nur ein Viertel entfällt auf die Produktion des Stroms. In der Grafik wird das etwas umständlich „Strombeschaffung“ genannt:

Fast genauso viel kosten die Netzentgelte. Die Stromerzeuger zahlen die Netzentgelte an die Netzbetreiber, damit diese den Strom durch ihre Leitungen zum Kunden transportieren. Produktion und Transport machen also die Hälfte des Strompreises aus.

Der Staat bestimmt den Preis

Hinzu kommt das, was der Staat einsammelt, vor allem Abgaben, Steuern und Umlagen. Den größten Anteil an diesem Kostenblock hat die EEG-Umlage. Sie ist in der Vergangenheit gerade wegen des Erfolgs der erneuerbaren Energien gestiegen. Man spricht auch vom Ökostrom-Paradox: Je billiger Strom aus Erneuerbaren, desto höher steigt die EEG-Umlage. Denn sie errechnet sich aus der Differenz zwischen dem Börsenstrompreis und der staatlich garantierten, auf 20 Jahre festgeschriebenen Einspeisevergütung für Betreiber von Grünstromanlagen.

Der Börsenpreis kann aber gerade deswegen so weit sinken, weil bei den Erneuerbaren nach dem Bau einer Anlage keine Brennstoffkosten mehr anfallen. Sie können ihren Strom quasi kostenlos produzieren.

Strom aus Erneuerbaren hat Vorfahrt

Da Strom aus Erneuerbaren bei der Einspeisung ins Netz Vorfahrt hat, sind alle anderen Kraftwerke erst danach an der Reihe. Man nennt das Merit-Order.

Der Strompreis an der Börse wird von dem Kraftwerk bestimmt, das gerade noch zu vertretbaren eigenen Kosten den Strom verkaufen kann. Alle anderen bekommen dann den gleichen Preis (außer die Erneuerbaren, die ja die Einspeisevergütung erhalten). Weil aber oft sehr viel Strom aus Erneuerbaren im Netz ist, werden die anderen Kraftwerke weniger gebraucht. Die Nachfrage sinkt und damit der Preis.

Künftig wird die EEG-Umlage nicht mehr so stark steigen wie bisher, weil die Einspeisevergütungen immer weiter gesunken sind. Denn durch den massenhaften Ausbau von Wind- und Photovoltaikanlagen sind diese sehr viel billiger geworden, damit konnten auch die staatlichen Anreize sinken. Die Lücke zwischen Börsenstrompreis und garantierter Vergütung wird also kleiner und damit sinkt die EEG-Umlage.

Weitere Anteile am Strompreis sind die Mehrwertsteuer und die Stromsteuer. Die Stromsteuer wurde 1999 eingeführt und fließt hauptsächlich in die Rentenkasse. Die Idee dahinter war ein ökologischer Umbau der Wirtschaft.

Die Konzessionsabgabe zahlen Stromversorger an Gemeinden dafür, dass sie öffentliche Wege nutzen dürfen.

Kleine Umlagen zur Marktgestaltung

Dann gibt es noch vier klitzekleine Anteile am Strompreis: Die Offshore-Haftungsumlage wird für das Risiko der Investoren beim Ausbau der teuren Windenergie auf dem Meer erhoben. Die KWK-Umlage sorgt dafür, dass die erhöhten Kosten der Betreiber von Kraft-Wärme-Kopplungen ausgeglichen werden. Das ist politisch gewünscht, weil KWK-Anlagen sehr effizient sind.

Die Umlage nach § 19 NEV bezieht sich darauf, dass sich große Stromverbraucher von den Netzentgelten befreien lassen können. Die Kosten werden auf alle Stromkunden umgelegt. Genauso ist es mit den Kosten für abschaltbare Lasten: Industriebetriebe bekommen Geld dafür, dass sie ihre Produktion kurz unterbrechen, wenn das für die Stabilität des Stromnetz gerade gebraucht wird. Auch diese Kosten werden auf die Allgemeinheit umgelegt.

Auch wenn der Strompreis an der Börse aktuell nur 2,6 Cent pro Kilowattstunde beträgt, würden also immer noch allerhand Aufschläge dazu kommen. So billig kann er nie bis zur Steckdose geliefert werden.

Anbieter müssen Niedrigpreise nicht weitergeben

Andererseits könnten die Stromlieferanten wenigstens etwas von den niedrigen Preisen weitergeben. Schließlich zahlen Haushaltskunden in Deutschland rund 29 Cent pro Kilowattstunde. Zuletzt sind die Strompreise auch etwas gesunken - abhängig vom Anbieter.

Verpflichtet zu einer Weitergabe niedriger Börsenstrompreise sind die Stromversorger ohnehin nicht. Die Politik könnte das jedoch ändern. Gesetzgeberisch sei der Weg dazu ganz einfach, sagt der Energieexperte Felix Matthes vom Öko-Institut: „Das Bundeswirtschaftsministerium müsste lediglich eine entsprechende Verordnung erlassen.“

Direkt an der Strombörse könnten Normalverbraucher jedenfalls nicht einkaufen. Die Mindestabnahme liegt bei rund 24 Megawattstunden (MWh), der Durchschnittsverbrauch einer vierköpfigen Familie beträgt dagegen nur etwa 3,5 MWh im Jahr.

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